Nett ist der kleine Bruder von Scheiße

’8 Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel. Und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn. 9 Und der HERR sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Und er sagte: Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter? 10 Und er sprach: Was hast du getan! Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden her.’


Aufdeckung von Ungereimtheiten - Roman


Nachtrag vorweg

„Sie haben ihren Vater umgebracht!“
„Warum sollte ich?“
„Weil Sie ihn gehasst haben!“
„Sagen Sie jetzt nichts mehr, - gar nichts!“ Befiehlt Doktor Meyer, Strafverteidiger, als mein Rechtsanwalt.
„Dann werde ich es Ihnen sagen...“
„Auch Sie werden gar nichts mehr sagen“, sagt Doktor Meyer. Doch den Staatsanwalt kümmert das nicht richtig, und den Haftrichter gar nicht.

„Der junge Mann hat ADHS!“
„Auch falsch!“ Behauptet Meyer dagegen. „Unser Gutachter kommt zu dem Schluss, dass mein Mandant unter Asperger leidet. LEIDET, verstehen Sie?!“
„Wer ist der Gutachter?“ Fragt der Haftrichter.
„Professor Doktor, Doktor Künzel!“
„Na dann...“
„Und nun?“
„Ich hebe hiermit den Haftbefehl auf, Herr Staatsanwalt! – Oder haben Sie ’neue’ Beweise?“
„Nein. Keine.“
„Gut, dann ergeht folgender Beschluss...“

„Wie geht’s nun weiter, Doktor Meyer?“ Flüstere ich.
„Sie werden in die U-Haft zurückgeführt und von da aus dann entlassen. Das dauert aber, bis der Haftrichter die Papiere unterzeichnet hat. - Sie können also in Ruhe packen!“
„Im Film sieht das aber alles anders aus. Da gehen die Leute aus dem Gerichtsaal direkt in die Freiheit.“
„Wie alt sind Sie jetzt?“
„Eben Neunzehn, Herr Doktor Meyer.“
„Sie werden in ihrem Leben bestimmt noch viele falsche Filme sehen.“
„Ja. - Bestimmt!“
Im falschen Film war ich neun Monate und 6 Tage zuvor, als Mutter unter meinem toten Erzeuger lag.
„Und vergessen Sie nicht, sich wöchentlich auf dem Polizeirevier zu melden.“
„Versprochen!“
„Okay. - Wir telefonieren morgen!“

„Ach, Herr Doktor Meyer.“
„Ja.“
„Rufen Sie bitte meinen Bruder an?“
„Eddy? - Soll der Sie abholen?“
„Ja, bitte!“
„Seien Sie vorsichtig, - und kommen Sie nicht unter die Räder; Sie sind noch jung und...“
„Ich werde mir Mühe geben. Versprochen!“

’Ich bin ein Krimineller. Kriminelle sind notorische Lügner. Alles an mir ist eine Lüge’, schreibt Raymond 'Red' Reddington.
Dabei wollte ich Abitur machen und Stuntman werden.


Trailer

Ich habe 0,66666 Jahre lang Schlachter gelernt und musste die Lehre abbrechen, weil ich (angeblich) meinen Vater geschlachtet habe. Eine Kopfgeburt. Das gehasste Vieh. Sagt man.


Bild 1

Das Leben passiert, wie wenn ein Ertrunkener in der Wüste liegt, während du mir was über Freiheit und Ungezwungenheit redest. Von ’Absinthe Green Silk Satin’ und lauter anderen schrecklich schönen Sachen. Doch halt! Ich liebe sie. Alle! Und gebe viel dafür mit ihr in ’Jacket, Dress And Slip’ flach auf einer Marmorplatte zu liegen um auf die Sünden der Nacht zu warten. Ich, Bruder von Jimmi und Eddy Asperger, - der gutgläubige Idiot. Doch das wird sich nun ändern.

„Frauen sind Ware!“ Wirft Eddy den Köder aus. Der einer meiner ’oberschlauen’ Brüder ist. „Sieh zu, dass du selber bald eine hast und mit dem Arsch an die Wand stellst!“ Und dazu johlen seine Champagnerbesoffenen Hühner im Bunny- Kostüm, dass ihre Puscheltitten und Plunderohren im Takt mit dem Cadillac wackeln. Genau das geschieht mir, als ich nach 9 Monaten und 6 Tagen U-Haft entlassen werde, weil mir Eddy einen Star an Strafverteidiger spendierte, der zudem mit Richter und Staatsanwalt gut kann.


Bild 2

Die Knastpforte scheppert ins Schloss. Auf dem Parkplatz blitzt Keules roter Cadillac, aus dessen Verdeck es summt. Das die 12 Zylinder unter dessen Haube brummeln wie satte Kaninchen, muss ich wohl nicht weiter erklären. Lieber springe ich mit einem Satz in die geile Karre und Eddys 3 Ladys hühnern sofort an mir rum; - ey, ich sitze noch nicht mal und das Verdeck ist noch offen!
„Du bist gut im Futter. Hast Muskeln zugelegt!“
„Sechs Monate Sportkalfaktor, da brät sich was zusammen,“ muss ich grinsen.

„Was heißt es eigentlich ’der kann mit dem Staatsanwalt gut’“, komme ich wenig später Absinth gurgelnd zum ersten Mal in der Grünsten der grünen Feen.
„Meyer hat den Staatsanwalt überzeugt, Moni zu nageln. Und es gibt reichlich Bilder davon!“
„DIE Moni?“
„Ja. - DIE Moni!“
„In unserem Laden?“
„In meinem Laden!“
„Also,“ lacht Eddy, „willst du sie haben?“
„Moni?“
„Meinst du, du bekommst von mir den Staatsanwalt?“
(...)

Und so fing es an. Das mit Moni - ’All That Jazz’. Und dem Film vom ’Rock’n Roll’ erigierten Staatsanwalt.
- Yippie Ya Yeah Schweinebacke! Hoch soll sein steifer kleiner Pimmel leben. -


Bild 3

Die Kugel blieb knapp unter der Kopfhaut stecken. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Nicht mal, wo die hergekommen ist. Nur eins: Es war vermutlich ein ziemlicher Akt die reinzubekommen, weil es ein ziemlicher Akt war die wieder rauszubekommen.
3 Wochen Intensivstation. Hörte ich später. Da waren die Fäden schon verfault. Innen. Wo sie die Schwarte zusammenhalten. Außen kann man sie abziehen wie einem Schwein die Borsten. Bei mir ging es jedenfalls so.

„Und das ist deine Narbe?“ Tastet Moni neugierig.
„Ja. - Das ist sie. Und deren gute Pflege ist wichtig. Brich dir also nicht die Fingernägel ab!“ Was sollte ich auch sonst sagen.
„Die sind nur aufgeklebt.“
„Ich mag dich trotzdem!“
„Echt? - Du bist so anders...“, sagt Moni mit aufgerissenen Augen.
„Wie denn?“
„Anders eben.“
„Spannend!“


Bild 4 - Live Leak

Wer nach mir sucht, gibt am besten bei Google Maps die U- Bahnstation Berlin- Turmstrasse ein. Nimmt den Finger und fährt damit rechts die Turmstraße bis zur Wilsnacker Straße dann kurz vor dem Amtsgericht Tiergarten, das gleichzeitig das Landgericht Berlin ist, wieder rechts. Hinweis Amts- und Landgericht: Um längere Wartezeiten zu vermeiden, wird empfohlen, einen Termin zu vereinbaren. Doch das ist ja jetzt voll Banane, weil es nämlich in die Wilsnacker geht und von da aus links in die Straße Alt- Moabit. Ey, an deren Ecke befindet sich ein super- super geiler Fleischerladen. Und ich kenne die Kaltmamsell! Weil sich keine 100Meter weiter der Eingang zum Knast befindet. Braune Steine. Graue Gitter. Blitzender Stacheldraht, so weit das Auge sehen kann: Alt Moabit 12A! Eine Adresse wie Donnerhall. Kannst du glauben. Immerhin habe ich dorthin über 9 Monate meine sämtliche Post bekommen.
Gut, wir merken uns also Berlin Alt- Moabit 12A: Knast. (Oft dazu gefragt: Abgabe von Kleidung, Wäsche und genehmigten Gegenständen. Antwort: Völlig unabhängig von der Besuchswahrnehmung besteht einmal pro Woche, jedoch maximal dreimal im Monat, die Möglichkeit, Kleidung mit einem zulässigen Höchstgewicht von 5 kg in der Rathenower Straße 81 an der Pforte VII abzugeben. Hierfür stehen folgende Öffnungszeiten zur Verfügung: montags 11.15 Uhr - 18.15 Uhr, jeden zweiten Dienstag im Monat 11.15 Uhr - 16.15 Uhr, dienstags und mittwochs von 09.15 Uhr – 16.15 Uhr donnerstags, freitags, samstags und sonntags, sowie an Feiertagen geschlossen). - Hast du’s? Gut! Denn von da aus sind es mit Eddys Cadillac, wenn er langsam fährt, noch zirka 20 Minuten bis zum Kiez in der Potsdamer Straße. Man rutscht dazu Ecke Knast rechts die Rathenower Straße runter, fährt die Paulstraße. Passiert am Schloss Bellevue die Spree, winkt dem Bundespräsidenten mit dem Mittelfinger. Cruist um die Goldelse. Knackt links das Lützowufer und ist auf der Bundesstraße 1, der Potse. So weit alles klar?

„Klar“, sagt Eddy.
Während ich ihn bitte, rechts an der Dings, also der Bülowritze über die Kleiststraße zum KaDeWe abzubiegen.
„Was willst du denn da, Mann?“
„Leute gucken!“
„Echt?“
„Natürlich nicht. Ich will ein fettes Pils vom Fass. - Oder zwei!“
„Immer mal wieder in die Feinschmeckeretage, was?“
„Wenn es geht?“
„Passt schon!“
„Aber die Hühner bleiben derweil im Auto!“
„Du bist der Boss!“
„ ...der Laden wurde übrigens vor Tagen ausgeraubt.“
„Was, - die Feinschmecker?“
„Nicht doch, - die Schmuckabteilung du Hirni!“
„Und wer?“
„Man sagt was von Kanaken- GmbH.“
„Die mit der Spielbank?“
„Genau die!“
„Ich dachte schon du...“
„Leider nicht.“ Grinst er. Und er kann grinsen. Live Leak. Dreckig und erfolgreich. Oder irgendwie so. Seine Stuten lieben ihn jedenfalls dafür. Und ich ihn, als sein Bruder. Blut ist dicker; weißt schon, oder?


Bild 5 – Block- Buster- Rolex- Submariner Vintage “James Bond”

„Wo wir schon mal hier sind“, freut sich Eddy, „können wir dich gleich mal herrichten!“
„Was meinst du?“
„Klamotten sind wichtig; - weißt du doch!“
Drei Jupp- Topp- Anzüge, zehn Marken- Adler- Kragen- Hemden, 2 Schweine- Reich- Jeans mit echten Goldnieten darauf und zig anderem exklusiven Schwachsinn, zwei Lederjacken in Frosch- Loch- Handschuhleder, Stakkato- Unterwäsche (aus reiner Seide), traue ich mich kaum zu sagen, mundgeblasene Piff- Paff- Puff- Socken, Hochglanz- Benny- Ich- Bin- Black- Schuhe und so weiter fort, bis ich „Stopp“ rufe.
„Stopp! - Ich brauche jetzt erst mal ein Bier!“
„Lass uns vorher noch kurz in die Schmuckabteilung!“
„Okay!“
Wo ich wenig später mit der Rolex- Submariner- Vintage- James Bond zu 18.900 am Arm überlege, wann er endlich von Mutter spricht. Oder was ich zu tun habe damit er. Ob es eine Explosion geben muss, dass die Hütte einstürzt. Einen Überfall mit Schießerei. Einen Raubmord direkt neben uns. Ein Attentat auf ihn. Oder einen Dachstuhlbrand in seiner Birne... oder ob es... und ob er den Tod seines Vaters (meines Erzeugers) verwunden hat, oder nicht. – Nicht, oder?

„Was ist? Was glotzt du so dämlich!“ Wird er wütend.
„Das wollte ich dich fragen.“
„Was denn?“
„Wie es Mutter geht...“
„Das tust du mit Absicht, - du - du Muttersöhnchen! Oder?“


Bild 6 – Menschen kann man mit einer Wohnung töten wie mit einer Pistole

Im satt verslumten Berlin- Wedding hausten wir neben dem Kloster der Barmherzigen- Schwestern. Nun ist ein Bordell drin, - wo mein Erzeuger als Fleischer schlachtete und auch starb. Und unsere ehemalige Wohnung dient als Absteige für Thai- Girls. Klar, die Bude mit Klo auf halber Treppe braucht ja auch sonst keiner. Nicht mal irgendwelche verlausten Asylanten. Auch mein Erzeuger ist an dem Teil mehr oder weniger verreckt. Mutter in einer psychiatrischen Anstalt. Ich im Knast. Bruder Eddy Zuhälter. Jimmi ein kaputt- geliebter Autist mit Vollpension in einem ausbruchssicheren Behinderten- Heim. Frage: Geht man so mit Menschen um? Antwort: Ja, warum denn auch nicht...

„Ich habe das beste Pflege- Heim weit und breit ausgesucht. Und meiner Meinung nach fühlt sie sich dort auch wohl!“
„Hat sie es dir gesagt?“
„Nein. – Sie spricht nicht.“
„Nicht ein Wort?“
„Nicht ein Wort.“
„Und was sagt der Arzt?“
„Was von posttraumatischem Belastungsdings und so wirres Zeug.“
„Wann warst du letztens da?“
„Ist schon ein paar Kaffeestunden her.“
„Aber auf dem Friedhof bist du oft!?
„Fast täglich...“

Heute ist Blindheit und Heuchelei Tagesgeschäft. Früher glaubte man Freundschaft und Treue und sagte im Idealfall zu den Eltern: Ich ehre und liebe dich.

„Du hast Ansichten wie ein Hundertjähriger, Keule.“
„Das macht der Knast!“
„Ich war auch schon mal da“, sagt er.
„3 Tage wegen Mauserei, ich weiß!“
„5 Tage. - Und ich weiß, dass du Vater nicht erstochen hast!“

Nett ist der kleine Bruder von Scheiße, weiß doch jeder. Und Wahrheit ist das Grab aller Illusionen, Reise in die Dunkelheit genannt. Noch Fragen?

„Wo ist eigentlich der Hund?“
„Das krätzige Vieh habe ich einschläfern lassen.“
„Du bist ein herzloser Vollidiot!“
„Wo du es sagst...“


Bild 7 - Hinter dem Fenster Außen

Es gibt Dinge, über die es lohnte zu weinen -, wenn man die vorher wüsste. Ich nenne Enttäuschung oder Freude. Liebe, Hass, Schmerz oder Glück. Ja. Es gibt Dinge um die muss man kämpfen, egal was die sind.

„Du hast mich in den neun Monaten Knast nur einmal besucht, Eddy!“
„Und?“
Und so was von lässig kommt dieses Und, als wenn unbemerkt die Oberfläche der Welt zusammenbrechen würde und sonst nichts. Nichts weiter! Ganz anders Moni. - Moni läuft jubelnd auf mich zu. Und ist schlank wie einst der Mai, diese langbeinige Provokation in blond. Auch hat sich an ihr nichts geändert, wie ich sehe. Immer noch die super- hochhackigen Schädelbrecher- Schuhe. Immer noch ihre hübsche Kiez- Visage. Darin das prall- rotgemalte Maul auf vollen Lippen, ein wahnsinniges Versprechen auf, - auf was? Die kohlschwarzen überlangen Wimpern. Doch auch ihr gelebtes Leben..., im Spiegel ihrer großen Augen. Dieses getäuschte, betrogene, verlassene, ausgesetzte, beraubte und fast verdurstete Sein. Das immer noch Opfer von Überfällen ist. Von Begehrlichkeiten. Und die lebende Zeugin eines Persönlichkeitsmordes in frühester Jugend. Andererseits ist sie immer noch eine Kindfrau. Eine Art von ’aus dem Elendsasyl gekrochen, um zu bleiben, wo es besser ist’. Die süße Moni, die jetzt mir gehört. Ein einziges Hoffnungszeichen, so positiv, wie sie auf mich zuläuft. Und immer schneller ist sie ein Fingerzeig für mich. Und das nicht nur an diesem Tag. Ihr Stammeln „Ich habe dich schon immer geliebt, Chess!“ Dabei ist sie zehn Jahre älter. Genau wie meine erst- besten Wunden, von denen es inzwischen zahlreiche gibt. Wie die von den Schmerzen. Die als Mahnung stehen. Ob ich sie nun verschuldet habe oder als unverschuldete empfinde. Wie die tiefe Schnitte in Seele und Fleisch. Selbstverletzung, schon klar. Wegen der Schuld, die so sichtbar unsichtbar. Und meine Scham darüber. Dazu dann der Stolz über das Leid. Über das Dasein. Das es zu besiegen galt und gilt. Hinter Gittern und Mauern. Überleben. Im Knast. Wo man Zeit dafür hat. Genug Zeit. Um Grenzen aufzuheben. Sich ein Fenster nach innen zu schaffen. Durch einen Riss, eine Wunde. Eine spätere Narbe. In die man tief ein Loch bohrt. In die Würde. Um durch das Reich der Unterwerfung zu sich selber zu gelangen. Hin zum Leid um Mitleid. Um in Täters Opferrolle zu schlüpfen. Der sich hinterfragt, analysiert, kategorisiert. Denn, wie gesagt, Zeit dafür ist reichlich im Knast. Wenn man an den Gittern hängt. Im Krieg mit sich selber, gelistet in tag- täglichen Protokollen, Skizzen, Notizen, - einigen Tätowierungen. Die bleiben nicht aus. Wie das Kopfkino. In dem alle Facetten Schmerz sind. Schuld. Alle Zeichen von Erfahrung in Begegnung. Auch der letzte Schrei.
„Nun oh Mensch! Was hast du wieder angerichtet? In Silber hast du verwandelt, alles was einst Gold war.“

Na, ich weiß ja nicht. All diese Freaks da. Und dort. In der Justiz. Die täglich neu verjüngt mit Mänteln aus feinstem Ponymösen- Fell auf Grunge- Power getrimmt. Ekelhaft, die Rutengänger schäbigster Wahrheiten. Die Hobbyjuristen einer Saison. Lebensarchäologen, - kuriose Erdarbeiter und gemütskranke Menschenentwürfe. Spezialisten der Gerichtsbarkeit, die große Töne spucken aber nur kleine Bögen pissen. Von wegen: Meinetwegen ist eben ein 5 Kilometer langer Güterzug entgleist. - Einzig eine große Schnauze haben diese Spinner. Opfer sind die, - wie sie und er. Und es werden täglich mehr. Und dafür soll nun ich sorgen, sagt Eddy. Bevor ihm das Kartenhaus Puff einstürzt. Nun, wir werden sehen, sage ich. Und küsse fürs erste Moni. Und nicht nur das: I Walk the Line, Bruder!


Bild 8 - Walk the Line

Nach der Skalierung sind die Maße zu groß. Doch als ich ihn einführe, sagt sie nichts.
Stunden zuvor habe ich sie am Straßenrand der Potsdamer zwischen Junkie- Kids aufgegabelt. Nun hockt sie auf dem wackligen Küchenstuhl mit der defekten Lehne (wo kommt der nur her, zwischen all dem modernen Zeug das Eddy mir in die frisch renovierte Wohnung gestellt hat?) und scheuert ihren kleinen Hintern, - aus dem linken Ohr hängt ihr der Stöpsel vom iPhone, oder so was ähnliches. Ey, schimmert es blau an ihrem rechten Auge, - ist es Blut am T-Shirt, oder Lippenstift? Mann, Alter, - was einem alles so auffällt, wenn man auf Kindfrauen steht...
„Meine Finger sind kalt!“ Greint sie in einer Art Stimmbruch heiser.
„Mein Herz ist heiß“, lache ich um die Sache mit ihr locker zu halten.
„Das beißt sich“, sagt sie „und überhaupt...“
Mich erstaunt das, weil ich dachte, sie könne überhaupt nicht sprechen - so lange, wie sie schon schweigt. Danach grinsen wir beide. Wie Freier und Hure eben grinsen. Verschämt. Würde man sagen. Denken? Schon wegen ihres mini kurzen Rocks ohne Schlüpfer drunter (ich kann zwischen den Beinen ihre kahl rasierte Möse sehen, - oder bilde ich mir das nur ein?), den roten Stilettos und den wie selbst gestrickt wirkenden regenbogenfarbigen Wadenwärmern an ihren mageren Knöcheln.
„Weil die Nächte so kalt sind“, sagt sie entschuldigend. Und das sie überhaupt nie gedacht hätte, auf dem Strich zu landen. Obwohl ich sie danach nicht gefragt habe. - Alles, weil der Harry doch so nett war. Erst. Wenig später gab es nur noch aufs Maul.
„Lieber wäre ich in der Wüste verdurstet, - hätte ich das vorher gewusst“, sagt sie.
„Welche Wüste“, frage ich.
„Die an der Küste“, ihre Antwort.
„Und dann?“
„Mit Gott und dem Boot übers Meer!“ Fingert sie haltsuchend an einem Kreuz vor ihrer Brust; scheint es.
„Nach Italien?“
„Ich weiß nicht. Das Auto fuhr endlos.“ Und ich denke, je jünger die sind, je knalliger ihre Lidschatten, - je länger die künstlichen Wimpern. Während sie mir zunickt, als ich sie nach ihrem Zuhälter frage.
„Pauli“, sagt sie, „heißt der. - Wie Harry, auch so ein brutaler Mensch“, der sie mit einem nassen Handtuch auf den Köper schlägt.
„Er ist Abschaum“, sagt sie, „menschlicher Müll!“ Doch ihre Gesichtszüge wirken jünger.
„Hast du auch einen Namen?“
„Aber klar doch!“
„Und?“
„Und du?“
Nach der Skalierung sind die Maße zu groß. Doch als ich ihn einführe, sagt sie nichts.

- no more tears -
viele denken ich habe voll einen an der klatsche weil ich die frau die ich liebe verlassen habe
dabei stimmt das so nicht
ich hatte nur ein paar whiskey zuviel dies jahr
einiges an partys und weibern ein wenig gras auch mal eine nase und schon hatte sie die schnauze voll von mir
dabei haben wir uns mal treue geschworen bis ans ende aller tage und nun fliegen ihr schon beim kleinsten sturm die löcher aus dem käse
doch ich hoffe du weißt es besser mein freund von wegen was ist und wäre wenn ich ihr sagen würde dass ich sie immer noch liebe dass ich nur so beschissen drauf bin weil ich den ganzen tag über dinge nachdenke die sich nicht ändern lassen
und die stimmen in meinem kopf mir angst machen wie die grellen bilder die das wahnsinnige gedröhne schaffen
nicht mal das jahr in der klapse brachte ordnung in meine birne schaffte es das gift aus meinem körper zu spülen und die wahrheit über sie und mich in meinem hirn zu erwühlen
alles um uns glücklich zu machen um zu tanzen und zu lachen und verrückte sachen zu machen
dabei ist sie ein echt cleveres mädchen und veranstaltet gute dinge die richtig sinn bringen
nur bei mir bleibt es immer dunkel und wenn andere über ihre späße lachen und klatschen heule ich vor lauter wut und
greife wie ein irrer zur flasche und trinke noch einen
und weiß mit dem brennen tief in mir drin es ist zu spät um das leben noch mal von vorne zu beginnen
- everybody clap your fucking hands -

“Habe ich im Knast geschrieben.”
„Gefällt mir!“ Sagt sie. „Hast du mehr davon?“


Bild 9 - Kohle greift nicht

„Wohnung und Gewerbe laufen auf deinen Namen“, grinst Eddy einen Tag zuvor stolz.
„Alt- Berliner- Wohnung!“ Schiebt er beim Aufschließen der Tür nach. „Knapp 300 Quadratmeter!“ Schielt er wie Löwe Clarence auf Raubzug.
„Ouuii!“ - Irgendwie muss ich mich ja äußern um nicht gefressen zu werden. „Ouuii, Alter. Super- Geil!“
Dann erklärt er mir die Nacht und die Lichter und was wir damals träumten. Den ganzen Meyer also. Und, das die Wohnung eigentlich zwei Wohnungen sind. Mit vorne Mona -, im geilen Dominastudio ’All Shades of Grey’. „Mal echt, Alter, die rennen ihr seitdem die Bude ein!“ Und du dann.
Also Mona mit ’all Grey’ vorne. Und hinten dann ich. ’Mit Platz zum Geldzählen’. Und dabei lacht Eddy Stakkato, - furzt Pistolenschüsse. Auch darüber, dass ich hinten einen zweiten Ausgang habe. Hinten, verstehst du, lacht er blöde.
„Da kommst du dann auf der Seitenstraße raus. Weißt ja, wenn die Bullen dich mal abgreifen wollen. - Früher bist du immer übers Dach, erinnerst du dich?“
Und ob ich mich erinnere. Doch muss die Scheiße ’früher’ immer wieder sein? Mir reicht schon, mich regelmäßig auf dem Polizeirevier melden zu müssen. Echt Scheiße genug, oder?
„Ja, Eddy. Prima!“ Allein deswegen werde ich mir nachts das Laken voll kotzen. „Ja, Eddy. Prima!“
“Was?” Siehst du, es geht schon los!

„Links um die Ecke ist eine Tiefgarage. Nummer acht. Da steht ein silberner Daimler- AMG. Ist deiner. Hier der Schlüssel!“
Ein AMG. Super. Doch nun? Soll ich ihm dafür die Füße küssen?
„Musst dich nicht bedanken! – Kannst du alles abarbeiten!“
Prima Eddy!“
„Heute Abend geht es los; also pupp dich gut ein. - Erst stelle ich dir ein paar Geschäftfreunde von mir vor, danach machen wir Kasse!“
„Kasse – wie?“
„Na kassieren. - Gibt einen Haufen Leute, die Schulden bei mir haben!“
„Schutzgeld?“
„Quatsch. Ich verkaufe Sicherheit!“
„Und wo?“
„Überall. Die Leute brauchen mich. - Wirst schon sehen, nur glückliche Gesichter!“
„Echt?“
„Im Handschuhfach vom Daimler liegt eine Kanone. Die solltest du ab nun immer dabei haben!“
„Um Glück zu haben?“
„Wegen der Ästhetik, oder so ähnlich.“


Bild 10 - Call Soul

Vorfall:
„Mein Leben vereinigte sich ab dem die Kugel mich traf in stehenden Abläufen die nicht zwingend in Reihenfolge geschahen! - Willst du wissen welche?“
„Nein!“

Gegendarstellung:
„Ich bin 22 Jahre alt und liege für die zweite Folge meines Lebens auf neu gewendet im Universitätsklinikum Berlin- Buch und freue mich über Besuch! - Kommst du?
„Nein!“

„Du hast drei Jahre satt verdattelt, Alter!“ Sagt Eddy.
„Ich hatte drei Jahre keinen Sex?“
„Kann man so sehen.“
„Und ab wann ist wieder Action?“
„Ab morgen, - wenn deine Vorder- Hufe in Ordnung sind...“

„Man sagt, das was man in der ersten Nacht in einer neuen Wohnung träumt, geht in Erfüllung!“
„Habe ich noch nie von gehört!
„Ist aber so.“
„Meinetwegen.“
„Und – was hast du geträumt?“
„Sei nicht so penetrant, Mona!“
„Nun sag schon.“
„Nichts; ich habe nichts geträumt. Jedenfalls kann mich an nichts erinnern.“ Ein Häufchen Asche deutet daraufhin. Die baufälligen Gebäude. Das Gerüst in meinem Hirn. Dreck und Müll – und dass ich 30 Euro für einmal blasen bezahlt haben soll. Dabei kenne ich sie nur teilweise. Weiß von Menschenhandel, Ausbeutung und Gewalt.
„Eigentlich schade.“ Sagt sie.
„Wenn du meinst...“


Bild 11 - Coming of Age

Ich besitze 2 eigene Huren. Die mich ernähren. Von denen ich mich ernähre. Die ich nähre. 2 Gute. Im Stück. Wie Vieh auf einer Weide. Wenn der Tag fett ist. Und meist ist er fett. Das Gras grün. Jedenfalls ist es für eine Weile so. Bis Doro anruft. Die Journalistin ist und über meinen bevorstehenden Prozess berichten will. Und würde. So - oder nicht. Aber was? Egal, ob ich ihr was sagen wolle oder..., sagt sie. Und klingt entschlossen.

„Mir Banane“, sage ich, „ich kenne Sie überhaupt nicht!“
„Deswegen ja“, sagt sie, „lassen Sie uns treffen!“
„Möhring“, sage ich.
„Welches!“
„Affenfelsen!“
„Besser nicht, da kennt mich jeder.“
„Und?“
„Der Bericht über Sie soll nicht vorab bekannt werden!“

Manche Tage sind grau. Andere blau. Mal sehen, was am Möhring- Tag wird.
Dass es pisst wie aus Kübeln - wird und ist. Und wir drin sitzen müssen.
„Wollte ich sowieso“, sagt sie.
„Warum?“
„Ist intimer, - oder nicht?“ Ab da spüre ich ihren nackten Fuß unter meinem Hosenbein.
„Klar! Wenn Sie gelenkig sind“, muss ich grinsen.
„Bin ich“, sagt sie, „und das überall!“
„Das ist schon mal ein guter Anfang.“
„Finden Sie?“
„Doch, ja: Ich suche noch eine Kuh für meine Weide, die sich selber am Arsch lecken kann!“
„Erzählen Sie mir bitte davon. Am Besten beginnen Sie mit ihren Träumen, ihren Sehnsüchten und Hoffnungen.“
„Ich werde Ihnen meine Mutter zeigen, damit Sie überhaupt wissen um was es geht!“
„Okay!“ Sagt sie. Und wirkt leicht gelangweilt.

Schon mal gesehen? Eine Tusse die leicht gelangweilt wirkt? Eine wie Doro. Langhaarig. Blond. Blauäugig. Gertenschlank, wie meine Mutter sagen würde. Chanel und Dior satt. 10.000 Euro Uhr. Brillis und Gold. Und sicherlich die Möse rasiert, um voll ihren bunten Schmetterling zu zeigen. Zudem Porsche- Cabrio- Fahrerin, wie sie mir stolz berichtet. Worauf ich mit „Ein rostiger Mini- Cooper hätte Ihnen besser gestanden“ antworte. Und fickbereit ist sie. Unbedingt. Was Mutter aber nicht hört oder riecht, wie ich, als wir an ihrem Bett stehen.
„Was ist mit ihr?“
„Meinen Sie, meine Mutter hat verdorbenen Thunfischsalat gegessen?“
„Nicht unbedingt!“


Bild 12 - Rabentanz

Der Blick geht zurück. Geht nach vorne. Sieht, wie der Alte über der Mutter liegt. Unbewegt. Sein nackter Hintern. Das viele Blut. Am Boden. Ein getrockneter See. Ein festgefrorener was auch immer. Auf dem die Angst Schlittschuh läuft. Mit der Mutter rasselnden Atem. Sonst. Leblos, ihr Leben. Der Sturm von eben. Schläft jetzt. Wie des Alten: ’Nun mach schon! - Du alte Fotze!’ Auch das längst verhallt. Mit der Zigarre erloschen. Wie das Recht auf Glauben. Das glauben auf Recht
Dazu ich, Chess - als Taucher im Strom. Der tief unter Wasser. Wo die ausströmenden Luftblasen alle Probleme übertönen. Jeden Schrei. Einzig des Mannes Forderung: ’Nun mach schon! - Du alte Fotze!’ Hört man. Höre ich. Und das Schweigen der Mutter, die nicht will. Heute nicht. Gestern. - Gestern ist er so entstanden. Bin ich entstanden: Chess! Der Mutter mit 20 Stundenkilometer in den Leib gerammt. Ejakulat. Wie Lava. Aus dem Ding des Erzeugers. Das sie nun samt Hoden in der Hand hält. Arm mit Hand so weit wie möglich von sich gestreckt. Der Entfernung wegen, weiß ich. Ihrer Angst geschuldet. Dem Wunsch frei zu sein. Egal wo. Wenn nur die Engel singen. Und die tun es - seit dem. Bin ich sicher.
„Auf dem Messer finden sich ausschließlich Ihre Fingerabdrücke!“ Sagt der Staatsanwalt, steht in der Klageschrift
„Sie haben die von ihrer Mutter abgewischt?“
„Wenn Sie so wollen!“

„Lassen Sie uns DU sagen“, sagt sie, Doro „das macht es leichter!“
„Okay, - Doro: Chess! Sagen Sie Chess!“
„Ich weiß“, sagt Doro, „ich weiß, wer Sie sind!“
„Wer ich bin? – Das weiß ich manchmal selber nicht!“
„Mag sein. Aber wir werden darauf kommen. Gemeinsam.“


Bild 13 - Bipolar, frisch aus der Akte

Eddy macht’s vor. Sagt: „Scheiße ist ein andere!“ Statt Ich, wie Rimbaud. Klar. Ihm ist das Ich eine Täuschung. Eine Tarnung. Ein Akt. Bipolar zu sein. Ist Kunst. Zwei Liebende in einem Leib. „Ja. Ich kenne mich!“ Sagt er. „Mein Inneres. Meine Empfindungen. Gedanken und Begierden. Fröhlich sein bis zum Irrsinn. Todtraurig tot. Nur so!“

Je freier, desto wahnsinniger der Wunsch nach Schmerz. Sagt die Hoffnung. „Stimmt! Genau meine Welt“, ist sich Eddy sicher, „in der ich atme und ersticke. Selbst erschaffen. Selber, - hörst du?“
Nicht erzwungen. Der Mensch als Mensch - oder so. Wie der Gegensatz als wahres Sein im Du. Eher was absolut lebendiges. Und das bis zum Horizont. Der ihm, Eddy, jetzt direkt vor den Füßen liegt. Hingekotzt. Dazu ein geheimnisvolles winken. Der Traum als Tagtraum im Wahnsinn. Das wahre Gesicht. Unverstellt. Das Auge. Die Hand. Der Ton. Die Nutten auf dem Zimmer. Drogen im Bad. Eine satte Linie auf dem Spiegel. Fein mit der Rasierklinge gelegt. Mit einem gerollten 1000er aufgesogen. All diese wesentlichen Dinge, die einem im Gedächtnis bleiben. Worauf mindestens ein Jahr Haft für jede Tat steht, sollte man unbescholten sein. Sonst mehr. Wie bei Eddy. Der schon allerlei auf Kante hat. Doch wer will das schon. Wer denkt schon daran, wenn man sich großartig fühlt. Und wenn man will, löst sich das Ich auf. Einmal durch die Hölle und zurück in Stunden. Ist das nicht fantastisch? Nun komm schon.


Bild 14 - Unanimous Decision

„Nimmt dein Bruder Tabletten?“
„Eddy? - So viel ich weiß ja.“
„Und sonst?“
„Er legt Wert auf top- Klamotten, geile- Autos und 1a- Essen.“

Ich sehe ihr beim Reden auf die Lippen - und denke an ihren Kitzler, der eingequetscht in ihrer Hose... Wo die Falten tief und das Gewebe unwillig. Wie sie auf dem Korbstuhl sitzt, als säße sie dort schon Jahre. In einer Position, als wenn wir uns teilweise kennen würden. Jedenfalls was unten herum betrifft.

„Wollten wir nicht DU sagen?“ Fragt sie, schiebt sich die Sonnenbrille ins Haar. Lächelt. Und ich nicke ihr zu, geil, wie ich bin. Lächele zurück. Und - rieche sie, keine zwei Meter von mir weg. Sehe zirka fünf Meter hinter ihr die Strasse. Wo von vorbeifahrenden Autos wie im Sturm Müll und Zeitungen hoch wirbeln. Und weiß, dass dicht hinter ihrem Nacken gift- grüne- Kakteen stehen. Deren spitze Stacheln sich mit ihren Haaren paaren; als wäre ich es. Ich. A tergo. Ihr verdammter Stachel sein, tobt mein eben entfachtes Feuer. Heiß. Kalt. Heiß. Wie es ist, ist es. Um wenig später als Häufchen Asche zu enden. Ein angebranntes Holz. Mein wieder schlafender Knüppel. Vieles deutet jedenfalls darauf hin. Ist aus meiner und ihrer Körpersprache abgeleitet; sollte die nicht lügen. Oh mein Gott, es wäre der Abgrund. Das Ende aller Zeit. Eindeutig! Und nun?

„Für einen Quickie im Auto gebe ich fünfzehn Euro aus“, sage ich, „ ...willst du?“
„Auf dem Tisch!“ Sagt sie, „für 20!“
„Bei mir oder dir?“
„Gefängnisse ähneln sich überall auf der Welt!“

24. märz 2015 michaelköhn