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Mördertage
Romanauszug 
Stand: 19. Januar 2012

Roman mit autobiographischen Einschüben und anskizzierten persönlichen Begegnungen des Autors (in der Untersuchungshaftanstalt Berlin Moabit) mit Personen der Zeitgeschichte wie: Andreas Baader, Horst Mahler, Hans-Christian Ströbele, Otto Schily, Peter-Paul Zahl, Fritz Teufel, Josef Bachmann, Monika Berberich, Dr. Werner Best, Dieter Hallervorden, Martin Semmelrogge, Rolf Zacher, Klaus Speer und diversen anderen. Der Roman entsteht in Cut Up Technik. Hinweis zu Cut Up: www.http://homepage.univie.ac.at/ingrid.thurner/marokko/autoren/cutup.html
Im Roman ist die jeweilige Schnittstelle (Cut) durch eine unterschiedliche Sternchenanzahl gekennzeichnet. Beispiel: /* = Erzähler /** = Jean /*** = Yasar /**** = Lanz /***** = Margot, usw.

In 'Mördertage' erwartet Sie das Geständnis eines Mannes, der getötet hat. Und zwar mehrmals. Und immer legal. Schließlich ist er von seinen Richtern frei gesprochen worden. Wenn das kein Beweis von Unschuld ist? Sollten Sie aber wollen, können Sie anders urteilen als die Richter es taten. Allerdings wird es nichts an dem ändern, was passiert ist. ( ... überdies habe ich mich bereits selber verurteilt: ich schreibe darüber.)

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Er erinnert sich an Brecht. An Weil. An Haifischzähne. Und pünktlich kommt auch die Nummer von der sexuellen Hörigkeit. Und alle hören. Lesen, dass Huren stehlen, die Diebe huren, die Bettler ... und das die alle betteln. Alle! Auch die ehrbaren Leute. Dazu singt eine Bluessängerin eine Moritat. Darüber, das Mackie Polly heiratet. Peachum tief im Herzen ein ehrbarer Geschäftsmann ist, der beim Küssen die Pfeife aus dem Mund nimmt. Sich Spelunken-Jenny seine Frau nennt. Der Knast - ’Old Bailey’ - ein Käfig ist. Und ein Schiff mit acht Segeln über das Meer segelt ... das 50 Kanonen an Bord hat. Und das ein Kopf fällt, sich der Vorhang hebt - und die Show mit der Frage „Wovon lebt der Mensch?“ beginnt.

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Ein eisernes Tor, das beim Öffnen in den Scharnieren kreischt. Eine Tür neben der Toreinfahrt, mit rostigen Nieten an den Beschlägen. Ein Lastwagen fährt durch das Tor, hält quietschend in einem weiten Innenhof, auf dem ein einzelner Baum steht. Eine Eiche. Nach dem automatischen Schließen des Tores steigen fünf junge Männer aus dem Wagen. „Los raus, Leute. - Schneller!“ Die Männer tragen verwaschene Schlosseranzüge und sind mit einer Kette aneinander gefesselt. Zusätzliche Ledergurte verbinden ihre Fußgelenke, begrenzen ihre Schrittweite.
„Das sind ja ganz schwere Jungs!“ hört man aus einer der Fensterhöhlen des Pfortengebäudes. Einer dreht sich nach dorthin um. Yasar -, mit einen Blick im Zorn. Yasar sieht die Pforte, das Tor, eine Mauer, deren Putz blättert. Die Wand ist an die drei Meter hoch, oben gerundet, mit Glasscherben und Stacheldraht bewehrt; man könnte es trotzdem mal versuchen, denkt er.
„Komm schon, Junge; komm endlich!“
Yasar blickt gezwungener Maßen nach vorne. Sieht ein graues Haus -, ein Stockwerk hoch. Einen Kirchturm dahinter. Überall vergitterte Fenster. Abgetrennt, hinter Maschendraht linker Hand, ein Flachbau. Darin Werkstätten, Küche, Wäscherei. Er weiß das. Er war schon mal hier. Andererseits beginnt hier alles am Anfang. Und es endete, wo alles beginnt, am Anfang. Und genau da wie hier wird jede Existenz auf Kante getrimmt -, auch eine scheinbare Wirklichkeit. Und man kann dem zuwider nichts dagegen tun, denn es ändert sich hier alles wie von selber, oder nicht. Und das ist die endlichste Form vom unendlichen Anfang.
Yasar jedoch, der wusste davon nicht die Bohne, warum auch. Der trägt Sommer wie Winter eine Strickmütze, wenn er die Zelle verlässt. Darauf steht sein Name. Sonst weißt ihn nichts aus. Nichts.

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„Gustav Fünf, ein Zugang!“ höre ich vom Anfang der endlos scheinenden Treppe den Kammerbullen zum zweiten Mal rufen, - dessen Stimme jetzt lauter, ungeduldiger scheint als zuvor. Zusätzlich schlägt der im Rhythmus von Elvis Jailhous Rock ’dont stepp on my blue ...’ mit dem Schlüssel gegen das Geländer, das es durchs Haus scheppert wie Stahlgewitter. Ich muss also - und verlasse die Spülzelle mit den Worten „ ... sieh dich bloß vor, Arschloch, nächstes Mal mache ich ernst!“ Wickele mir im Laufen ein Taschentuch um die blutende Hand und brülle so laut ich kann „Kommen lassen, - den Mann!“ Doch erst als ich vom Ende der Treppe zur Bestätigung winke, wobei mir - was ne Scheiße aber auch - das mittlerweile blutgetränkte Tuch zu Boden fällt, um ein Stockwerk tiefer auf dem Flur zu liegen, schickt Oberwachtmeister Renft den Häftling los. Einen Neuzugang, der einen Sack aus verknoteten Rosshaardecken über der linken Schulter schleppt, indem sich seine gesamte Habe befindet. Jedenfalls all das, was er laut Justiz hier zum Überleben ’auf Zelle’ braucht. Nicht mehr nicht weniger; so war es immer schon. Und das nicht nur in der UHA Berlin-Moabit, sondern in fast allen Knästen Deutschlands. Doch auch das muss ich erst noch lernen. Und noch eine Menge mehr. Zum Beispiel, wie man an Mördertagen mit Menschen umgeht.
Wegen der Anstrengung, mit vollem Gepäck die Treppe zu steigen, schnaufen die meisten Häftlinge ab der Station Gustav Drei gewöhnlich heftig - und ich kann so ihren aktuellen Fitnessstand einordnen - und bin so auf körperliche Auseinandersetzungen mit denen gut voreingestellt. Und auch der hier, Kalle, Karl Heinz Friesmann, mit dem ich noch bis vor ein paar Wochen auf dem Fabrikgelände der WTAG, nahe der Grenze zu Ostberlin im Akkord Abwasserrohre verlegt habe, schnauft wie eine Dampfmaschine. In der Zusammenarbeit mit ihm ist mir das überhaupt nicht aufgefallen. Obwohl es sich dabei um eine körperlich anstrengende Tätigkeit handelte, die auch noch schnell gehen musste, um ’gutes’ Geld zu verdienen. Und zwar so: Kalle legte und schob die Tonrohre hintereinander in den schon vorbereiteten Graben. Ich verstrickte die jeweiligen Anschlussteile mit Hanf und vergoss die dann mit Teer. Er schaufelte ein wenig Sand drüber. Ich holte Bier. Und beinahe jeden Freitag, wenn der Bauleiter der Firma Heine mit der Lohntüte kam, zockte mir Kalle in der nächstbesten Kneipe die Hälfte vom Lohn beim Trudeln ab. Er beschiss dabei. Ich wusste es, konnte es ihm aber nicht nachweisen. Und darüber konnte er sich halb tot lachen ... Nun grinse ich und bin gespannt, ob er mich erkennt. Doch nichts! Schweißüberströmt und augenscheinlich völlig fertig überreicht er mir einige voll gedruckte DIN A4 Seiten und nennt mir, nach Luft japsend, seinen Namen. Ich lasse ihn in Ruhe. Wie soll er mich auch in meiner abgewetzten Uniform und der Dienstmütze - dazu an einem solch beschissenen Platz wie diesem - wieder erkennen? Das gelingt mir ja selber kaum.
„Dann kommen Sie mal! - Zelle 528. Mit Aussicht zum Hof!“
„Kenne ich, Meister“, antwortet er, „ist ja nicht mein erstes Mal ...!“
„Prima, dann muss ich Ihnen ja nicht viel von Hausordnung und so weiter erzählen.“
„Nee, müssen Sie nicht“, grient er, „aber Granit hab ich. Können Sie mal den Kalfaktor nach ner Kuhle fragen?“
„Machen Sie besser selber“, sage ich, „vorne, in der Spülzelle. Aber Beeilung!“
Als er wenig später mit zwei, drei Scheiben Brot und einem dampfenden Kaffeepott in der Hand zurückkommt, fragt er einigermaßen entsetzt „Mensch - Meister, der Kalfaktor sitzt blutend in der Spüle und heult - was n mit dem los?“
„Das ist Nellner. Ein Kinderficker! Der ist vorhin gestürzt!“
„Ach so. Verstehe.“
„Prima!“
„Wenn Sie mal einen guten Kalfi brauchen ... ich kann!“
„Der Fall ist notiert.“
Wenig später dröhnt es blechern aus dem Lautsprecher ’Gustav Fünf’, was heißt, der Zentralbeamte will mich sehen. Und keine fünf Sekunden später stehe ich drei Stockwerke tiefer vor seinem Büro. Einer vergrößerten Eckzelle - mit Glasfront, durch die hindurch ich die zu erwartende Bescherung schon sehen kann. Denn breitbeinig, wie eigentlich immer, steht da Kubratz, der Hausleiter von Haus II, sitzt gebeugt Erwin von ..., umgeben von Akten und dicken Büchern hinter dem Schreibtisch, lehnt Werner Schultz, Aufsichtsführender Zentralbeamter, gegen die Wand und raucht. Im Begriff anzuklopfen, sehe ich Kubratz winken, höre ihn „Nun machen Sie schon rein ...“ brüllen. Kaum das ich den Raum betrete, peitscht sein „Glückwunsch! Sie sind nun Aufseher! Gratuliere!“ - und ich sehe, dass er sich in Vorfreude die Lippen leckt. Erwin von ... lässt sich da mehr Zeit. „Ich gratuliere Ihnen auch. In so kurzer Zeit vom Hilfsaufseher zum Aufseher, Respekt! Und hier nun Ihr Schlüssel ... Sie dürfen ab nun den Aufzug benutzen!“
„Verlieren Sie den ja nicht“, meckert Schultzes Stimme wohlwollend, „das ist eine besondere Auszeichnung.“
„Danke“, kann ich gerade noch sagen, denn Kubratz hat schon eingeschenkt und steht in Habacht-Stellung.
„Prost!“

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Die Zelle ist mit zweieinhalb Schritt gegen vier rasch aufgemessen. Licht bringt ein vergittertes Fenster auf 80 mal 60 cm. Metallstreben unterteilen das Fensterglas in exakte Rechtecke. Nur oben ist viktorianisches Halbrund angesagt. Und nur dort ist das Fenster auf 30° klappbar, reguliert von zwei Fensterbacken als Führungsschiene. Eine hölzerne Fensterstange pendelt am Rahmen. Neben dem Fenster, rechter Hand, ein Schrank aus Sperrholz. Dem Schrank fehlt die Tür. Drei Fächer sind eingeteilt. Dort liegen Rasierzeug, Kosmetika, Kaffe, Tabak und eine Bibel. Auf der Bibel steht ein ehemaliges Marmeladenglas, dessen Deckel an mehreren Stellen durchstoßen ist, mit einer Spinne darin. Rechts davon hat der Schrank eine Kleiderablage. Ein Fach ist für Unterwäsche und Handtücher vorgesehen; sieht man eine Leichtmetallstange, auf der zwei Drahtbügel baumeln. Hängen eine braune Jacke, ein gestreiftes Hemd. Ein paar schwarze Schnürschuhe stehen am Schrankboden. In den Schuhen stecken graue Socken. Neben dem Schrank ein Tisch, den man an die Wand klappen kann. Ein metallener Riegel ragt dazu aus der Wand. Die Tischplatte bildet ein Rechteck und sieht wie oft gebraucht aus, mit ihren diversen Herzeinkerbungen und Schnitten, dem eingeätzten Kristall von Tränen. Ein vom Alter passender Stuhl steht vor dem Tisch. Eine Art Porträt in schwarz-weiß hängt über dem Tisch an der Wand. Titel: Charakter und Moral. Dort drunter pappt ein privates Foto. Das Foto zeigt einen fröhlichen Mann, eine ebensolche Frau und ein lachendes Kind am Wasser und hat - wie von Hand gezeichnet - ein rotes Herz darum. Eine milchfarbige Kugellampe, die durch einen Sockel in der Wand gehalten wird über dem Tisch. In der Regel befindet sich eine 25 Wattbirne in der Lampe. Das Waschbecken hängt cirka 70 cm tiefer - links neben der Lampe. Das Becken ist schmutziggrau. Früheres weiß erahnt man gerade noch. Ein gemusterter Putzlappen hängt am Traps. Neben dem Waschbecken, in einer Nische nahe der Zellentür, das Klosettbecken. Ein Deckel aus Hartholz, ein Relikt aus der Zeit als noch gekübelt wurde, liegt auf dem Möbel; wegen der Ratten. Es riecht dennoch scharf nach Ammoniak. Hoch über dem Klobecken ein Lautsprechergitter, - der Lautsprecher ist in die Wand eingelassen. Dort heraus dröhnt augenblicklich ’... tanze mit mir in den Morgen ...’
Die Zelle begrenzt eine Stahltür mit zusätzlichen Metallstreben als Verstärkung. Eine runde Öffnung, groß wie ein Fünfmarkstück, findet sich in Augenhöhe in der Tür. Doch die Öffnung ist mit Glas verkleidet; Spion genannt. Hier ist das Glas allerdings mit Zeitungspapier verklebt.
Neben der Tür ein Heizkörper mit fünf Rippen. Darauf ein Brett aus Holz, auf dem sich ein Teller, eine Schüssel, Löffel und Gabel befinden. Ein Messer fehlt. Gegenüber vom Tisch ein Bett. Auch das Bett ist an die Wand klappbar. Eine Matratze aus Seehaferstängeln liegt auf dem eisernen Bettgestell. Wenn die Zelle belegt ist, wie die hier, sieht man die Matratze nicht. Nur das Laken - weiß. Die Zudecke bezogen mit karierter Bettwäsche. Das Kopfkeil ebenso bezogen.
Ein Mensch liegt auf der Zudecke. Ein Mann. Ein aufgeschlagenes Buch auf dem Bauch. Titel: Pflege, Haltung und Zucht von Spinnen. Eine Brille liegt auf dem Buch. Ein Bleistift - nicht weit neben der rechten Hand. Stimmen hört der Mann, ohne deren Sinn zu enträtseln. Eisernes Klappern. Sirrendes Schneiden von Luft in den Windfängen des Gebäudes. Einen rumpelnden Fahrstuhl. Entfernte Vibrationen, die sich über die eisernen Bettstäbe ohne Umschweife auf seinen Magen übertragen, - die an heftigem Beben zunehmen, unrhythmischer werden, je näher die kommen. Essenausgabe.

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Alex, blond, muskulös. Angeblich in der Abstellkammer eines Kindergarten gezeugt. Vater Finne, Norweger, Däne, Schwede oder Norddeutscher, - oder so. Jedenfalls Anarchist. Und blond. Mutter eine Vorachtundsechzigerin der besonderen Art; eine Kuh - die sechs Kinder geboren hat und im Reich von Führer und Vaterland den Mutterverdienstorden 1. Klasse erhalten hätte, lästert deren Mutter, die ihre fünf Kinder seinerzeit ebenfalls der staatlichen Obhut überlassen hat. Die Blitzmädchen war; auch noch nach dem Krieg. Weiteres dazu bleibt unerzählt.

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Ich wurde in dem Augenblick geboren, als Großvater den Steckkasten mit Faltern aus Südamerika öffnete, sich dabei eine Nadel in die Hand stach, erschreckt darüber einen halben Schritt nach hinten trat, mit den Schlappen an der Teppichkante verhakte, stürzte, seinen Kopf auf die eiserne Kohlenschütte am Ofen aufschlug - und starb.
’Schädelbruch’, diagnostizierte später ein Gerichtsmediziner.
’Zangengeburt’, sagte die Hebamme zu meinem Vater, ’deshalb die Marken am Schädel, - aber das verwächst sich ...’ Diese beiden Vorfälle passierten in Berlin.
Im Stammbuch der Familie bin ich auf Seite drei genannt, gleich hinter den Eltern und deren Eltern, meinen Großeltern. Über den toten Großvater wurde in der Bezirkszeitung berichtet. Einen entsprechenden Zeitungsausschnitt fand ich nach deren Tot im ererbten Fotoalbum meiner Mutter. Das Bild von Opa, mit einem schwarzen Balken vor den Augen, zeigte ihn neben dem bewussten Steckkasten liegend, einen handtellergroßen Schmetterling haltend. Tage danach stand eine Traueranzeige mit dem Beerdigungstermin im gleichen Blatt. Opas Vorname Paul, sein Nachname. Als meinen Vornamen schrieben sie Jean ins Stammbuch. Warum ausgerechnet Jean, weiß ich bis heute nicht, denn Jean kann sonst wer heißen; auch Mädchen. Und wohl schon deshalb wurde ich im Kindergarten gehänselt. Später von Mitschülern verprügelt. Als Kind versuchte ich vor dem Namen zu flüchten, doch nur nachts gelang mir die Verwandlung. Nachts habe ich meinen Namen getauscht und meinen Körper verlassen, um in andere Wesen einzutauchen. Meist wollte ich Willi sein, oder Klaus, ein Nachbarjunge. Beide stärker als ich. Wohl deshalb die Träume. Allerdings träumte ich nie, ich schwöre nie, einer wie mein unbekannter Vater zu sein. In der Legion, einige Jahre später, habe ich mich in Alex umbenannt. Und bei Alex blieb es.

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Yasar ist Deutscher, obwohl seine Eltern und die mittlerweile über neunzig Jahre alte Großmutter staatenlos sind, - oder Kurden. Jedenfalls steht bei denen ’staatenlos’ in den Ausweispapieren. Kurde nicht. Yasar ist das mit den Papieren schnuppe, ob staatenlos oder deutsch, oder so was wie Kurde, Türke - womit er erst recht nichts anfangen kann ... Ja, er liebe seine Eltern auch, weiß aber nicht was Liebe ist; die Großmutter liebe er heiß und innig, erklärte er bei der Scheidung der Eltern vor Gericht. Und so wuchs er in der Zweiraumwohnung der Großmutter auf, die sich im Haus der getrennt lebenden Eltern befindet. Gut, er bedient ’mit meiner Familie’, womit er sich ab und an brüstet, das Klischee einer zeitlosen Zeit, doch er weiß es nicht besser.
Der Junge ist wirklich ein hübscher Bengel, ist die Großmutter begeistert, und ein ganz lieber .... Auch hier der Abklatsch von Wirklichkeit. Denn dieser junge Mann, den die Großmutter meint, ist an die einen Meter achtzig groß, hat schwarze, gelockte Haare, dunkle Augen, - ein südländischer Typ mit ins negroide gehender Hautfarbe, einer breiten Nase, wie ein Boxer. Yasar sieht sich selber auch so; schlank in den Hüften, breit im Kreuz - und wäre als Boxer ein schweres Halbmittelgewicht. Zudem hat er keinerlei sonstige äußere Auffälligkeiten, die in einer Strafakte Beachtung gefunden haben. Und auch seine Gliedlänge gehört da nicht unbedingt hin. Und doch. Denn ja, Yasar hat ein ’solches Ding’ und eben eine Strafakte. Und die ist eine so ganz eigene Akte, eine Zauberakte, die wie von selber wächst, wie sein Ding, wenn er sich seinen Fantasien hingibt. Und all das wird ihm zu schaffen machen. Seine Fantasien. Die daraus resultierenden Handlungen ohne jeglichen Vergleich. Denn annähernd so etwas haben die Eltern nicht, nicht seine Brüder, und auch vom Großvater ist davon nichts bekannt. Der allerdings unter dem Ruf stand keiner Schlägerei aus dem Weg gegangen zu sein, nicht mal zu letzt, auf dem Kiezfriedhof, wo er jetzt liegt. Von der Großmutter ganz zu schweigen. Ja, bei all denen steht lediglich der illegale Grenzübertritt von damals in der Akte, wenn überhaupt etwas. Als hingegen die Akte ’Yasar’ angelegt wurde, der war da erst elf, stand zumindest zwischen den Zeilen was von seinen Fantasien drin. Das hatte ein Herr Meier vom Jugendamt geschrieben. Und ein Dr. Mewes vom Gesundheitsamt notierte ergänzend über Yasars Glied: Bemerkenswert, mit doppeltem Ausrufezeichen. Ansonsten sorgte sich um sein Ding und die Fantasien zu der Zeit nicht mal er sich.
Wegen Diebstahls einer Flasche Chivas stand er erstmals vor Gericht. Wegen einer Prügelei. Dann, weil er sich einem Mädchen von zwölf unsittlich genähert habe, behauptet der staatliche Ankläger. Wie dagegen seine Welt, sein Penis und seine Wünsche und Fantasien aussah, wurde immer noch verschwiegen, obwohl die so offensichtlich waren. Doch um Missverständnissen vorzubeugen, der Staatsanwalt hätte das Verfahren gegen ihn auch mit Kenntnis des monströsen Penis geführt. Und auch wenn Yasar staatenlos gewesen wäre, wie Eltern und Großmutter. Man kann also sehen, es ist vor Gericht kein Nachteil ’deutscher Neger mit so einem Ding’ zu sein. Ein Vorteil natürlich sowieso nicht. Doch das durfte Yasar erst später erfahren. Über seine Taten ’und das alles’ sollte er dann vierzehn Tage in der Jugendarrestanstalt nachdenken. Doch auch das tat er nicht, denn als junger Mensch hat man im Knast anderes zu tun. Und sowieso, wer denkt schon über seine niedrigsten Instinkte nach? Yasar nicht. Was sollte das auch ... Stattdessen lernte er in der Anstalt etwas fürs Leben, zum Beispiel wie man in fünf Sekunden ein Auto öffnet und so. Die Gesellschaft findet, das sei was Wichtiges, so sollte es sein. Und die Kurse, junge Straftäter an alten Autos basteln zu lassen, sollten von der Stadt Berlin noch mehr gefördert werden. Außerdem sind solche Kurse wesentlich preiswerter als teure Segeltörns in der Karibik, oder Ziegenmelken in Afrika und Australien, worüber die mit jugendlichen Häftlingen arbeitenden Pädagogen und Sozialarbeiter auch immer mal wieder gerne nachdenken. Und nicht nur darüber, und nicht nur das. Allerdings wäre Yasar auch eine Erlebnispädagogikreise in die Karibik egal. Und mit Ziegen kann er sowieso nichts anfangen, er kann das Wort nicht mal fehlerfrei schreiben, auch wenn er das Schimpfwort Ziegenfick schon gehört hat - und mit sich in Verbindung bringen musste. Doch Yasar lernt, handelt und lebt nie wie andere wollen, dass er tut. Und damit Ende. Auch klar das, als er dann soweit war seine Fantasien auszuleben, nie wartete darauf wartete dass der Schließmuskel seiner Opfer Gegendruck aufbaute, der nötig war, schmerzfrei Analverkehr durchzuführen. Alles Quatsch. Und bis heute zieht er beim Ficken keinen Gummi drüber, obwohl er weiß, dass Kacke keine Schokolade ist, sondern nur manchmal so aussieht. Tatsache: Was es auch ist, es ist ihm einerlei, er lebt frei wie ein Raubtier, fickt mindestens drei mal am Tag - und wenn es nicht anders geht, in die Faust. Doch egal wohin, er tut es mit voller Konsequenz, und gegen aller Willen, denn es leitet ihn seine Eingebung. Nur die. Und er glaubt echt, er realisiere dann einen Traum, - sagt er. Dabei träumt er im Schlaf nie. So ist er. Nicht mehr. Und insofern ist er begnadet, frei, besser als jene die sich hinter Masken verstecken, oder? Klar doch, bedingt durch seine Offenheit kann man ihn gleich Jesus ans Kreuz schlagen, wenn man will. Und man will. Ist der Willkürakt vorüber, kann jeder von Glück sagen, dass ihm nichts Schlimmeres passiert ist, als dies lapidare Ding von Yasars Traum. Insofern sind alle Beteiligten begnadet.

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Sie ist eine, bei der man das Alter nicht sagt, weil es wehtut -, weil eine Frau in dem Alter an sich selber zweifelt - weil ... Und sie dann ihn kennen lernt (also nicht mich), der ihr Sohn sein könnte -, doch ganz anderes Begehren auslöst als ein solcher Junge es könnte. Der ihr hilft, den Absatz ihres im Gitterrost vor dem Edellokal festgeklemmten Schuh zu befreien. Einem Paar High Heels, dass die Beine um 20 cm länger macht und das Alter der Trägerin um mindestens 10 Jahre nach unten pusht. Er dann selbstlos ihren geschwollenen Knöchel versorgt, in der Wohnung mit Eingang direkt neben dem Restaurant, zu der er sie auf seinen starken Armen die Treppe herauf trägt. Mit einer Hand die Wohnungstür aufschließt, sie sanft in den überbreiten Sessel, ein Erbstück großmutterlicherseits, sagt sie, sinken lasse, um ein Glas Wasser und Eis für den demolierten Knöchel zu holen.
Man ahnt schon was kommt? - Dass ein Schuss fällt ...? Nein, niemand ahnt auch nur von der Rhapsody in Blue, vom „ ...play it!“ dass sie sagt, und dass er unter ihrem Rock daraufhin die Backen aufbläst. Dann sind Männestimmen. Worte, die er nicht versteht. Ein blutiges Taschentuch, dass im Wind verweht. Applaus ertönt. Wie der Kirchenglocke Ruf - und ihr, „Ich liebe dich!“ sich zum Abendbrot vermischen. Ja, serviert wird ein Kapaun, - in Seidentücher eingenäht. Danach die anderen Kadaver. Später sitzt er, ohne einen Kratzer abbekommen zu haben, irgendwo anders zu Tisch und trinkt Wein. Piekt einem getrockneten Tintenfisch die Augen aus - während sie sagt, sie sei im 3. Monat schwanger, donnert vor dem Haus ein Zug vorbei. Den Rest von Angst schwitzt er sich in den Kragen. Dann steigt die Sonne aus dem Himmel. Im kalten Morgenlicht frisst schwarzer Staub die Zeit. Kein Strom. Und auch die Telefone stehen still. Nur aus dem Ventilator rauscht es laut das Wasser aus ist - und er fragt, ob sie was trinken will. Nein, - gar nichts ist mehr oder geht, und er sieht in seinen Taschen nach, in seinem Gesicht, das plötzlich alt und dreckig ist, laut lacht. Genau das schüttelt über ihn den Kopf, bis sich das Klebeband vom Halse löst. „Es ist zu spät“, beginnt er auszulaufen. Klebrig durchsichtige Flüssigkeit verrinnt in unbekannte Höllen. Und immer wieder Gershwin. Er bleibt aber nicht lange in diesen unbekannten Tiefen -, geht dann, denn in ihm ist es viel zu kalt für Liebe machen vor der Tür. So steht er suchend in der Welt voll Nebel, trüber Dunkelheit, Einzelhaft unter schwarzem Himmel, die nicht erträglicher als ein Loch im Fels, darauf sein Herz so glatt im Mond, und ihm die Sonne seiner ruhelosen Räume harter Tage. Des Nachts, wenn er von Liebe träumt, unstillbar Sehnsucht an ihm reißt, statt über Schlamm im Sand zu laufen - ist er auf seinem Weg nach nirgendwo. Ein Wasserfall aus Blut zerfließt auf leerer Einsamkeiten Weiten, pulsiert des Teufels Zeit auch ohne sie in ihm. Der eigenen Niederlage voll bewusst, beginnt das Zittern. Die Hand erst. Bald der ganze Körper. Der Kopf entleert sich. Speichel tropft ihm aus dem Mund. Müde die Augen, als wären die aus tiefem Schlaf erwacht. Die Zunge, eine Klinge dutzend Scharten tief, zeigt gelben Schleim. Der Hals wund und weh von Würgespuren. Ein Rest von Pillen, fahle Dämmerung für Stunden, die seinem Narren Leben schenken. Er, der unter weißem Leichentuch mit tausend toten Blättern im Delirium schwimmt. Die Uhr hat gerade 12 geschlagen. Und er würde zu gern wissen, was noch so in ihr steckt - ehe er verreckt.

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„Erzähl mal, Alex!“, fordert Manfred, „dann gebe ich noch einen aus!“
Nun, die restliche Seite vom Hof säumt eine Mauer. Einfach so. ’The Wall’, wird Pink Floyd später singen - wir wissen es schon jetzt. Die ist aus Beton. Sechs Meter hoch, unverputzt, rau, mit sorgfältig gerolltem Stacheldraht auf der Krone, der wie von Hand verlegt und preußisch ausgerichtet ist. Spitze Dornen auf Pickelhauben und Marschmusik. Gleich zwei Spazierringe glänzen ständig feucht auf dem Hof, geben ihm so was wie ein Gesicht. Unregelmäßig durch hinter einander gelegte Granitplatten bilden sie im großen Ring eine hundert Jahren alte Visage heraus, - die Mona Lisa der UHA- Moabit. Die, zerschabt und abgetreten von Millionen Tritten, ein Zerrbild, rutschig von Tränen und Wut - oder Hass, zerfressen von salzigem Regen, dem Blut der Zeit ist. Eine andere Eigenart ist der kleinere, rotbraune, wie gegossene Ring im Zentrum des größeren, der wie neu aussieht. Wie Tartan. Dem Laufband für Weltrekorde. Olympischer Goldmedaillen; auf anderen Höfen fehlt so was.
„Hier liegen im Parterre die Krüppel, deswegen,“ äußert sich ungefragt von Grothling, „ ... unwertes Leben,“ schiebt er nach, grinst, raucht in hohler Hand, weil Rauchen eigentlich verboten ist.
Zwischen den Ringen und drum herum Gras. Kurz geschnitten. Kein Halm Unkraut, dafür spitzer Schotter, schwarze Schlacke, bis an die Häuser ran, an die Mauern. Und überall dazwischen Kippen der Wachposten. Manchmal ein Kanten Brot, Margarine. Lumpen Eddi ist Hofkalfaktor. Der wird die Stummel einsammeln, und den Schmok zu Feierabend in der Pfeife rauchen. Das Brot lässt er hart werden und verfüttert es an die Tauben, die Margarine verkauft er. Er fühlt sich dabei wie ’Bräsicke’. Wer das ist, sagt er nicht ... Na gut, das Tabakzeugs stinkt, gibt er auf Fragen zu, die Margarine auch - doch was soll’s, mehr sparen kann man nicht.
Der kleine Kreis dreht sich entgegen dem großen. Bleiche menschliche Kugellager, - ohne einander anzuklicken. Meist laufen dort acht bis zehn Personen. Im großen an die vierzig. Im kleinen spazieren die mit einer Arztkarte, die nicht richtig laufen können. Kranke, Behinderte, Sieche. Und ja, der kleine Ring ist bei den Knackis beliebt, - man kann dort Geschäfte machen, sich leise unterhalten, wenn der ’Meister’ es zulässt, und deshalb wird mit den Arztkarten schwunghaft gehandelt. Fünf Dreher und fünf Holz pro Tag, die Karte. ’Stück’, erklärt mir bei erster Gelegenheit von Grothling, mein Kollege. ’Hast du die gezählt?, fragt er beim Ein und Ausrücken immer wieder aufs Neue, ’wie viel Stück ...?’ - Als wären die Vieh. Einer oder zwei ’von dem Viechzeugs’ schleichen gar am Stock über den Ring. Knicken beim Gehen ein. Taumeln. Wieder andere werden von Mithäftlingen gestützt. Allein laufende schleichen mit gesenktem Kopf, flüstern. Sind Schlachtvieh. Aussatz. Schuldig, schon so. ’Sind meist Sittenstrolche’, weiß von Grothling. Trotzdem, Scheiß drauf, sagen die, die sich die Karte gekauft haben, Geschäfte machen geht vor! „Krüppel gehören vernichtet. Schwanz ab!“, kreischt einer voll Hass aus dem Fenster. „Schnauze!“, brüllt von Grothling zurück, „oder du landest im Keller, Freundchen!“
„Wenn ich könnte, wie ich wollte ...,“ sagt er zu mir, und tut imaginär einen Schnitt am Hals.

 Im großen Ring schlurfen im Abstand von ca. einem Meter die ’gesunden’ Männer. Solche die gehen können, rennen, flüchten würden, - nur weg ... Doch die rennen nicht, bleiben da, schweigen, stinken. Sind grau. Nicht alle, doch die Meisten der Herde. Sind Wolf und Lamm. Lamm und Wolf. Brüder. Sind Stück. Und auch wieder nicht. „Absolute Ruhe!“, höre ich mich sagen, als sich flüsternd Stimmen nähern, „ ... sie wissen doch, Meier zwo,“ ermahne ich, „dass Unterhaltungen bei der Freistunde verboten sind!“
„Entschuldigung ...“, sagt Meier zwo, „ich habe da ein Problem, Meister ...“
„Später,“ sage ich. „Später, Meier zwo ...!“

/****
„Ein Mann ein Lanz!“ war früher sein Spruch. Er, ein Mensch von imposanter Körpergröße, von Haltung. Durchtrainiert, braungebrannt, gesund; ein Kerl zum Anlehnen, den jede Frau zum Vater der Kinder wünschte. Ein Bärchen ... den an breiter Brust wuschelige Haare zieren. Dem einen 'Bullenschnäuzer' die Oberlippe dominiert. Dessen Nase vom Boxsport gezeichnet ist. Auch nicht uninteressant die Schläfe, sagt man; eine Künstlerschläfe? - Sein Schädel mit einer Locke in der Stirn, die wie von selber fällt. Ein voller Kopf, im doppelten Sinn. Ein Prachtkerl, der mit der Kraft seiner Muskeln Hemden sprengt, wenn er will, - und diesen Willen hat er! Ja, Lanz bemüht alle Mittel -, der will was werden. Karriere ist ihm wichtig. Epauletten - die silbern glitzernd sich halbmeterbreit auf seiner Schulter zeigen. Und wenn es sein soll, befiehlt er sich welche aus purem Gold. Jedenfalls will der es auf jeden Fall zu etwas bringen, egal wie. Dazu schmiert Lanz Anstaltsleiter Kumann, der im Range eines Oberamtsrat steht, mit feinstem Rinderfilet aus der Anstaltsküche! - Die Knackis beraubt er damit. Renoviert dem Präsidenten des Justizvollzugsamtes kostenlos dessen brüchige Dienstwohnung. Und zum Clou mietet er fiktiv daneben an. Legt so zwei Horste zusammen, damit der Präsident ausreichend Platz hat. Als Zubrot baut er dem einen Pool in den Keller, beheizbar - mit Sauna dran -; nur die Dümmsten zahlen Rechnungen. Unaufhaltsam sein Aufstieg jetzt. Denn Lanz ist 'Faust!' ...Mephisto, Jekyll und Hyde, Frankensteins Monster, Fix und Foxi, Dick und Doof, klein und groß, Ursache wie Wirkung, Macht und Ohnmacht, Anfang bis zum Ende. Der will Alles und Nichts! Und der bekommt es auch! Denn er hat seinen potenten Pakt mit der Herrschaft. Leckt, sabbernd, geifernd und mit ständig heißer Zunge am allmächtig Macht machenden Sirup. Der würde auch an Scheiße lecken, wenn's nützt. Und der hat dutzende Vorbilder - hier Holz verschoben, als mangels Masse nirgendwo ein Feuer brannte. Die Schweinezucht, - keine der in der Anstalt gezogenen Schweine landete jemals im Anstaltstopf. Nicht die Rolle Klopapier, die Paste für die Zähne. Nein, nur der Dümmste zahlt die Rechnung beim Schuhe besohlen, dem frischen Brot, in der Gärtnereien den Kranz zu Totensonntag, Tischlerei, Schneiderei, und fürs Auto? da wollte manch einer das Bezahlen gerne verschlafen. Und das Schärfste: Lanz weiß das Alles! Nichts entgeht ihm. Der saugt die kleinsten Lässlichkeiten von Kollegen wie ein Schwamm, - frisches Klopapier zieht der auf. Hat Zuträger, wohin man blickt und über jeden führt er Buch. Ja, er hat sie Alle im Sack. Alle!

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„Mein Gott, ein Justizvollzugsbeamter als Lebensretter eines kleinen Mädchens ... Solch wunderbare Schlagzeile hatten wir ja noch nie. Und die Presse war heute auch schon da, die wollten was über Sie wissen! Doch leider musste ich die Journalisten an die Justizpressestelle verweisen. - Aber uns, uns erzählen Sie jetzt mal, wie es wirklich war, Sie Held - Sie“, forderte vertraulich und stolz Plappmann, Chef der Dienstzuteilung. Und neben dem standen mit ähnlich idiotischen Visagen - wohl vor Freude schon leicht angetrunken - und genauso stolz und ungeduldig wie der sein Zuarbeiter Gramm und natürlich Schaerning, Hausleiter Haus eins. Alle drei reckten die Brust, rückten an ihren Mützen mit den silbernen Kokarden, fühlten sich wichtig wie immer – und vielleicht waren sie es auch. Jetzt jedenfalls schlürfen die Sekt aus angestoßenen Kelchen mit Goldrand -, genau aus solchen, wie meine Oma über den Krieg gerettet hatte und zu Geburtstagen offerierte. „Tuntenbrause!“ quietschte Gramm über die gelbliche Flüssigkeit im Glas begeistert, und kam sich dabei wohl groß vor, - als Spaßvogel, der Arsch - ’Meinetwegen’ - Doch eigentlich war es am Zoll des Bahnhof Friedrichstraße vorbei geschmuggelter ’DDR - Rotkäppchen’, den Kollege von Grothling dutzendweise schleppte, um bei den verantwortlichen Herren in jeder Hinsicht zu punkten. Der Stoff war auf alle Fälle mehr ein Sektchen als Sekt, dem jetzt, warm geworden, sichtbar jeder Esprit fehlte, der als verzuckerter Sprit durch Hirne rotierte, blöde machte, Schweißflecken an Achseln wachsen ließ -, Nasenhaare erzittern lassen konnte, auch wenn ich das mit den Nasenhaaren nicht sah, aber aus eigenem Erleben wusste. Egal wie, die drei Bullen starrten mich jedenfalls mit feuchten Basedowaugen an, als wäre !ich !ihre !Zirkusattraktion. - Wie ein frei laufender Tiger, ein weinender Clown, ein Abziehbild auf Karton, ihr Pausenfüller im trüben Knastalltag, oder irgend was in der Richtung, nur nicht das, was ich war, - Hilfsschließer zur Anstellung in der UHA Moabit. Und da hinein, um der an sich idiotischen Situation noch einen draufzusetzen, nölte Gramm im albernen Tonfall von Micky Maus, seiner Lieblingscomicfigur, wie ich durch ein Dutzend auf seinem Schreibtisch liegender Heftchen ahnte, Vokale, die im Moment bestens zu seinem entigen Gesichtsausdruck und dem schalen Billigsekt passte. „Ja, Jean, !wirklich, sämtliche Zeitungen sind voll von Ihnen - und sogar mit !Bildern darin. - Und was für welchen ...!“ Dabei hatten die Reporter nur ein Bild von mir, wie ich auf dem Geburtstag meiner Großmutter, der gerade vier Wochen her, ein Bier trank – und der Idiot Gramm tat, als sei ich auf zig Pressefotos eine männliche Pin up Figur. Jahre später hatte er sein ’comming out’ und quittierte den Dienst.
„Mann, nun erzählen Sie schon“, ereiferte sich letztlich Schaerning - mit einem enthemmten ’Hicks’ in der Stimme, das wohl vom Sekt kam. Dann einem doppelt gehicksten ’Hicks’, einer Entschuldigung dafür, mitten hinein in mein Nachsinnen, in mein ’Gedanken’ sammeln, den Anfang der Geschichte suchend – und vor allem die Wahrheit. Während Gramm ohne mir ersichtlichen Grund nervös und hektisch an seiner Zigarre sog, und im Bemühen Kringel zu produzieren eine grauschwarz stinkende Giftwolke in den karg möblierten Raum der Dienstzuteilung paffte. Eine Wolke wie aus verbrannter Dachpappe, die sich teerschwarz an die Fensterscheiben schmierte, zur Sonnenfinsternis auswuchs, - und es augenblicklich dunkel werden lies. Dazu mischte sich wütend geworden Schaerning ein. „Sag mal, rauchst du immer noch die Sorte Bahndamm Schattenseite, wie Anno Tobak?“
„Manometer, Alfred, wirklich -, bei deinem Gehalt könntest du dir endlich auch mal was Anständiges leisten ...“
„Herrje, mach bloß das Fenster auf, oder besser gleich alle drei, Gerdchen“, befahl er dann in Richtung Plappmann, „man erstickt ja hier - und es stinkt wahrhaftig wie Sau! Und Sie, Jean, Sie erzählen nun endlich wie es wirklich war, - und das ein bisschen plötzlich, wenn ich dann mal bitten darf“ forderte er, dienstlich geworden. Frei nach einem Radiosong sang ich im Stillen gegen all die Plappmans, Gramms, Schaernings, den scheiß Zigarrengestank, die Sonne, die keine mehr war und die allgemeine und besondere Zucht und Ordnung im Gefängnis Moabit an: Ich kann leben, ich kann schweben, bloß wozu, weswegen und warum? Ich könnte leben, könnte schweben, sag mir bloß wozu, weswegen und warum? Doch egal ist’s mir, denn hier werd ich nie richtig leben, frag mich bloß nicht weswegen und warum ... Refrain: Ja, lass mich leben, lass mich sterben, ich sterb hier immer ein bisschen mehr, - oh, lass mich leben, lass uns reden, dass alles wozu, weswegen und warum, und immer mehr, - oh, lass uns ... und weshalb ist’s sich Umbringen nur so schwer?
Ja, jeder hat so ein Datum, oder eine Zahl, die er als besondere Erinnerung an ein Geschehen, oder als Glücksbringer, oft als Fluch, im Gedächtnis bewahrt, oder? Bei mir war es die Fünfundzwanzig. Mal war sie Verdammung, mal nicht. Zum Beispiel war ich vor einiger Zeit in der Spielbank Berlin, Roulett, setzte die Fünfundzwanzig – und gewann. Andererseits ist an einem fünfundzwanzigsten meine Mutter gestorben – das vergesse ich nie, - wie auch, die Fünfundzwanzig war beim Roulett meine Lieblingszahl. Hier, in meinem Bericht vor Plappmann und Konsorten, war es der fünfundzwanzigste Juli. Ich hatte an diesem Tag frei, das Wetter war bombig, Sonne satt, 28 Grad, - und ich nichts wie raus ins Strandbad Tegelsee. „Ich miete mir da immer einen Korb, wissen Sie ...“
„Sie mieten einen Korb?“ fragte blöd grinsend Gramm.
„Ja, tue ich - immer!“
„So - so, er mietet !immer einen Korb“, quälte Gramm sich abermals einen ab. Der war wohl enttäuscht von mir, seinem neuen Helden für Minuten, der im Strandbad Tegelsee scheinbar elitär und weitab von der Meute als feiner Pinkel im Strandkorb lag, statt auf einer Decke, an der Erde, zwischen Kronenkorken, Kippen, Tempotüchern und Fromms Akt, - wo ich zweifellos hingehörte, wie alle die anderen, die er kannte. Und richtig. „Ich muss mit meiner Bagage immer auf einer Decke im Dreck liegen ...“, nörgelte der prompt, und zeigte seine Unzufriedenheit in fahrigen Bewegungen zum Kopf, war empört, rot im Gesicht, und schielte über den Entenschnabel hinweg noch stärker als sonst, - und wartete auf Schützenhilfe von Plappmann oder Schaerning, oder beiden. Doch nichts dergleichen. „Mensch, Alfred -, nun lass ihn doch endlich mal erzählen“, polterte Plappmann statt dessen, „... also, wie war das nun im Strandbad, Jean?“

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Wieder rausche ich volle Pulle durch mein Nonsensleben, zähle die Zeichen, werte die Leichen. - Typen, die Leute wie die da & dich buchstäblich vom Hocker reißen, und du könntest mit ein wenig Meskalin dabei sein. Könntest! Aber ich sehe schwarze Ampeln, gelbe Bullen, blau die Nacht, rot die Erde - egal, ich springe drüber hinweg, flitze vorbei, presche zwischen Straßen & schiefen Wohnblocks, mitten durch Höllen, Himmelreste, Fetzen Dasein, vorbei an menschenleeren Dönerbuden, aus denen Dunst zieht, orientalische Musik lärmt, - die sich mit dem Gebell eines Hundes mischt, der wie irre ist, wütend, der versucht, in den Vorderreifen meines Wagens zu beißen. Ja, sogar die Köter sind so blöde wie die Menschen hier. Und all das reicht, um wieder Vollgas zu geben. Weg vom Gesocks & Pennern, - reiß aus vor mir. Hinaus aus dem Viertel & das möglichst schnell, & immer schneller, & immer weiter, nur weg & weg & & & & &

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Scheiße, die Wahrheit konnte und wollte ich nicht erzählen, ich war nur in der Lage zu berichten, was auch die Zeitungen gemeldet hatten, nämlich, das ich ein siebenjähriges Mädchen vor dem Ertrinken gerettet habe. „Schwimmen Sie immer so weit raus?“, hatten die von der Presse gefragt, als ich aussagte, von der Insel Scharfenberg gekommen zu sein. „Ja, immer einmal um Scharfenberg rum“, log ich. „Einmal um die ganze Insel?“
„Ja.“
„Das sind ja - unter Brüdern - fast zwei Stunden“, staunte der Reporter.
„Ja!“
„Sind Sie Leistungssportler?“, fragte ein anderer. „Ja, ich ...“, wollte ich sagen, schwieg dann aber lieber und dachte an die Szene auf der Insel, - als ich das Liebespaar beobachtete.