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Bild: Michael Köhn
 

Begonnen im März 2015 werde ich 2017 am Roman- (Stoff - AT: Ungereimtheiten/ Lavage/Play the Time) weiterarbeiten. Vorab das Exposé und die damaligen Anfangsseiten. 

Expose 

Chess beschützte seine Mutter und steht deshalb unter dem Verdacht seinen Erzeuger getötet zu haben. Nach neun Monaten U-Haft kommt er bis zur Hauptverhandlung frei. Sein Bruder Eddy, Kiezkönig, schenkt ihm (nicht ohne Hintergedanken) Mona, seine beste Hure und stellt Chess als Geschäftführer im Paladin ein, einem Puff am Rand der Stadt. Als die Hauptverhandlung beginnt wird die einzige Entlastungszeugin, seine Mutter, wegen eines schweren Traumas in der geschlossenen Psychiatrie behandelt und kann seine Unschuld nicht bestätigen. Chess wird, obwohl er unschuldig ist, zu 2 Jahren Jugendstrafe verurteilt. Noch während der Gerichtsverhandlung verliebt sich Chess in die Journalistin Doro, die den über Monate gehenden Prozess verfolgte und über ihn ein Porträt schreiben möchte. Mona reagiert mit Morddrohungen auf die Rivalin. In der Jungendstrafanstalt lernt Chess sich durchzusetzen und beschließt nach seiner Haftentlassung eine kriminelle Karriere zu starten. In der Hierarchie ’vom schnellen Geld’ führt sein Weg auf dem Kiez steil nach oben. Erst als er eine längere Haftstrafe absitzen muss, überdenkt er sein Leben. Er heiratet in der Haftanstalt Doro und ’macht’ ihr ein Kind. Wegen der besseren Sozialprognose wird er daraufhin vorzeitig entlassen. Kaum in Freiheit muss er feststellen, dass sein Bruder und Geschäftspartner Eddy ihn nicht nur um einige Hunderttausend Euro betrogen hat. Chess, der wegen Doro ehrlich werden will und mit ihr eine Familie gründen möchte, hat die Absicht sich von seinem Bruder und dessen zwielichtigen Geschäften loszusagen. Eddy will seine Macht weiterhin sichern und beschließt, Chess zu demütigen. Er missbraucht dessen Frau, und macht Chess drogenabhängig. Bei einem Drogentrip lässt er Chess vom Ganoven Body vergewaltigen, der zudem noch eine Rechnung aus dem Knast mit Chess begleichen will. Chess kommt schwer verletzt und auf der Suche nach seinem Gedächtnis in ein psychiatrisches Krankenhaus. Nach seiner Entlassung beschäftigt Eddy den gebrochenen Chess als Geldeintreiber und bietet ihm einen Job auf einer Pferderennbahn an. Chess soll dort die Jockeys bestechen und Wetten manipulieren. Was Eddy nicht weiß ist, dass Chess im Knastschließer Zucker einen Halbbruder hat; es handelt sich bei Zucker um einen Söldner, der für den US- Konzern Blackwater in Krisengebieten als legendärer Kämpfer und Personenschützer für Aufsehen sorgte. Als Eddy kurz darauf eine längere Haftstrafe absitzen muss, soll Chess seine Geschäfte führen. Als Chess ablehnt, lässt Eddy den inzwischen 5jährigen Sohn Abel von Doro und Chess entführen und wenig später Doro von Mona durch einen Verkehrsunfall töten, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Als Chess durch einen Reitunfall Teile seiner Erinnerung zurück erlangt, kommt es zum Show down. Nach vollzogener Rache an Eddy flüchtet Chess mit Mona und einer Beute von 2 Millionen Euro nach Asien. Eddy, der nicht tot ist wie Chess vermutet, spürt ihn in Thailand auf. Zucker wird Chess helfen und sein Leben retten. Der Rest sind Ungereimtheiten und müssen keine Beachtung finden 

’8 Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel. Und es geschah, als sie auf dem Feld waren, da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn. 9 Und der HERR sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Und er sagte: Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter? 10 Und er sprach: Was hast du getan! Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden her.’ 

Ungereimtheiten/ Lavage - Roman

 - no more tears - 

einige denken ich habe voll einen an der klatsche weil ich die frau die ich liebe verlassen habe

dabei stimmt das so nicht

ich hatte nur ein paar whiskey zuviel dies jahr

einiges an partys und weibern ein wenig gras auch mal eine nase und schon hatte sie die schnauze voll von mir

dabei haben wir uns mal treue geschworen bis ans ende aller tage und nun fliegen ihr schon beim kleinsten sturm die löcher aus dem käse

doch ich hoffe du weißt es besser mein freund von wegen was ist und wäre wenn ich ihr sagen würde dass ich sie immer noch liebe dass ich nur so beschissen drauf bin weil ich den ganzen tag über dinge nachdenke die sich nicht ändern lassen

und die stimmen in meinem kopf mir angst machen wie die grellen bilder die das wahnsinnige gedröhne schaffen

nicht mal das jahr in der klapse brachte ordnung in meine birne schaffte es das gift aus meinem körper zu spülen und die wahrheit über sie und mich in meinem hirn zu erwühlen

alles um uns glücklich zu machen um zu tanzen und zu lachen und verrückte sachen zu machen

dabei ist sie ein echt cleveres mädchen und veranstaltet gute dinge die richtig sinn bringen

nur bei mir bleibt es immer dunkel und wenn andere über ihre späße lachen und klatschen heule ich vor lauter wut und

greife wie ein irrer zur flasche und trinke noch einen

und weiß mit dem brennen tief in mir drin es ist zu spät um das leben noch mal von vorne zu beginnen 

- everybody clap your fucking hands - 


1. Nachtrag vorweg 

Hinweis: Nett sein ist der kleine Bruder von Scheiße sein: 

„Sie haben ihren Vater umgebracht!“

„Warum sollte ich?“

„Weil Sie ihn gehasst haben!“

„Sagen Sie jetzt nichts mehr, - gar nichts!“ Befiehlt Doktor Meyer, Strafverteidiger, als mein Rechtsanwalt.

„Dann werde ich es Ihnen sagen...“

„Auch Sie werden gar nichts mehr sagen“, sagt Doktor Meyer. Doch den Staatsanwalt kümmert das nicht richtig, und den Haftrichter gar nicht. 

„Der junge Mann hat ADHS!“

„Auch falsch!“ Behauptet Meyer dagegen. „Unser Gutachter kommt zu dem Schluss, dass mein Mandant unter Asperger leidet. LEIDET, verstehen Sie?!“

„Wer ist der Gutachter?“ Fragt der Haftrichter.

„Professor Doktor, Doktor Künzel!“

„Na dann...“

„Und nun?“

„Ich hebe hiermit den Haftbefehl auf, Herr Staatsanwalt! – Oder haben Sie ’neue’ Beweise?“

„Nein. Keine.“

„Gut, dann ergeht folgender Beschluss...“ 

„Wie geht’s nun weiter, Doktor Meyer?“ Flüstere ich.

„Sie werden in die U-Haft zurückgeführt und von da aus dann entlassen. Das dauert aber, bis der Haftrichter die Papiere unterzeichnet hat. - Sie können also in Ruhe packen!“

„Im Film sieht das aber alles anders aus. Da gehen die Leute aus dem Gerichtsaal direkt in die Freiheit.“

„Wie alt sind Sie jetzt?“

„Eben Neunzehn, Herr Doktor Meyer.“

„Sie werden in ihrem Leben bestimmt noch viele falsche Filme sehen.“

„Ja. - Bestimmt!“ 

Im falschen Film war ich neun Monate und 6 Tage zuvor, als Mutter unter meinem toten Erzeuger lag. 

„Und vergessen Sie nicht, sich wöchentlich auf dem Polizeirevier zu melden.“

„Versprochen!“

„Okay. - Wir telefonieren morgen!“ 

„Ach, Herr Doktor Meyer.“

„Ja.“

„Rufen Sie bitte meinen Bruder an?“

„Eddy? -  Soll der Sie abholen?“

„Ja, bitte!“

„Seien Sie vorsichtig, - und kommen Sie nicht unter die Räder; Sie sind noch jung und...“

„Ich werde mir Mühe geben. Versprochen!“ 

’Ich bin ein Krimineller. Kriminelle sind notorische Lügner. Alles an mir ist eine Lüge’, schreibt Raymond 'Red' Reddington.

Dabei wollte ich Abitur machen und Stuntman werden. 

Trailer 

Ich habe 0,66666 Jahre lang Schlachter gelernt und musste die Lehre abbrechen, weil ich (angeblich) meinen Vater geschlachtet habe. Eine Kopfgeburt. Das gehasste Vieh. Sagt man.

Bild 1 

Das Leben passiert, wie wenn ein Ertrunkener in der Wüste liegt, während du mir was über Freiheit und Ungezwungenheit redest; von ’Absinthe Green Silk Satin’ und lauter anderen schrecklich schönen Sachen. 

Doch halt! Ich liebe sie. Alle! Und gebe viel dafür mit ihr in ’Jacket, Dress And Slip’ flach auf einer Marmorplatte zu liegen um auf die Sünden der Nacht zu warten. Ich, Bruder von Jimmi und Eddy Asperger, - der gutgläubige Idiot; doch das wird sich nun ändern. 

„Frauen sind Ware!“ Wirft Eddy den Köder aus. Der einer meiner ’oberschlauen’ Brüder ist. „Sieh zu, dass du selber bald eine hast und mit dem Arsch an die Wand stellst!“ Und dazu johlen seine Champagnerbesoffenen Hühner im Bunny- Kostüm, dass ihre Puscheltitten und Plunderohren im Takt mit dem Cadillac wackeln. Genau das geschieht mir, als ich nach 9 Monaten und 6 Tagen U-Haft entlassen werde, weil mir Eddy einen Star an Strafverteidiger spendierte, der zudem mit Richter und Staatsanwalt gut kann. 

Bild 2

Die Knastpforte scheppert ins Schloss. Auf dem Parkplatz blitzt Rot Keules Cadillac, aus dessen Verdeck es summt - und die 12 Zylinder- Haube brummelt wie satte Kaninchen, muss ich wohl nicht weiter erklären; lieber springe ich mit einem Satz in die geile Karre und Eddys 3 Ladys hühnern sofort an mir rum; - ey, ich sitze noch nicht mal und das Verdeck ist noch offen! 

„Du bist gut im Futter. Hast Muskeln zugelegt!“

„Sechs Monate Sportkalfaktor, da brät sich was zusammen“, muss ich grinsen. 

„Was heißt das eigentlich ’der kann mit dem Staatsanwalt gut’“, komme ich wenig später Absinth gurgelnd zum ersten Mal in der Grünsten der grünen Feen.

„Meyer hat den Staatsanwalt überzeugt, Mona zu nageln. Und es gibt reichlich Bilder davon!“

„DIE Mona?“

„Ja. - DIE Mona!“

„In unserem Laden?“

„In meinem Laden!“

„Also“, lacht Eddy, „willst du sie haben?“

„Mona?“

„Meinst du, du bekommst von mir den Staatsanwalt?“

(...)

 Und so fing es an. Das mit Mona - ’All That Jazz’. Und dem Film vom ’Rock’n Roll’ erigierten Staatsanwalt. 

- Yippie Ya Yeah Schweinebacke! Hoch soll dein steifer kleiner Pimmel leben. -

Bild 3 

Die Kugel blieb knapp unter der Kopfhaut stecken. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Nicht mal, wo die hergekommen ist. Nur eins: Es war vermutlich ein ziemlicher Akt die rein zubekommen, weil es ein ziemlicher Akt war die wieder rauszubekommen.

3 Wochen Intensivstation. Hörte ich später. Da waren die Fäden schon verfault. Innen. Wo sie die Schwarte zusammenhalten. Außen kann man sie abziehen wie einem Schwein die Borsten. Bei mir ging es jedenfalls so. 

„Und das ist deine Narbe?“ Tastet Mona neugierig.

„Ja. - Das ist sie. Und deren gute Pflege ist wichtig. Brich dir also nicht die Fingernägel ab!“ Was sollte ich auch sonst sagen.

„Die sind nur aufgeklebt.“

„Ich mag dich trotzdem!“

„Echt? - Du bist so anders...“, sagt Mona mit aufgerissenen Augen.

„Wie denn?“

„Anders eben.“
„Spannend!“


Bild 4 
Live Leak -

Wer nach mir sucht, gibt am besten bei Google Maps die U- Bahnstation Berlin- Turmstrasse ein. Nimmt seine/n Finger und fährt damit rechts die Turmstraße bis zur Wilsnacker Straße dann kurz vor dem Amtsgericht Tiergarten, das gleichzeitig das Landgericht Berlin ist, wieder rechts; Hinweis Amts- und Landgericht: Um längere Wartezeiten zu vermeiden, wird empfohlen, einen Termin zu vereinbaren! Doch das ist jetzt voll Banane, weil es nämlich in die Wilsnacker geht und von da aus links in die Straße Alt- Moabit. Ey, an deren Ecke befindet sich ein super- super geiler Fleischerladen. Und ich kenne die Kaltmamsell! Weil sich keine 100Meter weiter der Eingang zum Knast befindet. Braune Steine. Graue Gitter. Blitzender Stacheldraht, so weit das Auge sehen kann: Alt Moabit 12A! Eine Adresse wie Chessnerhall. Kannst du glauben. Immerhin habe ich dorthin über 9 Monate meine sämtliche Post bekommen. 

Gut, wir merken uns also Berlin Alt- Moabit 12A: Knast. (Oft dazu gefragt: Abgabe von Kleidung, Wäsche und genehmigten Gegenständen. Antwort: Völlig unabhängig von der Besuchswahrnehmung besteht einmal pro Woche, jedoch maximal dreimal im Monat, die Möglichkeit, Kleidung mit einem zulässigen Höchstgewicht von 5 kg in der Rathenower Straße 81 an der Pforte VII abzugeben. Hierfür stehen folgende Öffnungszeiten zur Verfügung: montags 11.15 Uhr - 18.15 Uhr, jeden zweiten Dienstag im Monat 11.15 Uhr - 16.15 Uhr, dienstags und mittwochs von 09.15 Uhr – 16.15 Uhr Chessnerstags, freitags, samstags und sonntags, sowie an Feiertagen geschlossen). - Hast du’s? Gut! Denn von da aus sind es mit Eddys Cadillac, wenn er langsam fährt, noch zirka 20 Minuten bis zum Kiez in der Potsdamer Straße. Man rutscht dazu Ecke Knast rechts die Rathenower Straße runter, fährt die Paulstraße. Passiert am Schloss Bellevue die Spree, winkt dem Bundespräsidenten mit dem Mittelfinger. Cruist um die Goldelse. Knackt links das Lützowufer und ist auf der Bundesstraße 1, der Potse. So weit alles klar?

„Klar“, sagt Eddy.
Während ich ihn bitte, rechts an der Dings, also der Bülowritze über die Kleiststraße zum KaDeWe abzubiegen.
„Was willst du denn da, Mann?“
„Leute gucken!“
„Echt?“
„Natürlich nicht. Ich will ein fettes Pils vom Fass. - Oder zwei!“
„Immer mal wieder in die Feinschmeckeretage, was?“
„Wenn es geht?“
„Passt schon!“
„Aber die Hühner bleiben derweil im Auto!“
„Du bist der Boss!“
„ ...der Laden wurde übrigens vor Tagen ausgeraubt.“
„Was, - die Feinschmecker?“
„Nicht doch, - die Schmuckabteilung du Hirni!“
„Und wer?“
„Man sagt was von Kanaken- GmbH.“
„Die mit der Spielbank?“
„Genau die!“
„Ich dachte schon du...“
„Leider nicht.“ Grinst er. Und er kann grinsen. Live Leak. Dreckig und erfolgreich. Oder irgendwie so. Seine Stuten lieben ihn jedenfalls dafür. Und ich ihn, als sein Bruder. Blut ist dicker; weißt schon, oder?

Bild 5
 Block- Buster- Rolex- Submariner Vintage “James Bond” 

„Wo wir schon mal hier sind“, freut sich Eddy, „können wir dich gleich mal herrichten!“
„Was meinst du?“
„Klamotten sind wichtig; - weißt du doch!“
Drei Jupp- Topp- Anzüge, zehn Marken- Adler- Kragen- Hemden, 2 Schweine- Reich- Jeans mit echten Goldnieten darauf und zig anderem exklusiven Schwachsinn, zwei Lederjacken in Frosch- Loch- Handschuhleder, Stakkato- Unterwäsche (aus reiner Seide), traue ich mich kaum zu sagen - Mundgeblasene Piff- Paff- Puff- Socken, Hochglanz- Benny- Ich- Bin- Black- Schuhe und so weiter fort, bis ich „Stopp“ rufe.

„Stopp! - Ich brauche jetzt erst mal ein Bier!“
„Lass uns vorher noch kurz in die Schmuckabteilung!“
„Okay!“ Und ich wenig später mit der Rolex- Submariner- Vintage- James Bond zu 18.900 am Arm überlege, wann er endlich von Mutter spricht. Oder was ich zu tun habe damit er... Ob es eine Explosion geben muss, dass die Hütte einstürzt. Einen Überfall mit Schießerei. Einen Raubmord direkt neben uns. Ein Attentat auf ihn. Oder einen Dachstuhlbrand in seiner Birne... oder ob es... und ob er den Tod seines Vaters (meines Erzeugers) verwunden hat, oder nicht. – Nicht, oder?

„Was ist? Was glotzt du so dämlich!“ Wird er wütend.
„Das wollte ich dich fragen.“
„Was denn?“
„Wie es Mutter geht...“
„Das tust du mit Absicht, - du - du Muttersöhnchen! Oder?“


Bild 6 
Menschen kann man mit einer Wohnung töten wie mit einer Pistole 

Im satt verslumten Berlin- Wedding hausten wir neben dem Kloster der Barmherzigen- Schwestern. Nun ist ein Bordell drin, - wo mein Erzeuger als Fleischer schlachtete und auch starb. Und unsere ehemalige Wohnung dient als Absteige für Thai- Girls. Klar, die Bude mit Klo auf halber Treppe braucht ja auch sonst keiner. Nicht mal irgendwelche verlausten Asylanten. Auch mein Erzeuger ist an dem Teil mehr oder weniger verreckt. Mutter in einer psychiatrischen Anstalt. Ich im Knast. Bruder Eddy Zuhälter. Jimmi ein kaputt- geliebter Autist mit Vollpension in einem ausbruchssicheren Behinderten- Heim. Frage: Geht man so mit Menschen um? Antwort: Ja, warum denn auch nicht...

„Ich habe das beste Pflege- Heim weit und breit ausgesucht. Und meiner Meinung nach fühlt sie sich dort auch wohl!“
„Hat sie es dir gesagt?“
„Nein. – Sie spricht nicht.“
„Nicht ein Wort?“
„Nicht ein Wort.“
„Und was sagt der Arzt?“
„Was von posttraumatischem Belastungsdings und so wirres Zeug.“
„Wann warst du letztens da?“
„Ist schon ein paar Kaffeestunden her.“
„Aber auf dem Friedhof bist du oft!?
„Fast täglich...“

Heute ist Blindheit und Heuchelei Tagesgeschäft. Früher glaubte man Freundschaft und Treue und sagte im Idealfall zu den Eltern: Ich ehre und liebe dich.

„Du hast Ansichten wie ein Hundertjähriger, Keule.“
„Das macht der Knast!“
„Ich war auch schon mal da“, sagt er.
„3 Tage wegen Mauserei, ich weiß!“
„5 Tage. - Und ich weiß, dass du Vater nicht erstochen hast!“

Nett ist der kleine Bruder von Scheiße -, weiß doch jeder. Und Wahrheit ist das Grab aller Illusionen, Reise in die Dunkelheit genannt. Noch Fragen?

„Wo ist eigentlich der Hund?“
„Das krätzige Vieh habe ich einschläfern lassen.“
„Du bist ein herzloser Vollidiot!“
„Wo du es sagst...“ 
 

Bild 7 Hinter dem Fenster außen 

Es gibt Dinge, über die es lohnt zu weinen -, wenn man die vorher wüsste. Ich nenne Enttäuschung oder Freude. Liebe, Hass, Schmerz oder Glück. Ja. Es gibt Dinge um die muss man kämpfen, egal was die sind.

„Du hast mich in den neun Monaten Knast nur einmal besucht, Eddy!“

„Und?“

Shit, so was von lässig kommt dieses Und, als wenn unbemerkt die Oberfläche der Welt zusammenbrechen würde und sonst nichts. Nichts weiter! Ganz anders Mona. - Mona läuft jubelnd auf mich zu. Und ist schlank wie einst im Mai der Mai -, diese langbeinige Provokation in blond. Auch hat sich an ihr nichts geändert, wie ich sehe. Immer noch die super- hochhackigen Schädelbrecher- Schuhe. Immer noch ihre hübsche Kiez- Visage. Darin das prall- rot gemalte Maul auf vollen Lippen, ein wahnsinniges Versprechen auf, - auf was? Die kohlschwarzen überlangen Wimpern. Doch auch ihr gelebtes Leben..., im Spiegel ihrer großen Augen. Dieses getäuschte, betrogene, verlassene, ausgesetzte, beraubte und fast verdurstete Sein. Das immer noch Opfer von Überfällen ist. Von Begehrlichkeiten. Und die lebende Zeugin eines Persönlichkeitsmordes in frühester Jugend. Andererseits ist sie immer noch eine Kindfrau. Eine Art von ’aus dem Elendsasyl gekrochen, um zu bleiben, wo es besser ist’. Die süße Mona, die jetzt mir gehört. Ein einziges Hoffnungszeichen, so positiv, wie sie auf mich zuläuft. Und immer schneller ist sie ein Fingerzeig für mich. Und das nicht nur an diesem Tag. Ihr Stammeln „Ich habe dich schon immer geliebt, Chess!“ Dabei ist sie zehn Jahre älter. Genau wie meine erst- besten Wunden, von denen es inzwischen zahlreiche gibt. Wie die von den Schmerzen. Die als Mahnung stehen. Ob ich sie nun verschuldet habe oder als unverschuldete empfinde. Wie die tiefe Schnitte in Seele und Fleisch. Selbstverletzung, schon klar. Wegen der Schuld, die so sichtbar unsichtbar. Und meine Scham darüber. Dazu dann der Stolz über das Leid. Über das Dasein. Das es zu besiegen galt und gilt. Hinter Gittern und Mauern. Überleben. Im Knast. Wo man Zeit dafür hat. Genug Zeit. Um Grenzen aufzuheben. Sich ein Fenster nach innen zu schaffen. Durch einen Riss, eine Wunde. Eine spätere Narbe. In die man tief ein Loch bohrt. In die Würde. Um durch das Reich der Unterwerfung zu sich selber zu gelangen. Hin zum Leid um Mitleid. Um in Täters Opferrolle zu schlüpfen. Der sich hinterfragt, analysiert, kategorisiert. Denn, wie gesagt, Zeit dafür ist reichlich im Knast. Wenn man an den Gittern hängt. Im Krieg mit sich selber, gelistet in tag- täglichen Protokollen, Skizzen, Notizen, - einigen Tätowierungen. Die bleiben nicht aus. Wie das Kopfkino. In dem alle Facetten Schmerz sind. Schuld. Alle Zeichen von Erfahrung in Begegnung. Auch der letzte Schrei. 

“Nun oh Mensch! Was hast du wieder angerichtet? In Silber hast du verwandelt, alles was einst Gold war.“

 Na, ich weiß ja nicht. All diese Freaks da. Und dort. In der Justiz. Die täglich neu verjüngt mit Mänteln aus feinstem Ponymösen- Fell auf Grunge- Power getrimmt. Ekelhaft, die Rutengänger schäbigster Wahrheiten. Die Hobbyjuristen einer Saison. Lebensarchäologen, - kuriose Erdarbeiter und gemütskranke Menschenentwürfe. Spezialisten der Gerichtsbarkeit, die große Töne spucken aber nur kleine Bögen pissen. Von wegen: Meinetwegen ist eben ein 5 Kilometer langer Güterzug entgleist. - Einzig eine große Schnauze haben diese Spinner. Opfer sind die, - wie sie und er. Und es werden täglich mehr. Und dafür soll nun ich sorgen, sagt Eddy. Bevor ihm das Kartenhaus Puff einstürzt. Nun, wir werden sehen, sage ich. Und küsse fürs erste Mona. Und nicht nur das: I Walk the Line, Bruder!  

Bild 8 Diese Stadt... 

Ständig grau. Ihre Tage und Nächte zerreiben sich im Elefantenblues. Während bleiern/er Regen fällt. Pechschwarzer Schnee. Saurer Nebel die Autoscheiben verschmiert, die Atemluft brennt, - als würden ständig Hochöfen befeuert. Ihr Dreck macht die Menschen blind, deren Pflanzen und Tiere. Bricht Hoffnungen. Zerstört ihre Ordnung. Wabert in die bewohnten Kloaken. Trifft auf die Untersuchungshaftanstalt Berlin- Moabit. Doch frag mich nicht warum das so ist, - ich zeichne dafür nicht verantwortlich. Vergiss also die paar Sekunden (lesen) besser. Lösch meine Worte von deiner Festplatte sollten die dir nicht in den Kram passen. Denn es wird noch wesentlich schlimmer. Gefährlicher. Grausamer. Und es ist nichts für Anfänger dabei. Wie das Leben, wenn die Zeit splittert, der Augenblick, die Jahre, ein Dasein, - während du eventuell gerade bei Tante Erna auf der Couch sitzt und auf die ’ideale’ Zukunft wartest. Vergiss es! 

Bild 9

Der Knast fällt durch brandroten Ziegel auf. Schlimmer als Höllenfeuer. Und durch hohe Mauern mit Metallzäunen davor. Mit mächtigen Rollen von Stacheldraht drauf. Hat Türme auf den Endpunkten der Mauern; Waben an sinnlos hängenden Wänden mit blitzenden Scheiben in Schwarz, durch die man die Menschen dahinter nicht sehen kann. Sollte es überhaupt welche geben. 
Weit hinter den Zäunen und Mauern kann man Gebäude sehen. Häuser mit unterschiedlichen Silhouetten. Einzelne Baumkronen. Hört man ab und an Rufe. Schreie. Befehle.  In vier der Gebäude sind Häftlinge untergebracht, - die kann man von der Straße aus auf die Zellenfenster sehen, wenn Licht in den Höhlen brennt. Sonst sind es dunkle Höhleneingänge in Kleinformat. Immer mit Gitter davor.  Ab und an sieht man am Fenster einen Menschen, der winkt. Ruft. Der an einer Schnur, einem zusammengeknoteten Fetzen Stoff einen Gegenstand hin und her schwingt. Pendelt. Von einer Zelle zu anderen etwas weitergibt - wenn es gut geht; das Pendel nicht reißt.

Direkt hinter dem Haupteingang die Gefängnisverwaltung, damit der Weg nach Draußen nicht so lang ist, die Furcht eingeschlossen zu sein; lebendig begraben. In einem dreistöckigen Neubau. Aus Beton. Mit breiten, großflächigen Fenstern und schlanken Gittern davor; im auffallenden Kontrast zu den über hundertjährigen Backsteinbauten der Anstalt. 

Bild 10

In Jahren Isolation lernt man eine Menge über das Leben. Über die Wirkung von Freiheitsentzug. Über eigene Sehnsüchte und Träume. Doch irgendwann steht man dann vor der Tür. Ist draußen; wie ich nun. Und sie holt mich ab. Wir haben im Knast geheiratet. Aus Liebe. Und weil sie schwanger ist. 

Bild 11  Zuvor

„Die ist ne scharfe Braut!“ Lacht Eddy.
Und wenn Eddy etwas sagt und dabei lacht, werde ich hellwach.
„Schon gut, lass den Anwalt einen Besuchsschein beantragen und schick sie her!“
„Willst du nicht bis zum Urlaub warten?“
„Im Urlaub habe ich was anderes vor.“
„Okay. Du bist der Boss; - also die Pfaffenzelle?“
„Sag Pfarrer. Und behandele den Mann respektvoll.“
„Das Übliche?“
„Nicht das Übliche; leg noch was drauf. Verstanden?“
„Schon verstanden, Boss.“ Und wieder lacht er zu viel und zu lange.
„Übrigens – Stormi will für seine Nichte Abstecke haben.“
„Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt – ich will keine Nutte!“
„Sie ist auch keine; konntest du doch auf den Bilder sehen. Und richtig liebe Mails hat sie dir doch auch geschrieben.“
„Das können auch Nutten.“
„Du willst sie also nicht ficken?“
„Dazu habe ich hier zwei Vollzugsladys, wie du weißt.“
„Ja, klar. Weiß ich doch...“
„Also. Wo ist das Problem?“
„Dass Stormi Abstecke haben will.“
„Dann erklär es ihm.“
„So richtig?“
„Genau so!“
„Und seine Nichte?“
„Doro rührst du nicht an!“
„Schon klar, Boss.“ Höre ich ihn lachen. 
„Ende!“
 

Bild 12

„Wenn jemand nach bestimmten Ansagen lacht, Gruber“, frage ich den neben mit stehenden Anstaltspsychologen, „was ist dann mit demjenigen los?“
„Er hat Angst. Ist unsicher. Will etwas verbergen...“
„So wie du, Gruber?“
„Wieso wie ich?“
„Meinst du ich weiß nicht, was du mit Moni gemacht hast; wie du die zugerichtet hast...“
„Es war ein ganz normaler Sexunfall!“
„Ein ganz normaler was... Machst du das mit deiner Frau auch so? Wissen deine Kinder davon? - Kannst du dich daran erinnern, dass Moni mein Mädchen ist - und ich dir die nur geliehen habe?“
„Ja. Kann ich. - Es tut mir auch Leid!“
„Okay. Dann lass den Scheiß beim nächsten Mal sonst gibt es Konsequenzen. - Und für Übermorgen bereitest du die Pfarrerzelle vor, ich bekomme Besuch.“
„Mit Champagner?“
„Das volle Programm, Gruber.“
„Sehr gerne.“
„Hast du eben gelacht?“
„Das würde ich mir Ihnen gegenüber nie erlauben!“

Am Ende vom Gang sehe ich Zucker, den Stationsschließer.
„Schließ mich bitte ins Fitnesscenter, Bruder“, rufe ich.
„Bin gleich bei dir, Chess!“ - und sagt, als er dann dicht neben mir steht leise, „sei bitte vorsichtig, Body ist schon drin – und ich glaube, der plant was.“
„Ist er allein?“
„Ist er!“
„Danke Bro!“
„Weißt du doch. Blut ist dicker.“ Und dabei lacht er. Offen. Ehrlich. Anständig. Mit Respekt. Wie es sich unter Brüdern gehört. Und es ist wahr: Wir haben denselben Vater, für den ich das aller erste Mal im Knast gesessen habe; eigentlich wegen Mutter. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine lange. Mit Tiefgang. Und seitdem Mutter mit dem Gedächtnis Schwierigkeiten hat, weiß außer mir und einiger verlauster Gerichtsakten nur Zucker davon. Wir lernten uns bei der Beerdigung des Alten kennen. Ich in Handschellen. Er als mein Schließer; Brüder.

„Brauchst du noch was?“
„Nichts. Danke!“
„Okay. Kannste ja klingeln, wenn du wieder raus willst.“
„Body wird für mich klingeln!“
„Bist du sicher?“
„Ja!“
„Gut so.“
„Du schließt ihn dann bitte ein...“
„Und dann?“
„Dann findet er einen Schuss auf dem Bett und denkt, sein Dealer wäre da gewesen.“
„Und der war auch da?“
„Na sicher.“
„Okay. Ciao dann.“

Bild 13

Body lacht nie. Ist zwei Meter lang. Wie breit. Nackt. Zirka 150 kg schwer. Mit Glatze. Boxernase. Ein Muskelpaket. Aufgepumpt. Hat sein extrem gepierctes Ding eingeölt. Steht sichtbar unter Strom.

„Na, Body – scheiß Nacht gehabt?“
„Nicht deinetwegen...“
„Sondern?“
„Meiner Wiederaufnahme...“
„Und?“
„Der Rechtsanwalt ist ein Arsch.“
„Entzieh ihm doch das Mandat!“
„Mandat?“
„Du entlässt ihn.“
„Und dann?“
„Ich besorg dir einen.“
„Gerade du?“
„Gerade ich!“
„Und wieso?“
„Ich will dir einen Gefallen tun.“
„Wie der Pate von der Marlon Brando Mafia?“
„Du bist pfiffig.“
„Und dann willst du was von mir…“
„Vielleicht Ja. Vielleicht Nein. - Wir werden sehen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann stirbst du hier drin!“
„Tu ich sowieso. Ich hab n Haufen Schulden und...“
„Das regle ich.“
„Und was muss ich dafür tun?“
„Du klingelst jetzt - und lässt dich auf Zelle bringen. Den Rest später.“
„Erst besorgst du mir ne Alte...“
„Gebongt.“
„Prima, Alter.“
„Sag Chess, - einfach Chess.“
„Okay - Chess.“
„Und jetzt klingelst du... und in einer halbe Stunde bist du all deine Sorgen los.“
„Vergiss ja die Schlampe nicht. Ich brauch was vor die Pfeife!“
„Nein, vergesse ich nicht; ich vergesse nie was!“
„Du willst mich manipulieren, stimmts?“
„Ich will dir helfen...“ lasse ich Giftpilz ’Hoffnung’ in seinem Hirn keimen. Mache ihn zum Zombie, - während der Pilz wachsen wird, sich vermehrt und durch Suizid tötet. Hoffnung spielt immer das gleich irre Spiel. Egal wo man hinsieht. 

Bild 14

Im Knast vergeht die Zeit wie Sonntage auf dem Land. Träge. Kraftlos. Öde. Masse = Gleichmasse. Schlafen. Träumen. Leise Gitarre. Fado. Bestehend aus still stehender Aussicht in Ort wie Handlung. Wobei die wenigen Handlungen nicht mehr als inzestuöse Geschehen sind. Und der Rest aus Problemen besteht. Die Probleme wiederum Karikaturen der Welt draußen darstellen. Bis Doro zu Besuch kommt und ich denke, als ich sie sehe, es sei mir möglich für sie zu sterben. Und sie, eventuell durch die Faszination des Bösen in oder an mir, ähnlich dachte. Wie sie mir Minuten später erzählt.

„Von wem hast du das - mit dem Bösen?“
„Man spricht darüber...“, flüstert sie.
„Und, sehe ich so aus?“
„Zum Glück überhaupt nicht!“ strahlt sie. „Doch das habe ich ja schon beim Skypen bemerkt. - Kann das hier eigentlich jeder?“
„Nur wenn es zur Therapie gehört. Und in meinem Fall war der Psychologe mir noch was schuldig.“
„Willst du mir erzählen was?“ Wobei ich denke, andere Typen haben ihren wahren Charakter schon für wesentlich weniger verleugnet als sie mir zusätzlich sagt, „ ...die Menschen hier sind überhaupt alle so freundlich!“
„Das Gleiche habe ich heute Morgen über Tadschikistan gelesen. Und verhungern tut man da auch nicht. - Wenn du jetzt noch sagst, der Knast erinnere dich wegen der Backsteintürmchen der Kirche an eine russische Stadt, zum Beispiel St. Petersburg, wirst du von der Anstaltsleitung mit Gold und Geschmeide behängt.“
„Habe ich schon“, lacht sie. Legt den riesigen herbstfarbenen Schlauchschal a la Lenny Kravitz ab, - ein grobmaschiges Teil das schwach olivgrün ist und sich farblich an ihren Hosen orientiert. An den Bikerboots. An der Mary- Paul- Lederjacke. Und als sie die auszieht, in einem bequemen Pullover dasteht, und in Tatsache eine fette Portion Schmuck zum Vorschein kommt. „Alles leider nur Chi- Chi!“ sagt sie dazu. Um mich aus den Träumereien um ihre Person zu schrecken, als beim Hinsetzen das Knastmöbel grauenhaft quietscht und sie „Entschuldige bitte“ sagt. Und ich erst ab da die blond- gesträhnten Haare zum Turmdutt gebunden sehe; was mich wieder und wieder aufs Neue antörnt. Bei ihr besonders. Und ich glaube, auch das habe ich ihr schon gesagt.

„Immerhin, auf den ersten Blick ist deine Zelle direkt pompös. Die sieht erst auf den zweiten Blick steril aus. - Nur der Champagner, der Kaviar und die roten Rosen passen so überhaupt nicht ...“
„Das ist nicht meine Zelle, Doro, - die willst du bestimmt nicht sehen. Das hier ist die vom Pfarrer.“
„Ach so. Der arme Kerl, - was hat er denn verbrochen?“
„Nichts Schlimmes. Der hat hier lediglich seine Schäfchen zu betreuen.“
„Ach so“, schnallt sie - und lacht, „der ist hier beschäftigt...“ Und ich will ihr im Gegenzug die Grübchen küssen, - wäre da nicht dieser Lärm vor der Tür. Wohl ein Irrer, der gegen das Metall tritt und brüllt wie am Spieß. Bis ich Bodys Stimme höre, den ich zum Doorman befördert habe. Der aus dem Brüllen des Typen ein Wimmern zaubert, das dann zu einen Nichts von Geräusch wird, in dem ich mich wieder Doro zuwende, die blass geworden, fassungslos „...was war denn das...?“ fragt.
„Es gibt hier immer wieder mal Jungs, die ein elementares Bedürfnis haben mit Gott oder dem Teufel zu sprechen. Und das dann sofort.“
„Und?“
„Ich bin im Augenblick weder als das eine noch als das andere zu sprechen. Es sei, du willst mich...“

Einen Monat drauf teilt sie mir per Skype ihre Schwangerschaft mit, sagt UNS dazu – und ob ich mich drüber freuen würde ... Und ich muss ab da - wegen meiner guten Beziehungen und zwecks Charaktererprobung - nur noch nachts in den Knast. Dafür habe ich nun drinnen wie draußen zu tun die Raben ’von meinem Erbe’ weg zu halten. Draußen geht es um Eddy. Drinnen ist es Body; der mich aber wesentlich weniger stört. Eddy dagegen hat in den Jahren meiner Haft allerlei Geschäfte weit an mir vorbei gemacht. Und hängt zudem anscheinend die Nase zu tief in das Koks. Auch deshalb trage ich tags über Walther PPK die, wie James Bond sagt, wie ein Ziegel durch eine Glasscheibe abgeht. Eddy dagegen hat eine Beretta, deren Einschusslöcher man locker mit Egypt- Wonder- Puder überschminken kann, - wie ich Doro anlache, als sie an meinem Körper die Narben abtastet und dabei weint. 

„Haben die alle eine Geschichte?“
„Ja, haben sie. – Ich möchte jetzt aber nicht drüber reden.“
„Später mal?“
„Ja!“
„Versprochen?“
„Ja.“
„Und wann ist später?“
„Nach dem unser Kind geboren ist.“
„Warum erst dann?“
„Weil es jetzt mithören kann. Und das ist nicht gut!“
„Liebst du mich?“
„So sehr ich kann!“
„Das ist schön...“ 
Toll singt Eva Cassidy ’Autumn Leaves’, findet Doro. Und ich finde das (je nach Stimmung) auch.

So weit ist es mit mir gekommen. Statt den Metallic- Beat komplett aus der Seele zu nehmen, mir die Einschusslöcher aus der Haut zu kratzen, den Hass aus der Faust (geschuldet dem Riss im Selbst), der Liebe eine Heimat, anstelle von positivem Energieschub ewiges Wühlen im Triebgrund: Masturbation... „I am tired, I am weary / I could sleep for a thousand years...“ Doch all dem steht erst mal Eddy entgegen, - der mich von hinten bis vorne betrogen hat, wie mir Mutter früher weinend über meinen Erzeuger erzählte. Und auch deswegen ist Eddy meine Hauptaufgabe, wie früher mein Vater. Und eine solche Aufgabe hat Sprengkraft, denn ’den’ Chess belügt und betrügt niemand ungestraft!

27. märz 2017 michaelkoehn