
Blick aufs Meer
(Roman)
Michael Köhn
Exposé
Die Familie von Sand existiert erfolgreich in fünfter Generation aus Kaufleuten in hanseatischer Tradition. Ihr Haus liegt in einem mit alten Buchen bestandenem Grundstück nahe Elbe und Jenischpark in Hamburg.
Die Familie umfasst drei Personen: Siegfried und Sylvia von Sand, deren Tochter Cira - als Hoffnungsträgerin. Hoffnung, in so fern, die Tradition der Kaufleute derer von Sand weiter zu führen, oder durch Geburt zu vergrößern.
Das Unternehmen ’von Sand’ gerät in Schwierigkeiten, als Ciras Vater wegen des Vorwurfs der Unterschlagung in Haft sitzt. Als er zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, begeht er Selbstmord. Ciras Mutter muss nun die finanziellen Verpflichtungen des Vaters erfüllen, - die Familie von Sand verarmt. Cira bricht das Gymnasium ab, lernt Friseurin. Als in das Leben ihrer Mutter ein neuer Mann tritt, flüchtet sie nach Lausanne. Dort lernt sie den Fotografen Maurice kennen, der sie überredet, mit ihm nach Mailand zu gehen.
In Mailand wird sie Hausmannequin einer Designerin, arbeitet an ihrer Ausbildung im Modedesign.
Auf einer Vernissage begegnet ihr Carl. Sie verlieben sich und Cira folgt ihm nach Cannes. Doch Carl ist Spieler und verzockt den Verdienst aus dem Verkauf von Werken Picassos, der einst auf dem Anwesen seiner Eltern in Vallauris getöpfert hat. Seine Spielsucht, das unstete Leben machen Cira seelisch krank.
Wegen ihrer Depressionen in Behandlung, lernt sie in einer Klinik den Arzt Bruno kennen, - mit dem sie sich liiert. Sie wohnen bei dessen Eltern, die in den Bergen Nizzas ein Anwesen haben.
Bruno wird von der Klinikleitung entlassen, als er für den Eigenbedarf Opiate entwendet. Cira und Bruno beschließen daraufhin Frankreich zu verlassen, um in Brasilien ein neues Leben anzufangen.
Ein Onkel Brunos beherbergt sie in Rio.
Bruno findet schnell Arbeit, vertritt eine französische Kosmetikfirma und reist viel.
Cira arbeitet als Friseurin, lernt Jan Goldhagen kennen, der sie als Modedesignerin anstellt.
Bei einer Modenschau lernt sie Marc kennen, einen farbigen Tänzer, verliebt sich in ihn und wird von ihm schwanger. Im sechsten Monat erleidet sie nach einem Streit mit Bruno um Marc eine Fehlgeburt.
Marc trennt sich von ihr und Cira geht voll in der Arbeit einer neuen Kollektion auf.
In Brasilien erfolgreich - zwei Jahre später, reist sie mit ihren Mannequins nach Paris und wird dort für ihre Arbeiten in der Presse hoch gelobt. Im Gefühl des Erfolges verbringt sie mit dem Barpianisten Roland eine Nacht und verliebt sich unsterblich in ihn. Doch Roland hat ein Angebot aus Kanada in das Hilton Montreal.
Cira geht nach Brasilien zurück und muss feststellen, dass Goldhagen mit sämtlichem Bargeld und dem Erlös aus dem Verkauf der Maschinen und der Fabrik geflüchtet ist. Die Arbeiterinnen wollen sie wegen der ausstehenden Löhne lynchen - und schicken ihr die Todesschwadron auf den Hals.
Bruno flüchtet daraufhin nach Frankreich.
Cira reist zu Roland nach Kanada und erfährt dort, dass er verheiratet ist.
Mittellos bitte sie ihr Mutter um Hilfe und kehrt über Frankreich nach Deutschland zurück. In Hamburg findet sie eine Anstellung in einem Modehaus. Wenig später erkrankt sie an Krebs.
Blick aufs Meer
Ich komme vom Friedhof in Sanary. Einem wirklich idyllisch gelegenem Platz mit Blick aufs Meer. Allerdings bemerkte das kaum jemand, denn die Beerdigung fand wie gewünscht in kleinem Kreis statt. Und der kleine Kreis bestand aus mir und dem Dutzend roter Rosen in meiner Hand.
Cira, stand auf der Urne. Und unser gemeinsamer Nachname. Denn sie hat nach unserer Scheidung nicht mehr geheiratet und sonderbarerweise auf den Gebrauch ihres Adelstitel verzichtet.
Ob sich an Männern für sie nichts passendes fand, wird sich eventuell in ihrem Nachlass zeigen. Allerdings würde es mich in Erstaunen versetzen über Männer dort nichts zu finden, denn ich kann mich noch an die von mir entworfene und bezahlte, aussagekräftige ganzseitige Annonce im Magazin ’Lebenszeit’ erinnern. Und das sie daraufhin Dutzende Briefe von anscheinend solventen Bewerbern erhielt.
Leider riss unser Kontakt danach ab - und lebte erst neuerlich durch einen Anruf von ihr auf, in dem sie mich um einen dringenden Besuch bat.
„Der Krebs ist wieder da! Nach so langer Zeit!“ weinte sie an meiner Schulter herzzerreißend.
„Ist es so schlimm?“
„Es bleiben mir nur noch wenige Wochen ...“
Also weinten wir gemeinsam - und ich hielt sie fest ... Doch wohl nicht lange genug.
Mein Fehler war aus Pflichterfüllung Termine in Deutschland wahrzunehmen, statt in Frankreich zu bleiben. So kam es, wie es kommen musste.
Ihr Anruf erreichte mich Tage später im Berliner Hof, ich speiste gerade zu Abend.
„Ich werde es heute tun ... und will mich von dir verabschieden ...“ hörte ich ihre entfernt klingende Stimme.
„Bitte! - Warte auf mich ...“
„Nein - ich habe lange genug auf dich gewartet!“
Ich schwöre, nur Sekunden danach buchte ich den nächsten Flug nach Nizza.
Doch ich kam cirka drei Stunden zu spät, wie der später von mir gerufene Doktor Morell bestätigte, - denn als ich sie fand, vermeinte ich noch ihre Wärme zu spüren.
In einem Traum von Morgenmantel lag sie auf dem Louis XIII Bett und sah aus, als ob sie schliefe. Auf dem Nachttisch lagen wahllos Tabletten, stand eine Flasche Champagner - halb voll - mit zwei Gläsern, von denen nur eins benutzt war.
Ich entkleidete sie, wusch, frisierte, schminkte und zog sie ihrer Anweisung gemäß an; nahm die schon bereitgelegte seidene Unterwäsche, ihre Dior Bluse, das Chanel Kostüm und ihre sündhaft teuren Stilettos von Stuart Weitzmann. Entzündete, als ich fertig war, eine Duftkerze und spielte von Jacques Brel ’La Mer’, ihre Lieblingsmusik. Ich setzte mich neben sie, goss mir vom Champagner ein und trank. Erst als die Kerze komplett herunter gebrannt war, rief ich den Arzt.
Morell schrieb Suicid durch Vergiftung in den Totenschein und verständigte die Polizei.
Warum ich sie nicht gleich benachrichtigt habe, fragte mich der Kommissar, ein gewisser Armant.
Weil das nicht dem Willen meiner Ex Frau entsprochen hätte, Herr Kommissar.
Ja, so ist das Leben, mein Freund, verabschiedete der sich daraufhin.
Cira
’Ein halbes Dutzend Enkel’, wünscht sich Ciras Vater Siegfried, wenn er vom Rosé beschwingt in die Zukunft blickt. Doch Cira ist erst vierzehn Jahre alt und Schülerin am Albert Einstein Gymnasium.
’Natürlich nach dem Abitur’, lacht der Vater in die blaue Riesenwolke eine seiner teuren kubanischen Zigarren hinein, ’erst nach dem Abitur, mein Kind!’
Klar, da sind zwar noch einige Nichten und Neffen im Umfeld derer von Sand, - die Siegfried allerdings für total ungeeignet hält, um die Führung seines Unternehme zu übernehmen. ’Alles Schwachköpfe, die...!’; bleibt also einzig Cira - ein eventuell geeigneter Ehemann, und der zu erwartende Nachwuchs.
Es ist Samstag früh, Sommer und warm. Cira ist so gut wie wach und döst bei leiser Musik, als im Kies der Auffahrt ein Auto zu hören ist. Stimmen laut und lauter werden. Nur wenig mehr als ein Augenblick vergeht, bis die Türglocke läutet. Schon beim ersten Ton springt Cira aus einer diffusen Ahnung heraus aus dem Bett, sieht aus dem Fenster und entdecke einen Wagen mit offenen Türen und rotierendem Blaulicht auf dem Dach, und kann im merkwürdig hellem Singsang Funksignale hören.
Direkt vor der Haustür stehen zwei Polizisten in Uniform. Einer von denen blickt wie beiläufig am Haus hoch, um sich abrupt ab zu wenden, als Ciras Mutter aufschreit.
Mutters Hilfeschrei ist ein grässlich hoher, scharfer Ton, wie mit der Axt geschlagen. Ein Ton, der niemandem auch nur einen Millimeter Spielraum im Denken, Handeln und im Tun lässt. Cira schließt aus den Bemerkungen der Polizisten, oder weiß es einfach aus dem Bauch heraus, das ihr Vater tot ist - und wird ohnmächtig.
Als sie zu sich kommt, bleibt ihr unklar wie viel Zeit vergangen ist. Und bis auf die leise Musik aus ihrem Radio herrscht absolute Ruhe im Haus. Neugierig geht sie zum Fenster, sieht hinaus und kann sehen wie ihre Mutter mit einem Mann spricht. Es ist ein hoch gewachsener blonder Mann in Uniform, mit vielen Streifen auf der Schulter, den sie zuvor nicht bemerkt hatte - und der Ohren groß wie Topfdeckel hat, kommt es ihr vor. Cira fühlt plötzlich Angst um ihre Mutter, spürt ein Ziehen in der Magengegend - und wie ihr Harz rast. Und weiß nicht warum, denn die Ohren des Polizisten werden es nicht sein ... Und sie weiß auch nicht, wie sie sich helfen kann.
Ihre Mutter verabschiedet sich von dem Polizisten, wie sie sehen kann, geht ins Haus, schwankt - und stolpert ein wenig. Sei vorsichtig, möchte Cira ihr zurufen, doch es ist sinnlos und außerdem ist ihre Kehle trocken. Trotzdem, Cira will sie trösten. Also nimmt sie all ihren Mut zusammen und geht wenig später, wie durch Watte, die Treppe hinunter ins Foyer. Dort sitzt ihre Mutter zusammen gesunken auf dem Sofa und weint lautlos. Cira nimmt sie schweigend in den Arm, trocknet ihr mit einem Taschentuch die Tränen.
„Du weißt es?“, fragt ihre Mutter sie.
„Ja!“
„Woher?“
„Von innen heraus“, erwidert Cira.
„Wie deine Großmutter, mütterlicherseits“, sagt ihr Mutter, - und ist stolz auf ihre Mutter, so wie Töchter eben stolz sind auf ihre Mütter, scheint es.
„Ich bin stolz auf dich!“, sagt Cira.
„Warum?“
„Weil du meine Mutter bist, und eine starke Frau!“
„Wir werden sehen“, antwortet die mit verzagter Stimme - und ist ein kleines Mädchen. Ein sehr verlorenes, hilfloses kleines Mädchen. Und Cira sieht durch sie die Zukunft klar vor sich. Doch dann wischt sie die schnell weg, sie will nicht trauriger werden als sie schon ist.
„Ich muss in die Gerichtsmedizin, Vater identifizieren, der Staatsanwalt will es so. Gehst du mit?“
„Nein!“, antwortet Cira, und fühlt sich schwach werden, und obwohl sie nicht weinen wollte, weint sie ... Sieht ihre Mutter als grauhaarige Frau ihr gegenüber sitzen, wie deren Finger zittern, ihr die Augen flackern vor Angst, ihre Lippen stumm bitten, artikulieren: ’Hilf mir, so hilf mir.’
„Nein. Ich kann nicht! Ich könnte seinen Anblick nicht ertragen“, sagt Cira unter Tränen. Und ist sich sicher, diese Worte im Film ’Krieg und Frieden’ von Audrey Hepburn gehört zu haben - und schämt sich dafür. Für diese Gedanken, ihre Tränen - und überhaupt; flüchtet deshalb mit schnellen Schritten zum Fernseher - und reitet mit den Cowboys in eine unbekannte Weite.
„Gut, ich gehe dann mal!“, hört sie ihre Mutter in einem Tonfall, so wie die sich sonst zum Einkaufen in die nahe gelegene kleine Markthalle verabschiedet. Und ihre Mutter geht ohne zu wackeln, ohne ein Stolpern, kerzengrade, wie sie aus dem Fenster sehen kann.
„Wenn du mich brauchst ...“, ruft ihr Cira hinterher. Doch ihre Mutter ist schon weg. Cira sieht gerade noch, wie sich das Grundstückstor schließt.
Blick aufs Meer
Cira lernte ich bei einem Rechtsanwalt in Hamburg kennen, der mir wegen seiner Kompetenz in Grundstücksfragen empfohlen wurde.
Cira suchte den Rechtsanwalt auf weil der an der Rothenbaumchaussee, keine fünf Minuten zu Fuß von ihrem Domizil an der Alster, residierte und sie an den Folgen einer missglückten Operation leiden würde, wie sie mir beim gemeinsamen Warten auf den Juristen verriet.
So oder so sah sie dabei solchermaßen zart und hilfebedürftig aus, wie ich mich erinnere, dass ich ihr ohne zu zögern anbot sie nach Erledigung unserer Vorhaben nach Hause zu fahren.
„Wir könnten auch zu Fuß ...“, hörte ich sie lachen, „es ist nicht weit!“
„Gerne!“
Und schon Sekunden später raschelten unsere Füße im Kastanienlaub, verfehlten uns die reichlich herab fallenden Kastanien knapp. Was Cira veranlasste „dicht daneben ist auch vorbei“ zu juchzen.
Das ihre zeitweise Ausgelassenheit schweren Medikamenten - die sie wegen diverser Nachwirkungen auf eine Krebsoperation hin einnahm - zu verdanken sei, kam mir damals nicht im Entferntesten in den Sinn.
Weil ich eine Immobilie auf der Reeperbahn verkaufen wollte, und deswegen beim Rechtsanwalt vorstellig geworden war, erzählte ich ihr auf dem Weg. Nichts ahnend, dass sie mir bei einem Kaffee wenig später anvertrauen würde, dass sie eine Schadenersatzklage gegen einen Operateur führen müsse, da der sie anlässlich einer lebensbedrohlichen Krebsoperation solchermaßen verstümmelt habe, dass sie mit keinem Mann mehr schlafen könne.
Ihr freimütiges Eingeständnis traf mich wie ... wie kann ich gar nicht sagen; ich war geradezu fassungslos. Und es wurde mir bewusst, was für eine Schärfe ein bestimmtes Wort haben kann, auch wenn es sanft ausgesprochen wird. Wie tief einzelne Sätze in eine Seele schneiden können und was Herzschmerz bedeutet. Und warum einem Menschen von Null auf Jetzt schwindelig werden kann. Aber auch, was ich bisher für ein Idiot war. Andererseits, dass eine Überraschung drei Dinge braucht, von denen mindestens zwei Hoffnung und Neugier sein sollten. Und dass das dritte Ding als Glück daher kommt, die anderen beiden zu besitzen.
Deshalb schlief ich auch nie mit ihr. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Mir reichte das Glück sie als eine Frau neben mir zu haben, deren Liebe ich mir sicher sei konnte.
Typisch Mann, höre ich dazu von einer früheren Freundin. Doch der erzähle ich auch nichts davon, das Bondage und das Drumherum meine Art von Sex mit Cira ist. Und es ist sicher nicht die schlechteste Art und Weise ... schon aus der Selbsterfahrung, zu was man fähig ist. Und ich war und bin zu einer Menge fähig, liebe Freunde.
Jetzt, weit ab von der Möglichkeit, hätte ich mit Cira noch mal von vorne begonnen. Doch es ist zu viel passiert - nicht nur ihr Tod. Nein, das ’no go’ steckt in unserer beider Vergangenheit. Im Missbrauch und missbrauchen. In Gewalt, Angst und Schrecken. In Details aus der Jugendzeit - die einem immer und ewig anhaften, egal was man an Klamotten anhat, Frisuren trägt, Schmuck besitzt, an Autos fährt, oder Wohnungen bewohnt. Egal wo man auf der Welt zu Hause ist, was man trinkt, isst, wo man feiert - mit welchen Menschen man sich umgibt. Es sind immer die gleichen Rituale - in den Restaurants, Bars, Tanzschuppen, Hotels, Schlafsälen, Betten, in den Nachtkästchen -, auf pickligen Matratzen voller Milbenkot und altem Sperma. Mit voll gesauten Taschentüchern unter dem Bett, zwischen längst abgeliebten Kuscheltieren und stinkenden Socken. Und Schlägen. Prügel morgens, um aufzuwachen und in die Schule zu gehen. Den Backpfeifen Mittags, beim Essen, beim Lernen, Sport treiben, in der Freizeit, dem Abendbrot. Der Schändung im Bett. Auf dem Teppich. Dem Sofa. Dem Küchenstuhl. In jeder Ecke der Wohnung. Jedem Stockwerk vom Haus. Der Stadt. Der Welt. Jeder Zeit. Jeden Tag. In welchem Jahr. Ohne eine Zukunft. Jede Nacht. Ohne Hoffnung. Sommer und Winter. Prügel mit der Hand, dem Gürtel, dem Stock, einer siebenschwänzige Katze. Ins Gesicht, auf die Arme und den Körper, den Hintern - voll auf die Hoden, aufs Genital. Angst, die zwischen den Augen ins Hirn wächst, ein Einbrand der besonderen Art. Ob der Teller leer gegessen ist, oder nicht. Der Mülleimer ungeleert, die Schulaufgaben vergessen … Ein Loch in der Hose, eine Knopf am Hemd fehlt. Die Schuhe zerschlissen, die Mütze verlegt. Wenn das Licht gelöscht, oder die Sonne scheint. Regentropfen ans Fenster klopfen. Du bist allein - und niemand hilft dir. Auch das hat System. Und dann will man nur eins: sterben! Und schon der Gedanke daran hat was Gutes.
Stand: 17. Okt. 2011
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