Ohne Frau ist auch schlecht
(Romananfang Jan. 2010)

Im Osten steht die Sonne fahl in früher Position.
Blass blau der Himmel im Westen.

Die Rollladen eines Imbiss quälen sich geräuschvoll in die Höhe.
Flüche hört man aus dem Imbiss. Italienisch... Zweifelsohne von Mansur, dem Imbissbesitzer. Einem geborenen Sizilianer.

Die Rollladen zu bewegen scheint ihm schwer zu fallen.
Doch mit der Sonne hat all das nichts zu tun. Nicht mit den Farben am Himmel, die schon ins Türkis gehen.

Sind die Rollladen oben, singt Mansur. Immer. In Deutsch.
’Oh, Donna Klara’, sein Lieblingslied.

Ein streunender Hund pinkelt gegen die Bude.
Mansur sieht es.
„Wirst du wohl ...!“, brüllt er. Und erregt sich, dass die Spitzen seines Schnauzbartes wackeln.
Unter dem Bart schnauft er kurzatmig aus zahnlosem Maul.

Mansur ist wütend. Man sieht es. Es quillt ihm aus dem Rachen.
Erst Schwefel. Dann Feuer. Danach Lava.

Aus ungezügelter Wut wirft er einen Stein -, obwohl er Tiere liebt.
Trifft den Hund.
Der jault auf, läuft weg.

„Lass dich hier nie wieder sehen, Köter!“, brüllt Mansur mit Tränen in den Augen. Sein Speichel sprüht hinter dem Tier her. Seine Traurigkeit.
Aber nicht nur das ist es, woran man erkennt, dass er seine Worte ernst meint und wieder nicht.
Seine Zornesader auf der Stirn ist es, - die sendet Signale: Rot.
Pulsierendes Rot. Doch nicht lange. Nie lange, egal was es ist.

Auch hier tut ihm das Tier Leid, wie wenn er randalierende Betrunkene verjagt, die seine Kunden sind - und eigentlich bleiben sollen, nicht nur weil er sie nötig hat. Er mag Mensch und Tier.

„Geschäft, weißt du“, stöhnt er Richtung Gott, „geht schlecht... Verzeih mir!“
Und dann lacht er wieder.

Ja, Mansur ist und bleibt in der Seele Sizilianer, auch wenn er schon Jahre in Deutschland lebt, Kinder hat, die nicht weit vom Imbiss zur Schule gehen.

Zwei Mädchen, einen Sohn. Alle kurz vor dem Abitur.

Studieren sollen die in Heidelberg, - oder Tübingen.
Die Stadt hier ist nichts für Studenten.
Kriminalität. Schlechte Lehrer. Sex, Drogen, Verwahrlosung der Kultur - und so. Meint Mansur.
Und lässt keine andere Meinung zum Thema zu.
Basta!

Gegenüber vom Imbiss ein Haus.
Grau. Ein Klotz.
Wie fast alle Häuser hier.

Der Klotz geht über vier Stockwerke und zieht sich im Stück über einhundert Meter die Straße entlang.
Einzig Eingänge und Balkone durchbrechen den Block.

Am Hauseingang mit der Nummer neunundzwanzig sind zwei Balkone gelb. Zwei blau. Der Rest grau. Einer hat grüne Blätter.
Ein Gemälde, wie von Picasso. Oder so ähnlich.

Die Balkone haben in der Mitte schmale Ziergitter. Mehr als ein Blumentopf hängt da nicht. Nie, denn es ist kein Platz für zwei.

Der Mann hat oft nachgezählt, wenn er betrunken nach hause kam.
Er wusste, wenn die Anzahl stimmt, ist er richtig.
Doch die Anzahl der Blumentöpfe stimmte nie.

Manchmal schlief er deswegen in ihm fremden Hausfluren. Bis er auch die alle kannte.

Neben den Balkongittern Ziegel pur. Früher verputzt.
Und nicht erst seit heute fehlt der Putz an diversen Stellen am Haus. Ist einfach nicht vorhanden. Als wäre einst vergessen worden die Wände zu verputzen. Das Haus.
Manche Ziegel leuchten an den unverputzten Stellen karminrot. Vielleicht von der Sonne. An anderen Stellen haftet teilweise noch Putz. Dort ist die Wand grau.
Wie sonst alles.

Hinter schmutzigen Fensterscheiben neben dem blauen Balkon im ersten Stock liegt ein Mann in einem Doppelbett.
Die andere Seite vom Bett ist leer. Schon Monate.
Laken und Bettzeug selten gewechselt.

Der Mann schläft.

Im Zimmer riecht es muffig. Ungelüftet.
Es stinkt nach Schweiß, Alkohohl. Kaltem Rauch. Zigarette. Urin.
Durchsumpft Mann und Zimmer gleichermaßen.
Verseucht vom Muff ist die gesamte Wohnung. Das Leben des Mannes. Die Straße. Der Bezirk. Die Stadt. Das Land. Vergangenheit und Zukunft. Kurz: einfach alles.

Ein Hahn kräht.
Der Hahn hockt einen Meter neben dem schlafenden Mann am Boden.

Der Mann wird vom Krähen wach.
Er reckt sich schlaftrunken.
Der Hahn kräht weiter.
Der Mann wälzt sich zum Bettrand.
Liegt da dann auf dem Bauch. Beugt seinen rechten Arm und schlägt mit dem Handteller Richtung Weckerkopf.
Treffer. Das Krähen verstummt.

Der Mann dreht sich auf die linke Seite, Richtung Fenster.
In der Drehung öffnet er vollends die Augen, blickt auf das Kopfkissen. Mehrere Haare fallen ihm dort auf.
Es sind seine.
Der Mann weiß, er leidet unter Haarausfall.
Der Mann hat auch nicht mehr alle Zähne im Mund.
Backenzähne sind es, die fehlen.

Das mit den Zähnen weiß bis auf den Zahnarzt niemand.

Halt, doch - der für den Mann zuständige Amtsarzt weiß davon seit vier Wochen.
Und der Mann weiß, dass der Amtsarzt das weiß.
Dass der Mann trinkt, auch das weiß der Arzt sicher.
Dass der Mann raucht. So gut wie geschieden ist. Und das, wenn der Mann sinnlos betrunken ist, der ins Bett pinkelt. Und sich darüber schämt. Verzweifelt ist.
Aus gutem Grund, meint er

Der Arzt findet das nicht, denn gute Gründe gibt es nicht.
Er kann das behaupten, denn er weiß alles über den Mann, weil gegen den ein Disziplinarverfahren wegen Trunkenheit im Dienst anhängig ist. Ein zweites Verfahren wegen eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht. Deswegen musste der Arzt den Mann untersuchen.
Auf Antrag vom Amt. Zwei Tage lang. Er hat es getan, und weiß nun...

Die Befunde über den Mann sind auf Endlospapier festgehalten.
Auf Röntgenbildern. Blutbildern. Im EEG. Auf Herzrhythmuskurven. Lungenfunktionsaufzeichnungen. Nun, das alles sollte genug sein. Ist es aber nicht. Denn im Gericht, in Berlin- Moabit, arbeitet ein Staatsanwalt wegen der Unfallflucht an einer Klageerhebung gegen den Mann. Wegen Körperverletzung. Und es wird.

Dem Mann ist das am frühen Morgen egal.
Auch sonst.
Er denkt nicht daran. Weil er nicht will.
Er hat im Traum eben auch nicht daran gedacht.
Er denkt nie im Schlaf, sagt sich der Mann.
Träumt eher selten.
Er ist so gut wie geschieden, das weiß er, also muss er an nichts denken, außer an sich. Das tröstet. Irgendwie. Und auch nicht.
Nie wirklich.

Der Mann blickt über das Kopfkissen, ignoriert die Haare, blickt, als suche er.
Der Mann sucht nicht wirklich. Der Mann spielt ein Spiel.
Er lässt dazu seine Hand an der Bettkante herunter gleiten. Lässt sie über dem Boden pendeln.
Die Hand des Mannes stößt an ein Glas.
Oval, länglich, das Glas.
Die Hand stoppt den Schwung und schließt die Finger um das längliche Oval. Eine Flasche.
Der Mann zieht die Flasche an seine Lippen.
Seine Lippen sind rissig. Ausgetrocknet. Spucke klebt im Stück weiß an Mundrändern. Welke Bartstoppeln pappen im Gesicht. Der Mann ist verdorrt. Insgesamt. Die Spucke wie Beton. Die Stoppeln Stroh. Die Haut Pergament. Er weiß das. Leberschaden.
Er weiß, was ihm fehlt. Vitamine, Wasser, gesundes Essen.
Er kann es nicht ändern, sagt er. Er bekommt es nicht runter. Gesund oder nicht. Nur Bier, Korn. Oder so.

Der Mann trinkt aus der Flasche. Weizenkorn steht darauf. Als Zusatz: 2,99 DM, in rot. Niemand will es lesen. Nicht Weizenkorn, nicht den Preis. Der Mann auch nicht.
Er trinkt noch einmal.
Es riecht stechend nach Sprit. Der Mann schüttelt sich. Wie jeden Morgen. Immer. Sein ganzes Leben. Er hält die Flasche gegen das Licht. Die Flasche ist leer.
Der Mann sagt: Scheiße! und wirft die Flasche von sich.

Die Flasche fliegt in eine Ecke des Zimmers, prallt gegen die Wand.
Die Flasche trifft auf Tapete.
Gleich daneben ist keine Tapete. Da sind Ziegel. Rote Steine, die wie von der Straßenseite her durchgewachsen sind.
Die Flasche bleibt unversehrt, fällt auf den Boden, springt von dort ab, landete in einem Weidenkorb.
Ein Meerschwein grunzt.

Schwein gehabt, Rüdiger, denkt der Mann.

Das Meerschwein gehört seiner fast geschiedenen Frau.
Frauen vergessen manche Dinge, wenn sie gehen, denkt der Mann.
Und denkt an ihren Büstenhalter unter seinem Kopfkissen.

Der Büstenhalter ist lediglich Stoff. Mürbes Gewebe. Nichts mehr.
Der duftet nicht im Entferntesten nach ihr.

Es ist enttäuschend, - liegt an der Zeit, seufzt der Mann.

Er scheut sich trotzdem, den Büstenhalter wegzuwerfen. Auch nicht das Meerschweinchen...
Noch nicht, denkt er.
Gib mir mehr Zeit, fleht er.
Warum nur Zeit, ist er über sich selber erstaunt.

Der Hahn kräht schon wieder.
Der Mann hört mit Denken auf.
Zehn Sekunden noch, weiß er.
Zehn Sekunden später ersetzt Musik den krähenden Hahn.
Schlager. Er steht darauf. Udo Jürgens: siebzehn Jahr ...

Der Mann denkt doch wieder.
Er denkt an seine Frau.
Nora.
Sie war blond - und ist es wieder. Auch deswegen ...
Sie war siebzehn. Deswegen.
Jungfrau. Deswegen.
Er war in sie verliebt. Deswegen.
Sie war schlank. Eine Mannequinfigur ... vielleicht auch deswegen.

Sie ist immer noch wie früher ... Fast.
Nein, sie ist wesentlich älter geworden.
Doch nicht für ihn.
Nur das Gesicht wirkt irgendwie anders.
Eine Maske, als er sie heimlich beobachtete. Ihre Augen, starr. Ohne Lachen, wie einst.

„Totalschaden“, schrie sie ihn nach dem Unfall an.
„Sieh dir mein Gesicht an! Diese Fratze. Du bist schuld. Du hast mein Leben verpfuscht. Du elender Säufer ...“
Dabei war noch der Verband um ihr Gesicht.

„Ich schwöre dir, ich höre mit Trinken auf!“
„Du hast mir schon zu oft was geschworen. Jetzt ist Schluss!“
„Gut, dann kann ich ja ...“

Der Mann muss damit leben.
Oder sich umbringen.

Er bringt sich um, sagt der Amtsarzt, - weiß der Mann, - warnt Mansur, -heilt die Zeit alle Wunden.

Ach, sie hatten viel gute Zeit.
Wenig Wunden. Nur kleine, - die man nicht sieht.
Wenn man will, meint er.

Doch da belügt er sich, wie alle sich belügen. Denn die Wunden klafften.

Lediglich im Herbst nicht, wenn sie ihre Problemzonen mit Klamotten verdecken konnte. Markengarderobe. Dann war sie über sich zufrieden. Mehr oder weniger. Über ihr altersloses Aussehen. So tröstlich.
Und mit ihm, der immer alles ohne zu murren bezahlte.
Ihre Zufriedenheit strahlte auf ihn ab.
Dachte er.

Der Mann mag deshalb den Herbst. Das Frühjahr.
Sommer und Winter.
Er mag alles. Auch sich. Wenn nur genug zu Trinken im Haus ist.

Der Mann hat eine Erektion. Wasserlatte. Männer sagen so dazu. Seit Monaten ist es die erste. Egal, wie früh er wach ist.
Doch heute: zu spät. Der Mann muss hoch. Zähneputzen. Sich waschen, rasieren. Zur Arbeit.
Erektion hin oder her.

Der Mann steht auf.