find my way
Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist eine Last los zu werden. Auch wenn die, wie meine hier, flüssig ist. Aber genau deshalb habe ich mich ja unter anderem zur Legion verpflichtet.
Deinetwegen -, mein Du.
Wegen dir: Suff.
Und dir: Tod. Was du ja alles in Personalunion für mich bist ... Aber auch wegen der Kohle, sollte ich überleben.
Unter diesem inneren Druck pinkelte ich auch kurz bevor wir sprangen und ich den Schirm umschnallte aus der Luke der Transall ins Blaue. Ich wollte nicht voll mit Pisse sterben - hatte aber auch einen Augenblick überlegt durch die Pissluke zu ..., vorher alles zu beenden
Übrigens: meinen Darm entleeren können hätte ich auch. Allerdings auf einem Toilettenstuhl, hinter einer winzigen Schamwand.
Ich habe darauf verzichtet. Denn im Kampf Mann gegen Mann kann man schließlich auch nicht aufs Klo. Und ich bin deswegen, also über mein Bedürfen kurz vor dem Absprung noch mal zu pinkeln, satt ins Grübeln gekommen.
Als ich dann gesprungen bin, durch die Luft sauste wie ein Düsenflieger, kurz bevor sich der Schirm öffnete, war ich zum Glück auch mit den blöden Gedanken 'an dich und mich' durch. Genau wie mit dem Suff, doch das nur mal so nebenbei ... Ich hatte nämlich ganz andere Sorgen - weil von einem Hügel seitlich von uns geschossen wurde und man, wenn man an einem Fallschirm in der Luft schwebt, echt hilflos ist. Fast wie wenn ich mit dir im Bett ... und kurz davor war ... so hilflos.
Doch dem Tod in echt nahe zu sein, ist dann doch was anderes als ficken, egal wie oder ob man liebt -, oder nur geil ist.
Sorry dafür, aber diese Art Erfahrung musste ich schon oft machen, zu oft, und kann nur jedem raten den Tod ernst zu nehmen. Wenigstens genau so ernst wie die geschlechtliche Lust, um mich mal soft zu äußern.
Eventuell kann meine Sanftheit am Kopfschuss liegen, obwohl da angeblich nichts zurückgeblieben ist. War übrigens im Sudan. Wo die Wolle am Stamm sich so dunkel kräuselt wie bei dir die Scham.
Ich zog dann die Reißleine -, unmittelbar war Morgen und Vorgestern eins, und es begann mir mitten ins Gesicht zu schneien. Und genau in diese Wahrheit hinein schreckte ich auf. Es stockte die Zeit im 1:1, Blut lief mir aus den Ohren, und ich schrieb diesen gedachten Brief an dich, - durch einen Klaps auf die Schulter animiert, als hätte mir der Herrgott persönlich das Eckgelenk am Arm demoliert, mir zu eisgrauen Haaren verholfen, mich taub werden lassen, stumm, den Herzrhythmus gestoppt, die Glasscheibe meines Lebens milchig eingefärbt, die Augen ausgeschält, mir den Atem abgesogen. Er, der Verantwortliche für die Schrecksekunde -, als ich merkte, dass mir beide Füße fehlten, eine Hand, Finger, Herz, Magen, Leber, Darm. Die Seele. Dass ich ein menschenleerer Platz war, eine Bahn - mit einem einzigen Fahrgast. Das ständig so was wie feuchtroter Schnee fiel. Blut. Das von nirgendwo her kam, dunkel geworden grußlos verschwand. Das es ein Bruch meines Denkens war. Ein Gedanke als höllischer Krach, als ich über all das den Kopf schütteln wollte, - wobei mein Gesicht gegen das Fenster knallte, sich die Zähne gegen die Oberlippe durchbissen, als Morgen erneut Heute war, gestern nicht existierte, du und ich nicht ... mir der Kopf explodierte. Mein Leben wie eine Neujahrsrakete aufstieg und im Schmerz verglühte. Eine Millionen Meilen hinter mir die Welt in Stücke fiel ’’to kill it all’’, um neu geboren zu werden.
© jan. 2010 michael koehn