
Betreiberinfo:
Sie befinden sich in einem Angebot von Michael Köhn
Professor- Wohltmann- Straße 2
29456 Hitzacker (Niedersachsen)
Telefon 05862-987942
Email: m.koehn@literatalibre.de
Bild: Michael Köhn
Ihr werdet mich hassen
(Romananfang - Stand: 31. Okt. 2011)
Michael Köhn
Kurzexposee
Der Protagonist erlebt und empfindet sich als Sexualstraftäter der sich, gerade aus der Haft seiner Selbst entlassen, ein neues Leben auf dem alten aufbaut. Namenlos und ungeerdet wie er sich fühlt, stellt er sich wieder und wieder den Fragen seiner Existenz - und scheitert - und scheitert - und scheitert, genau wie Gott und Ich, der Erzähler.
Personen:
Kindermann/Roman Molloy
Ana Alice (Nachbarin)
Horst Schulze (Hausmeister)
Gaber (Horst Schulze?)
Moran (Wohngegenüber und Vermieter)
Murphy (Bekannter aus der Therapie)
Mutter und Vater (Namenlos)
Suse (Erzieherin)
Doktor Schütz I (Therapeut)
Doktor Schütz II (Gutachter)
Lukulla II (Neurowissenschaftler)
Karl (Pater)
Karl Schmieder (Literaturagent)
Gott (der Herr)
Ich (Erzähler)
Ihr werdet mich hassen
(Roman)
Michael Köhn
“Ich glaube, die größte Barmherzigkeit dieser Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, alles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setzen.“
Howard Phillips Lovecraft
*
Gott hat mich in neun Monaten erschaffen. Drei Monate brauchte er für die Hülle. Drei Monate für das Herz. Weitere drei für mein Hirn. Dann setzte er mich auf der Erde aus - und irgendjemand nahm mich zu sich nach Hause mit. Als ich nicht so funktionierte wie die wollten - die für mich verantwortlich, kam ich in das Haus der Schreie und Gerüche. Zwei meiner göttlich geschaffenen H, nämlich Herz und Hirn, konnten das freudlose Haus und die Betonmauer um das Anstaltsgelände problemlos überwinden. Nur Hülle nicht. Hülle blieb einsam zurück.
*
Ich habe mich trotzdem verändert. Die Haft hat mich verändert. Vor allem die Zeit in der Psychiatrie. Außerdem hat sich die Welt verändert. Das ’da’ Draußen. In dem ich mich seit gut einer Stunde, einem Tag, einem Monat, einem Jahr - wie diesem - befinde. Obwohl ich über den Begriff 'gut' im Zusammenhang mit ’da draußen’ und ’befinde’ erst nachdenken muss. Stehe ich doch momentan und körperlos gegenüber meines Elternhauses. Nein, korrekt muss es heißen: ich sitze - eigentlich - in einem Mietwagen - und betrachte das verfallene Gebäude, sehe die Brandspuren, rieche (immer noch) den Rauch ... höre die hysterischen Forderungen der randalierend Menschen, ihre Schreie: „Schwanz ab! Tötet den Kindermörder! Killt die Sau! Kastriert ihn. Hängt ihn auf ...!“ Und ich habe Angst. Immer wieder. All die Jahre ... um mein Leben. Auch weil mein Puls rast wie irre, mir das Herz zum Hals heraus schlägt, die Prügel einer Riesenfaust meine Eingeweide schmerzen lassen; ich aufs Klo muss - mich einnässe - wie jetzt, als ich ein paar Tropfen Blut nicht halten kann, wie ich merke ... Hilfe ... ich muss hier weg. Hilfe!
*
Nein, ich muss bleiben und da durch - bin zurück - und kann nicht anders.
Allerdings werden sich nur wenige hier an mich erinnern, wie ich als Kind war. Dass ich Flausen im Kopf hatte, wie jeder Heranwachsende. In der Dorfschule Theater spielte, in einer Schunkelband Trompete und dass ich Volkslieder sang. Dass ich, wie ihr alle, einfach nur fröhlich sein wollte zwischen Streuselkuchen, Bienenstich, Fassbrause, Coca Cola und jede Menge Kinderschokolade in der Kirche - bis mir dann Gerhard über den Weg lief, und im Gemeindewald Blut spritzte, weil ich es so wollte, - und auch nicht anders konnte.
*
Eben war ich in der örtlichen Sparkasse, um Geld zu holen.
Es war meine persönliche Nagelprobe - denn wie einst, bediente Frau Schulze an der Kasse; die mich aber wohl nicht erkannt hatte ... weil, so wie ich jetzt aussehe, gegenüber früher, als ich 30 Kilo mehr auf den Rippen hatte, ständig schwitzte und meine Haare lang und strähnig waren ...
Ja, wie sollte sie auch, nach all der Zeit.
Was mich dennoch verwundert, dass sie mein Name nicht stutzig machte. Ich bemerkte lediglich ein (fast) unmerkliches Zucken um ihre Mundwinkel, weiter nichts, dass mir Anlass zur Sorge hätte sein können.
Trotzdem nehme ich mir vor einen PC zu kaufen, um meine Bankgeschäfte in Zukunft online zu tätigen. Auch eine Kreditkarte wäre nicht schlecht -, doch zuvor eine Wohnung. Und die weit genug weg von dem unheiligsten Ort meiner frühen Jugend.
*
Ja, ich habe mich verändert. Wie ihr euch verändert habt. Einzig meine unglaubliche Gier ist gleich geblieben. Wie eure Abscheu vor mir. Ich weiß es. Doch nicht deshalb habe ich all dies scheußlich schmeckenden Medikamente abgesetzt. Nein, ich brauche einen Kick. Einen wie früher. Jetzt. Und sofort!
*
Ich drücke fest zu. Ganz fest. Mit beiden Händen. Allen Fingern. Beiden Daumen. Bin ganz Auge. Nase. Ohr. Und Mund. Bin Bildhauer. Maler. Schriftsteller. Musiker. Bin ein Künstler. Bin Ich. Mein Gott. Der erst vor Stunden aus der Psychiatrie als unauffällig und nicht rückfallgefährdet entlassen wurde. Doch nun liegt dieser Junge unter mir, - auf dem Rücken.
Ich hocke auf ihm. Drücke weiter fest zu. Blicke in seine Augen. Sehe ihn an, in ihn hinein - soweit ich nur kann ... Ergründe sein Gesicht. Wie es schwitzt. In ihm stöhnt. Zuckt. Wie der Mund schreien will. Seine Augäpfel aufquellen. Und brechen. Wie sein Körper krampft. Und bemerke seine Erektion?
Ja -, davon habe ich all die Jahre geträumt. Von dieser glitzernden Sternenfülle im Sonnenschein. Dem voll gelben Mond hinter zerfetzten Wolken. Diesen jagenden Hunden der Nacht. Rieche Erde. Den Wald in mir. In dem ich ein Wind in den Zweigen bin. Und, dass mein Herz rast. Die Lunge sticht. Mein Blut kocht. Das mir das Hirn an die Schläfen drückt. Und die Welt am Ziel ist. Doch ich weiß auch, ihr werdet mich für all das hassen ... Spätestens ab morgen, wenn die Zeitungen voll davon sind: Junge verschwunden! Doch das ist mir jetzt egal.
Ich drehe ihn um. Presse ihm weiter unerbittlich den Atem ab. Sehe mich satt an seinem makellosen Körper, der nun entkleidet vor mir liegt. Der von allem Überflüssigen befreit zu sein scheint. Wie ich mich von mir befreien sollte ... Eigentlich. Doch nun auch einerlei. Denn er ist für mich bereit und - ich - ich nehme ihn in mir auf. Weil ich es will. Und zwar JETZT. Wie ein Tier ein anderes. Wie es all die Verlierer normaler Paarungszeit tun.
Ach, ich weiß doch - ihr - ihr - die Normalen - werdet mich so oder so hassen. Mich, den rückfälligen Kinderschänder, - wie ihr mich nennen werdet. Doch am meisten hassen wird mich nun Doktor Schütz II, mein Gutachter. Der seine Reputation meinetwegen verspielt hat. Der sich in mir irrte. Und nun mitschuldig geworden ist. Mehr noch als ich es je war und sein werde. Ja, ihr - ihr - ihr - werdet ihn mehr verabscheuen als mich. Ihr ... die unseligen Fachleute für ALLES und NICHTS. Ihr, die ihr Öffentlichkeit spielt. Entrüstet seit. Ihr, die Täter an sich.
*
Wann ich geboren wurde, könnte ich erzählen. Wo und wie ich mein bisheriges Leben verbracht habe. Wer Vater und Mutter sind. Das Vater Handelsvertreter war. Mutter Schauspielerin - später dann Hausfrau und Mutter. Die sich die Karten legte, um in die Zukunft zu sehen. Vor allem um zu wissen, was mein Vater so trieb. Denn der war selten zu Hause. Und Mutter meinte zu ihrer Freundin Suse, einer faden Blonden (von mir ’Heulsuse’ genannt) mit der sie Portwein trank, wenn die zu Besuch war - und die kam täglich zu Besuch -, dass Vater alles vögeln würde was bei drei nicht auf dem Baum sei. Nur mich seit Jahren nicht mehr, weinte sie.
Doch mit wem Vater sie wirklich betrog, konnte sie nicht weissagen. Wie auch die schlimmste Katastrophe nicht. Nämlich die, was mir passierte, als ’Heulsuse’ mir auf dem Klo den Finger ins Poloch steckte - und dabei laut lachte. Während ich mir in den Handrücken biss, um die Schmerzen auszuhalten den ihr Ring verursachte. Da war ich geschätzte fünf Jahre alt ... und meine Mutter beim Friseur. Als ob man auf einer Glatze Locken drehen könnte.
Mutter ging trotzdem weiterhin zum Friseur, um ihre Perücke für unten und oben waschen zu lassen. Und ich flehte ’Heulsuse’ an, ihren Ring während des Spiels abzunehmen. Als sie es endlich tat, hörte ich auch das Blut in meinem Kopf nicht mehr so laut rauschen. Da war ich neun Jahre alt und mein Loch hinten total vernarbt. Bald darauf starb Vater. Angeblich bei einem Verkehrsunfall.
Suse zog bei uns ein.
„Das Haus ist doch groß genug!“
Ausgerechnet in das Zimmer neben meinem. Um meine über den Tod ihres Mannes verwirrte Mutter zu betreuen. Und an mir täglich zu spielen ...
„Hör auf zu heulen - und sag endlich mal FISTING ...!“ schrie sie mich immer öfter an, „du musst doch in deinem Alter schon sprechen können ...?“
Aber ich konnte auf Vaters Beerdigung nicht mal mehr weinen. Meine Tränen sind allesamt beim Spiel mit Suse drauf gegangen.
Als Tränenersatz bekam Vater meinen Kuschelbären aufs Grab, - denn den brauchte ich jetzt nicht mehr, ich hatte ja Suse. Und die füllte meine angeblich leere Zeit mittlerweile mit ihrer Faust. Und deshalb sah ich hinten auch aus wie die Paviane im Zoo. Und in meinen Unterhosen war oft Blut - und Kot. Doch meine Mutter merkte nichts. Oder wollte nichts merken. Auch blieb die jetzt oft über Nacht beim Friseur, obwohl ihre Perücken nicht wesentlich mehr geworden waren.
Als ich einige Zeit später am Grab von Vater Blumen ablegen wollte, auch, um meine seelischen Nöte mit ihm zu besprechen, stand auf dem Kreuz am Kopfende vom Hügel ein Name, den ich noch nie gehört hatte.
Mutter sagte, dazu von mir befragt, dass ich sicherlich das Grab verwechselt hätte; doch mit mir hingeben um mir die richtige Grabstelle zu zeigen, wollte sie auch nicht. So blieb nur die Flucht in meine Gedanken, die, in Erinnerungen an eine friedliche Zeit.
Irgendwann, aus mir unbekanntem Grund, hatte ich einen Nervenzusammenbruch, hörte ich den Notarzt eine Diagnose stellen, - intensive Wahnvorstellungen, denn ich dachte ehrlich, Vater würde noch leben und ich wäre ihm auf der Straße begegnet. Ich wurde angeblich sogar gegen meine Mutter gewalttätig. Wohl deshalb und auf Anraten von Suse brachte man mich mit der Feuerwehr und fixiert durch den mir eine Spritze setzenden Notarzt „ ... hoch dosiert Valium ... da schläft der Junge wie ein Bär ... “ in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses.
Nach gefühlten zwei Jahren dort, die Besuche meine Mutter wurden immer seltener, begann ich mich ab und an wie ein Mädchen anzuziehen.
Die Klamotten dazu tauschte ich mit Jane, die auch auf der Kinderstation lag, und ein Junge sein wollte.
Ich ließ mir die Haare lang wachsen.
Jane schnitt ihre ab.
Jane wickelte mir Locken.
Ich rasierte ihr den Kopf.
Ich saß auf dem Schaukelpferd.
Jane drunter.
Ich aß Süßigkeiten und Eiscreme.
Jane die Verpackung.
Ich ging zu Bett, wie und wann ich wollte.
Jane schlief nie.
Jane spielte an mir.
Ich nie an ihr. Sondern an Oskar - bis Jane Oskar eines Nachts mit einer Plastiktüte erstickte. Ab da spielte ich dann an Max, während Jane in ein anderes Haus verlegt wurde und ich ihr lediglich vom Anstaltsgarten aus winken konnte ...
Wie ich später hörte, nahm ihr Irrsinn nach der Verlegung dramatische Züge an. Sie aß nicht mehr, nicht mal Verpackungen und verweigerte irgendwann auch das Trinken. Als Therapie legte man sie in eine Badewanne voller Eiswasser, und hoffte auf Besserung. Als sie das Wasser ausgetrunken hatte, starb sie an einer Art rheumatischen Fiebers. Oder an Unterkühlung, da sie ihre Körpertemperatur nicht mehr selbständig halten konnte.
Als letzten Gruß und Erbschaft - sozusagen, erhielt ich ein selbst gezeichnetes Portrait von ihr. Darauf sah sie aus wie meine Mutter, als die am hiesigen Theater in der Rolle ’Gespenst in der Dunkelheit’ brillierte. Ich weiß das, denn ich besitze Fotos und Kritiken davon. Und es ist war und bleibt neben dem Portrait von Jane, wegen ihrem irisierenden Haar darauf, mein Lieblingsbild von ihr. Da bin ich ziemlich sicher. Warum man mir aber nachsagte ich sehe ihr ähnlich, weiß ich nicht. Ich finde, ich sehe schrecklich aus. Und heute mehr noch als früher.
Früher wollte ich deswegen nicht in die Schule. Lediglich die Androhung körperlicher Gewalt brachte mich dahin. Heute gehe ich bevorzugt in der Dunkelheit vors Haus. Auch ist meine Angst vor körperlicher Berührung zu nennen. Händeschütteln. Gar umarmen. Küssen. All diese Arten von Nähe ertrage ich nur, wenn ich es selber will - und eine kommode Waschgelegenheit in der Nähe weiß. Und da es das im Zusammenspiel nicht oft gab, wurde ich zu einem Wesen der Nacht - und meine Liebe zu den Geschöpfen der Dunkelheit begann. Und dort, in der Kirche des Satans, habe ich meiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen, ich werde nie mehr straffällig.
*
Unter den Sachen des Jungen finde ich eine Karte, auf der ein Name steht. Martin. Und eine Telefonnummer. Wohl die der Eltern. Ich werfe sie weg, schleife den nackten Martin an den Füßen (wobei ich sehen kann, wie seiner kleiner Pimmel niedlich wippt, so dass ich schon wieder Gelüste bekomme ...) in eine nahe Fichtenschonung. Lege ihn in einer Kuhle aus märkischem Sand ab. Sand, der blond wie sein Haar. Wie Ostseestrand. Lege ihn auf den Rücken. Falte seine Hände. Putze ihm mit einem Tempo und Spucke das Gesicht sauber. Gebe ihm einen Gute-Nacht-Kuss. Bedecke ihn vollständig mit Gras und Zweigen, bis mir die Puste ausgeht. Nehme seine Sachen, knülle die zusammen und presse sie in einen hohlen Baumstamm, der quer im Weg liegt. Dann fällt mir der wirklich blöde Spruch ’Ich habe fertig!’ ein. Wobei ich weinen muss. Was aber keiner hat sehen können. Und so erwähne ich es später auch nicht. Auch nicht mein rheumatisches Fieber an dem Tag. Dass ich empfindlich gegen Kälte jeder Art bin. Und nachher im Auto onanierte.
*
Bevor ich fahre, um den Mietwagen sauber zu machen und zum Verleiher zu bringen, bete ich. Das ist mir anerzogen. Und ich werde es auch nie mehr los. Denn beten ist mir wie eine Treppe in den Himmel und mein einziger Weg Vergebung zu erlangen; sagte auch schon ’Heulsuse’, meine Erzieherin. Die irgendwann an einer unzureichenden medizinischen Versorgung gestorben ist. Und? - Bin ich etwa so was wie ihr Arzt?
*
’Heulsuse’ Suse war mit mir wie selbstverständlich vom Kinderladen in den Schülerladen gewechselt. Doch irgendwann reichte es ... Denn statt Frauen zu befreien, ruinierte sie mir mit ihrem perversen Tun über Jahre den Po. Auch wenn ich mich daran gewöhnt hatte, und ab irgendwann eine bestimmte Art Genuss am Spiel fand. Und der steigerte sich um ein Vielfaches, als ich ihr im Bastelraum eine Papierschere in den Hals rammte. Noch dazu, als sie anfing zu schreien. Erst aus voller Brust, dann piepsig schrill mitten in das viele Blut hinein, das wie Kirschsaft aussah. Und Blasen bildete. Dann Schaum war, der knisterte. Wie bald auch ihre nur von mir gehörten Hilferufe, als ich ihr den Ring vom Finger zog. Diesen Schinder meiner Jahre. Ich dann da draufspuckte und ihr den in den Mund steckte. Damit ihr Flehen aufhörte. Ihr Röcheln. Vor allem das Gestammel dieser Irren.
„Suse, heul nicht, sondern halt endlich dein blödes Maul ...!“
*
Im Jugendheim Veilchenhof, einem Kinderknast am Ende der Welt, nahm mich nach dessen eigener Aussage ein Vertreter ’Gottes’ in Empfang. Sie seien barmherzig, erklärte sich mir der Freigeist; es war der Rektor. Warum sollte ich ihm also nicht mein Leben anvertrauen ... Ein Fehler, wusste ich später. Doch da steckte ich selber so gut wie im Kollar.
Gleich nach der Begrüßung vom Rektor setzte man mich in einem grün gekachelten Raum in die Badewanne. Dort kauerte ich nackt auf dem rauen Boden und wurde von einem kräftig gebauten Pater, der sich dazu die Ärmel seiner Soutane hochgekrempelt hatte, eingeseift, vor allem mein Glied - und der mich anschließend kalt abgespritzt - wobei er zwischen meine Beine zielte und grinste. Der Wasserschlauch, den er lässig in der linken Hand hielt, hatte aber auch noch andere Funktionen. Allerdings musste ich das erst noch lernen. Genau wie Dinge über diesen Pater, Dieter, der sich, als er mich kalt abspritze, unter der Soutane und mit der Frage „ ...was guckst du so blöd?“ selbst befriedigte. Einige Wochen später taten wir es gemeinsam.
„Sexualkunde!“ nannte Dieter das gemeinsame Onanieren. Und ich tat es nicht ungern ... Doch auch hier: das Miteinander ist Lüge und Verrat gleichermaßen. Wie auch meine Sehnsucht nach einer heilen Welt. Einige Beichten später, wollte ich die von mir bisher gelebte Welt verändern. Meine Kindheitslügen. Die damalige Hölle zum heutigen Himmel stilisieren. Noch später dann den in mir wohnenden schwulen Katholiken, der sein Leben lang von Schuldgefühlen geplagt wurde. Ach, was wollte ich nicht alles.
*
Das allererste Mal falle ich beim Freigang im Park um. Einfach so. Mir war vorher weder schlecht, noch hatte ich irgendwas getan, was das Umfallen erklären oder rechtfertigen würde. Es war einfach so.
„Du wichst zuviel!“ war Dieters Meinung.
„Blutarmut!“ mutmaßte der Rektor.
„Ich gebe ihm Rote Beete Saft zu trinken“ entschied Bruder Karl, der eine Krankenpfleger Ausbildung vorzuweisen hat, - geht das Gerücht.
Das zweite Mal kippte ich beim morgendlichen Zähneputzen aus den Pantinen. Ob es am grün gekachelten Waschraum lag, blieb mir als Frage. Oder am Zittern. Das dieses Mal meiner Ohnmacht vorausging. Den stechenden Kopfschmerzen ... Dem Müll in meinem Gehirn, wie der Rektor meinte.
„Er muss sofort ins Krankenhaus!“ beschied Bruder Karl.
„Stirbt er sonst?“ machte Dieter auf besorgt.
„Er könnte an seiner Zunge ersticken - sollte er nicht rechtzeitig gefunden werden ...“
Doch ich lebe. Zurzeit. Noch. Und dann kommt das Gefühl wieder. Wie eine Attacke. Eine schmerzhafte Überraschung aus dem Nichts. Als Kribbelnd erst. Dann Zittern. Schwitzen. Die Unmöglichkeit Luft zu holen. Panik. Die im Kopfkino passiert. Und Bilder, die ich nicht haben will. Wie die von angstvollen Kinderaugen zwischen Sommersprossen. Todesahnungen. Dieser entsetzliche Film im Kopf. Erst Sekundenlang. Dann immer. Ein Gefühl - stickig und heiß. Und so was von dunkel, wie in einem Kilometer langen Tunnel. Wie in einem kaputten Fahrstuhl zwischen Sonne und Mond. Als würde mir irgendwer den Hals zudrücken. Dazu diese Kraftlosigkeit. Dann wieder fliegt mein Leben vorüber. Das Jetzt und Später. Meine Existenz in einer geschlossenen Abteilung. Gefesselt ans Bett. In eine Zwangsjacke gesteckt. Eine Gummizelle. In einer Menschenansammlung gefangen, die auf mich einprügelt.
Doch geheilt werde ich so nicht. Nicht mein Selbstbild. Die Gefühle. Wünsche. Nicht in Therapie. Denn da passiert gar nichts. Kein Trost. Nur weiter diese unerträglichen Hilfeschreie. Und Regeln: Fortschritt nicht möglich. Geblieben sind Sound und Bilder. Mein gieriges Verlangen. Diese Katastrophe. Für die ihr mich hasst. Ich weiß es. Und es wird sich nichts ändern. Nie.
Aus dem Fenster heraus füttere ich Tauben. Mit Brot. Reiße aus den klitschigen Scheiben kleine Stücke, spucke drauf, rolle die zu einer Kugel und werfe sie den Viechern zu. Ja, mich freut es, wenn die sich um die Brocken balgen, wie irre flatternd aufeinander einhacken. Wenn Federn fliegen. Blut fließt. Wenn eine gewinnt. Und die anderen verlieren ...
Mein Mitbewohner, ein langer Kerl, mit dürren Armen und Beinen der, wenn er das Maul auftut, so blöd wie lang daherkommt und der, wenn er seinen Kopf erst Mal durchs Gitter hat, auch seinen mageren Körper hindurch pressen kann ... Und das auch tut. Der dann laut lachend auf dem Hof steht um mir dann dort, wie schon Tage zuvor angekündigt, eine Taube fängt. Die ich aber nicht haben will. Und als ich es nun wiederhole, ihm lautstark sage, beißt er der Taube den Kopf ab, wie seinerzeit Ossy Osborn einer Ratte. Nur, dass der hier versucht den Kopf zu verschlucken.
Kurz daraufhin röchelt und krampft er wie irre, wie ich auch an seinem hampelnden Kehlkopf sehe, fällt um, das Gesicht blau angelaufen - bleibt komatös liegen, um von zwei herbeieilenden Wärtern an den Beinen gepackt und ins Haus gezerrt zu werden. Und wie am Ende die kopflose Taube zuckt, ausblutet und stirbt, - sterbe ich. Weil ich den Weg aus dem Tunnel nicht geschafft habe; meine Seele in der dunkelsten Stelle des Menschen angesiedelt ist, wie ein Gutachter unmissverständlich über mich behauptet.
*
Über einen Makler habe ich eine Wohnung gefunden - und sogleich angemietet. Nicht zu groß, nicht zu klein. Zwei Zimmer. Mit Balkon. Blick ins Grüne - und auf eine Schule. Schön, auch das voll gekachelte Bad mit Handwaschbecken, Wanne, Klo und Bidet. Alles aus Porzellan und nicht aus Stahl, wie in der Psychiatrischen. Praktisch auch die Küche mit Abluftgebläse über dem Herd. Und auch sonst voll eingerichtet. Sogar mit Geschirrspüler und Waschmaschine - und voll renoviert. Raufaser weiß. Braun gelackter Holzboden. Und das alles in der Nähe einer Stadt, die meinen Ansprüchen genügt. Doppeltes Glück, weil ich die sofort beziehen kann. Weshalb ich vor Freude begeistert in die Hände klatsche, worüber der Makler sich wundert, wie ich seinem Gesicht entnehmen kann, als seine fetten Schweinebacken blöde wackeln, als würde er einen monströsen Kaugummi kauen.
Einige Möbel habe ich mir auch gleich angeschafft. Das Nötigste. Wie Bett, Tisch, Schrank und Stuhl. Einen PC. Und einen Internetanschluss legen lassen. Dazu alles an Zubehör, was man so braucht. Echt, kaum zu glauben, aber so was geht heutzutage in Stunden, wo man früher Wochen zu benötigte, oder Monate - nur um eines Telefonanschlusses wegen.
Gut, ich habe im Teleshop mit etwas Geld nachgeholfen, denn wie jeder weiß, Schmiere hilft immer. Und mir tut Geld ausgeben wirklich nicht weh; habe ich doch von meinem Erbe in der Haftzeit nur wenig verbraucht. Fast nichts, eigentlich, außer den Bestechungsgeldern für Wärter und Pfleger, - damit dir mir Material für den Videorecorder lieferten, den ich aber wegen der Downer in der Psychoabteilung kaum nutzte. Um so mehr freue ich mich jetzt aufs Internet, denn damit sollen ja sämtliche Träume Realität werden können? Mann, ich bin so was von aufgeregt, es ist fast wie beim allerersten Mal ... Schade, dass ich das damals nicht gefilmt habe. Wie hieß der Junge eigentlich?
*
Ich habe in den Akten nachgesehen: Torsten! Ein hübscher Blonder ..., ich erinnere mich wieder ... Meine Güte, ist das lange her. Andererseits ist mir der Torsten so nahe. Wie das eben so ist mit dem Ersten.
Übrigens war Torsten der Sohn von der, die mir bei den Hausaufgaben half. Die mich früher zum Kindergarten und später zum Sport fuhr. Die später wegen Missbrauchs von Kindern zwei Jahre Haft auf Bewährung bekam.
Für mich ordneten die Richter wegen Torsten eine Untersuchung in einer psychiatrischen Fachklinik für Jugendliche an. Dauerte 14 Tage.
„Seine Steuerungsfähigkeit, anders zu handeln, ist wegen schwerer seelischer Abartigkeit vermindert“, war der Psychiater sicher.
„Bei Vorliegen einer solch gravierenden Persönlichkeitsstörung ergibt sich eine Straf- und Schuldminderung“, hieß es Jahre später. Und das rettete mich über die Zeit - kostete aber anderen wohl das Leben. Wer weiß das schon.
*
Der PC wird mein Freund. Mein Beichtvater. Wird mir zur Fickanimationsmaschine, vor der ich onaniere, bis ich nicht mehr kann und in vollständige Erschöpfung falle. Ins Koma. Zum Glück. Und wohl zum Besten für alle. Für Eltern und deren Kinder. Für alle blonde Knaben der Welt. Doch da wäre da noch dieses Mädchen zu nennen ... die nicht so viel Glück hatte.
Es war die, mit den kurzen blonden Haaren im Jeansanzug, die mir als ein Versehen unterlief, weil ich sie für einen Jungen hielt, - ich mich nun schäme, weil ich mir untreu geworden bin. Obwohl ich mir einrede, es würde an meinen Augen liegen. An mangelnder Konzentration. Die durch meine Krankheit hervorgerufene Unfähigkeit Richtig von Falsch zu unterscheiden. Doch so ist das nicht, nicht so; aber weiter äußere ich mich nicht dazu.
Vor Gericht hieß es: Der Beschuldigte hatte gefilmt und fotografiert, während er sich an den Kindern verging oder sie gegenseitig zu sexuellen Handlungen anleitete. Doch damit meinten die nicht mich. Nein, ich saß nicht auf der Anklagebank; ich war Zuschauer in diesem jämmerlichen Verfahren gegen einen Dilettanten. Denn nur weil ein Achtjähriger sich der Mutter offenbarte, flog der Fall auf und wurde verhandelt. Und da der als ausgeprägt abartig geltende Straftäter schon wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden war, erhielt er acht Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.
„Der Angeklagte hat einen Hang zu erheblichen Straftaten und eine intensive Neigung zu Rechtsbrüchen aufgrund eingeschliffener rechtswidriger Verhaltensmuster!" Und genau bei den Worten des Richters musste ich mich beherrschen, um nicht Beifall zu klatschen. Das wäre doch sehr peinlich gewesen - und ich hätte ohne Not auf mich aufmerksam gemacht; was für ein Idiotie. Doch meinem Rechtsverständnis entsprach das schon: bei solchen Leuten, wie dem Angeklagten, wird Milde als Schwäche ausgelegt und nur eine hohe Haftstrafe bietet dem Mann eine Chance ...!
Und mich rettete erneut mein PC. Eigentlich lachhaft: eine summende, blinkende Blechkiste als Erlöser meiner tagtäglichen Nöte. Und außerdem ein potentieller Lebensretter. Ich sollte dem Erfinder der Kiste Geld überweisen. Für die Pornofilme tat ich es schließlich auch. Und für Viagra.
Doch Zuse ist längst tot. Und die anderen sind mir egal. Die werde ich nicht suchen, - ich habe zu tun.
*
Ich suche bei Google. Finde einen Artikel über meine Entlassung. Zum Glück ohne Bild von mir und voller Namensnennung. Dennoch, bei jeden Spaziergang oder Einkauf mustere ich die Menschen um mich herum. Forsche in deren Gesichtern - ob mich jemand erkennt. Schon lautes Lachen macht mich nervös. Wenn jemand hustet. Laut niest. Nach einer Fehlzündung eines Motorrads gehe ich hinter einem Stromkasten am Straßenrand in Deckung. Mal ehrlich: ich sterbe bei solchen Aktionen ... Aber das muss anders werden. Also lasse ich mir einen Bart stehen. Nehme in einem Sportstudio zwei Straßen weiter an einem Selbstverteidigungskurs teil. Und die erste Stunde ist schon mit Erfolg geschafft: ich fühle mich besser. Aber nicht komplett geschützt - mit den paar Grifftechniken. Überlege mir - deshalb - eine Schusswaffe zuzulegen. Erwerbe aber erst mal ein Rasiermesser. So ein langes Teil, wie es mein Großvater besaß. Rostfrei aus Solingen. Es existiert auch ein Foto davon, Großvater beim rasieren. Doch wo ist es? Verbrannt - natürlich! Natürlich ..., wie Großvater.
*
Über Martin ist bei Google nichts zu finden. Auch als ich ein paar gedruckte Zeitungen kaufe: nichts! Das irritiert mich; wie kann das sein? Es müsste doch irgendwo ’Junge verschwunden’ stehen! Was? Können heute Menschen einfach so verschwinden - und keiner sucht die?
Also lese ich noch mal über mich:
“Wegen einer Justizpanne kommt ein gefährlicher Sexualstraftäter wieder auf freien Fuß, denn das Landgericht lehnte den Antrag der Staatsanwaltschaft auf nachträgliche Sicherungsverwahrung ab. Der Vorsitzende Richter sagte, der Mann müsse freigelassen werden, obwohl er womöglich weiter schwerste Sexualstraftaten begehen werde. Auch habe der Mann jahrelang fälschlicherweise behauptet, dass er sich in Therapie begeben wolle. Auch nach Meinung einiger Gutachtern, stellt der pädophile Mann weiter eine Gefahr dar.“ Und auch hier: nichts über meine Krankheit, nichts was Tatsachen entspricht, alles unwahr ... was für ein verlogenes, sensationsgeiles Pack diese Presse!
*
Ich höre Udo Lindenberg: ’Ein Herz kann man nicht reparieren, ist es einmal entzwei dann ist alles vorbei ...’ Doch ob mir das Trost sein kann? Ich weiß es nicht. Jedenfalls halte ich mich vom Küchenfenster fern, weil aus einer Wohnung auf der anderen Straßenseite jemand mit einem Fernglas glotzt. Ich kann den Spanner genau sehen, obwohl ich nur ein altes Jagdglas vom Trödler an der Ecke habe, - es ist ein bulliger Typ mit Vollbart, Glatze und Knollennase. Und mit einem besseren Glas würde ich den auch noch riechen können, denn so wie der aussieht, riecht der auch - sagt mir meine langjährige Erfahrung vom leben mit Menschen auf allerengstem Raum.
*
Ich spiele ansonsten nicht. Auch nicht am PC. Doch heute, heute spielte ich ein Wortspiel, weil der Hausmeister meinen Namen an das Klingeltableau, an Briefkasten und meine Wohnungstür pappte. Kindermann. Deshalb!
Ich spielte deswegen also Kinder- Mörder- Mann; Mörder- Kinder- Mann; Mann- Kinder- Mörder; Kinder- Schänder- Mann; Mann- Schänder- Kinder - Mann ... Als ich das Spiel nicht mehr aushielt, rannte ich vor die Tür und riss mein Namensschild vom Klingeltableau, dem Briefkasten und meiner Wohnungstür; es blieben keine Spuren. Und so bleiben keine Spuren ... von mir, dem Kindermann, hin zur Nachbarin, - die einen blonden Sohn von cirka acht Jahren hat. Ein niedlicher Bengel, mit goldigen Grübchen; doch jetzt zieht es mich zum Postamt.
„Ich möchte ein Postfach mieten.“
„Aber Sie haben doch schon eins, Herr Kindermann!“
„Bitte?“
„Sie standen gestern genau hier - und ich habe Ihnen ein Postfach eingerichtet!“
„Ach ja, ich habe das verwechselt. Entschuldigung, ich wollte ein Packstation einrichten.“
„Für welche Größe?“
„Für einen blonden Achtjährigen - in etwa.“
„Bitte?“
*
Nicht weit von meiner Wohnung, vielleicht drei Kilometer entfernt, besuche ich im Gemeindezentrum neben der Kirche St. Petri eine Gruppe anonymer Alkoholiker. Ich trinke zwar nicht. Mich zieht jedoch die Anonymität der Gruppe an, - deswegen behaupte ich, zu trinken.
Zur Begrüßung dort sage ich deshalb: „Guten Tag, meine Name ist Herr Alkoholiker - und ich trinke!“ verbeuge mich - und alle klatschen. Besonders Franz und Hans. Wobei es sich bei Franz, trotz des Männernamen, um eine Frau handelt.
„Ich bin lesbisch!“ sagt sie mir ungefragt und lächelt.
Hans dagegen fordert, ich sollte mehr von mir erzählen „ ...man muss sich schließlich kennen lernen!“
„Später!“ antworte ich, „ich muss erst zu mir kommen.“
Dazu nicken alle verständig. Auch Franz und Hans. Und ich. Dann klatschen alle wieder rhythmisch. Und beim Verabschieden geben sie sich reihum ’five’ - mir ebenfalls, als wären wir Rapper.
„Bis nächsten Mittwoch!“ ruft mir einer auf der Straße nach.
„Mal sehen ...“
*
Der Hausmeister nimmt seine Arbeit (sehr) ernst, denn der hat auf die nun namenlos sauberen Stellen an meinem Klingeltableau, dem Briefkasten und der Wohnungstür erneut den Namen Kindermann gepappt; also habe ich den wieder entfernt. Einen Tag später das gleiche Spiel. Und den darauf auch; ich mache mich deswegen auf den Weg zu ihm. Es ist leider ein ungerader Tag. Trotzdem ist mir nach Gerechtigkeit.
„Der wohnt im Rheumakeller!“, sagt mir eine grauhaarige Frau in einem zerschlissenen Bademantel am Fahrstuhl, die ich nach ihm frage, „da will ich nämlich auch gerade hin“, winkt sie mit einem rosa Zettel, „mein Klo spinnt total.“
„Ich kann ja ihre Schadensmeldung gleich mitnehmen“, biete ich an, „wenn sie mir sagen, wo der Rheumakeller ist?“
„Sie sind wohl nicht von hier, was?“
„Nicht unbedingt!“
„Der Rheumakeller ist das Souterrain, junger Mann! Sie können mit dem Fahrstuhl direkt durchfahren.“
„Ach - ja, das hätte ich mir eigentlich denken können.“
„Na dann ...“
„Den Zettel bitte!“
„Gerne. Und - DANKE!“ brüllt die Alte.
„Nicht dafür.“
Als ich im Keller vor der Tür des Hausmeisters (mit Namen Horst Schulze) stehe, summt es hinter der Tür wie im Bienenstock, wobei das Summen im Zehntelsekundentakt von so was wie Hammerschlägen unterbrochen wird. Dennoch ist der Typ im Nu an der Tür.
„Wo brennt es denn, Herr Kindermann?“ quetscht Hausmeister Schulze durch schmale Lippen und den Rauch einer Pfeife.
„Brennen tut wohl eher ihre Pfeife ...“ und irgendwoher kam mir der kahlköpfige Schulze in grauem Unterhemd und blauer Arbeitshose bekannt vor ...
„Das wüsste ich aber!““ scherzt der.
„Mal im Ernst, Herr Schulze.“
„Ich weiß“, sagt der, „ ... wegen Ihres Namen.“
„Genau!“
„Und?“
„Hier haben Sie hundert Euro - fertigen Sie dafür Schilder mit dem Namen ’Roman Molloy’ und walten Sie ihres Amtes.“
„Roman Molloy also; ein schöner Name ...“
„Ist mein Künstlername. Unter dem Namen Kindermann kennt mich niemand.“
„Sind Sie sicher?“
„Sicher!“
„Ihr Wunsch“, grinst der.
„Ja, mein Wunsch.“
Doch wie ich in den Rheumakeller gekommen bin, komme ich nicht wieder raus. Kein Fahrstuhl, so sehr ich auch suche. Als ich deswegen erneut vor der Tür des Hausmeisters (mit Namen Horst Schulze) stehe, summt es hinter der Tür immer noch wie im Bienenstock, wobei das Summen im Zehntelsekundentakt von so was wie Hammerschlägen unterbrochen wird. Dennoch ist Schulze im Nu an der Tür.
„Was gibt es denn noch?“
„Der Fahrstuhl ist weg!“
„Das ist richtig Herr Kinder... äh, Herr Molloy. Sie können zwar mit dem Fahrstuhl runter fahren, aber nicht wieder rauf.“
„Aber Sie können?“
„Ich kann!“
„Und - wieso?“
„Ich bin im Besitz eines Schlüssels.“
„Okay, dann schließen Sie mir den Fahrstuhl auf ... und ...“
„Keine Chance“ sagt der.
„Für einen Hunderter?“
„No way!“
„Gut, dann werde ich mir vom Hausbesitzer einen Schlüssel besorgen, das kann doch nicht so schwer sein.“
„Machen Sie.“
„Dann sagen Sie mir bitte, wo ich den Hausbesitzer finde.“
„Genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite - das ist mein Schwager!“
„Und seine Name?“
„Moran. Moran - Moran!“ und dabei grinst er.
Das Grinsen - als ich wieder in der Wohnung bin, das Grinsen ... kommt mir irgendwie bekannt vor, es erinnert mich an Gaber ... Ich werde in meinen Aufzeichnungen nachsehen müssen.
*
Meine Aufzeichnungen sind schnell gesichtet, - aber nur für die ungeraden Tage komplett. Die geraden Tage, erinnere ich mich, hat seit Jahren mein Agent in Besitz. Dessen aktuelle Anschrift ’Literaturagentur Karl Schmieder’ und Telefonnummer finde ich dann über Google. Ich werde dort an einem ungeraden Tag anrufen und nachfragen, was mit meinen geraden Tagen geschehen ist, und was in Zukunft mit meinem Heute und Übermorgen passieren soll.
*
Neben der Schule gegenüber gibt es einen Friseur. Damen - Herren. Und wie ich weiß, liegt bei Vollmond geschnittenes Haar besonders gut und hält die Fasson ewig und die Tage. Und der genannte Friseur schneidet bei Vollmond Haare, wie ich neulich an der Schaufensterscheibe seines Laden lesen konnte. Ich will also hin, wenn Vollmond ist. Und habe mich eben deswegen angemeldet.
„So paranormales Zeug ist nichts für mich!“ sagen Hans und Franz wie aus einem Mund, als ich vom Haare schneiden bei Vollmond erzähle.
„Na hör mal“, sage ich „es gibt extra einen Kalender dafür!“
„Mag ja sein“, sagt Franz „es gibt aber auch einen für den Eisprung!“
„Und?“
„Hast du schon mal Eier springen sehen?“ Worüber sich die Gemeinschaft der Exsäufer totlachen konnte. Und Hans glänzte wie ein Diamant. Ein Glückskäfer pur.
*
Ich liege auf dem Rücken. Das neue Bett quietscht, wenn ich mich bewege. Also bewege ich mich so wenig wie nötig. Und richte auch erstmal kein Wort an den Nachbarsjungen - als der an mir vorbei durch die Wohnung irrt, den Ausgang sucht, den ich vorausschauend hinter einer Bahn Tapete versteckt habe. Ach, das Jungchen ist so was von blond, so achtjährig, - der kleine Kevin. Und auch das Strafmaß für ihn scheint mir akzeptable, dass er nackt ist - und ich seine Kleidung im Ofen verbrenne. Und weder die Prozessbeteiligten noch der Gutachter haben sich dagegen ausgesprochen. So kann ich seine kindliche Gegenwart voll genießen. Seinen (immer noch vorhandenen) Babyduft atmen. Die Süße von Rosenblüten - gemischt mit der Herbheit braun gebackenem Zwiebacks an Kirschmarmelade.
Er habe seinem Opfer eine Plastikflasche, danach einen Handfegerstiel zwischen die Pobacken gesteckt.
„Was ich weiß ist, dass ich Kinder liebe“, sage ich - sagte ein Gerichtssprecher der Presse.
„Hauptsache, er kommt nie mehr raus“, weinte die Mutter eines Opfers, „dieses elende Dreckschwein!“
„Die Utensilien sind aber nicht eingeführt worden“, erklärte mein Verteidiger.
„Mangels Penetration“, heißt es deswegen seitens des Landgerichts, „habe sich der Vorwurf der sexuellen Nötigung nicht bestätigt.“
Auch deshalb liege ich ruhig auf dem Rücken. Denn das neue Bett quietscht, wenn ich mich bewege. Also bewege ich mich fast überhaupt nicht. Penetriere nicht. Womit auch. Und wen? Auch wenn mich der Gedanke (es zu tun) irre macht vor schmerzhafter Lust, als hätten dutzende Schrotkugeln meinen Magen durchbohrt, - Schwindelgefahr inbegriffen: good morning!
*
Physisch und psychische Misshandlungen sind höllisch qualvolle Ungerechtigkeiten. Doch wenn man sich darüber bei der Heimleitung beschwerte bekam man zu hören, dass man die verdient habe. Und so kommt es, das Jahre später immer wieder brennende Leichenteile auf einem Feld neben einer x-beliebigen Straße in Brandenburg gefunden werden. Erst letzte Nacht machten Autofahrer Nähe Potsdam einen solch schrecklichen Fund. Bei der fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leiche handelt es sich vermutlich um ein Kind, - wie die Staatsanwaltschaft einen Tag später mitteilte, und dass man von einem Tötungsdelikt ausgehe. Die sagten auch, dass der jetzige Fundort von den letzten Leichenteilen nur etwa acht Kilometer entfernt läge ... Der Täter könne also durchaus auch aus der Hauptstadt stammen, mutmaßte die sensationsgeile Presse.
„Bei meiner Ankunft im Heim bekam ich keine zehn Minuten später das erste Mal Prügel, weil ich mich gegen das rituelle Glatzeschneiden gewehrt habe!“
Er sei von Anfang an ein schwierigen Fall gewesen, findet man später in den Heimakten. Allerdings steht da nichts von seiner Seele. Lediglich seine dunklen Seiten finden Erwähnung. Nicht sein Lebenswillen oder auch nur andeutungsweise irgendwas über seinen Humor, von seiner Freundlichkeit. Dem Urvertrauen. Da steht letztlich und in Fett was von einer persönlichen Tragödie ... Und die so eindringlich geschildert, als wäre es sein Totenbuch.
Die Glatze behielt er nach seiner Entlassung bei. Die sagt übrigens auch einiges; zum Beispiel: „Legt Euch bloß nicht mit mir an!“ Aber das ist auch nur heiße Luft - und zum Nachpfeifen gedacht wie später die Drogen, der Entzug, die diversen Festnahmen, die Jahre im Knast. Das alles zu viel - alles zu wenig - Leben; an Depressionen. Die in seinem Gesicht offen sichtbar wie Tätowierungen. Wie die Narben an seinem Körper. Die am Handgelenk - längs über dem Puls - fast bis in die Ellenbeuge. Von seinen zigmaligen Suizidversuchen herrührend, die detailgenau und mit farbigen Bildern in den Akten vom Amt beschrieben und mittlerweile so kaputt wie sein Wesen; - die später auf der Endabrechnung auftauchen: ’Tausend mal berührt ...’ abgestempelt für die Ewigkeit.
*
Meine Idee, Priester zu werden, habe ich eigentlich schon vor Jahren aufgeben, denn ich finde es pervers, mich wegen möglicher pädophiler Neigungen von irgendwelchen Mönchen oder Sexualpädagogen hochnotpeinlich screenen zu lassen.
’Die Kirche muss die Kinder besser schützen’, antworteten die auf meine Anfrage. Gut soll sie auch, aber nicht so - und schon überhaupt nicht vor mir, denn schließlich liebe ich Kinder mehr als mir lieb ist - und ich würde denen nie etwas gegen ihren Willen antun. Und als mir mal die Hand ausrutschte, habe ich mich bei den Opfern sofort entschuldigt. Auch empfinde ich Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft über anale und orale Vergewaltigungen - sogar Mord - als völlig übertriebene Darstellungen.
Ich hasse sowieso Fragen zu meinem sexuellen Erleben und Verhalten. Und ganz besonders solche: “Welche Fantasien haben Sie bei der Selbstbefriedigung? Wie schätzen Sie selbst Ihre sexuelle Orientierung ein? Die auf Frauen? Männer? Mädchen? Auf Jungen?“ Für mich läuft diese Art von perversen Fragen, egal was ich antworte, auf eine Vorverurteilung hinaus. Und alles nur, weil die Mutter eines Jungen Strafanzeige stellte. Und sieben weitere Mütter ankündigten, aussagen zu wollen. Mal ehrlich, was gehen mich solche Mütter an. Haben die keinen Vater für ihre Kinder? Soll ich das etwa werden? Was? Nein, ich werde mich hüten! Schon wegen Inzest. Darüber liest man ja in den Tageszeitungen schon genug.
Mir ist auch schleierhaft, warum Moran mich schon wieder beobachtet. Die Miete für die Bruchbude habe ich schließlich für ein Jahr im Voraus bezahlt, also kann es daran nicht liegen. Allerdings hege ich den Verdacht, dass Moran von seinem Bruder angestachelt wird. Denn schon die picklige Nachbarin von schräg nebenan erzählte mir über seine zudringlich schleimige Art alles Private sofort und gleich wissen zu wollen, in der Post fremder Leute rumzuschnüffeln. Sogar in den Mülltonnen kramt der. Ich habe ihn neulich kopfüber in einer erwischt. Man stelle sich das vor ...
Doch nicht nur deswegen habe ich mir ein Zeiss Dialyt Nachtglas mit direktem (kabellosen) PC Anschluss gekauft. Das Teil ist ein super Dämmerungsglas mit achtzigfacher Vergrößerung im Karree, damit kann ich jedem bis auf 1.000 Meter durch die geschlossenen Augen direkt ins Hirn sehen - und darin lesen, was derjenige denkt; durch ein Stirnbein hindurch funzt es bei einer Dämmerungszahl von 21,2 immerhin noch auf 110 Meter. Das sind Betriebszahlen was? Damit kann was anfangen!
Ja, der Schulze/Gaber und seiner schäbiger Bruder Moran werden sich noch wundern. Denn denen hilft auch ihr neuer Insektenschutz vor all den Fenstern überhaupt nichts. Der ist und bleibt unnötige (wespengelbe!) Kunststoffscheiße.
*
Wegen Hausmeister Schulze, den ich für Gaber halte (nur ein Bauchgefühl, ich weiß) sehe ich in meinen Unterlagen nach. Was ich da allerdings lesen muss, reicht für tiefe Abscheu - für beide! Weil mir nämlich Hausmeister Schulze/Gaber, als ich nicht da war, ins Klo fäkalierte - ohne abzuziehen. Ich deshalb SOFORT ein neues Klo brauchte, denn ich hätte ums Verrecken auf dem Teil nicht mehr gesessen, - ich also dafür Schulze/Gaber anrief, der unter zur Hilfenahme seines Universalschlüssel in Nullkommanichts in meiner Wohnung stand.
„Ein neues Klo also...?“
„Komplett. Und zwar sofort!“
„Sie könnten doch aber auch einfach abziehen - und die Sache wäre erledigt.“
„Und dann?“
„Einmal gründlich mit der Bürste nacharbeiten, dann ist es wie neu!“
„Und der Gestank? Meine Aversion gegen alles Fremde? Und die Genpartikel auf Schüssel, Brille und Spüler? Wohin damit?“
„Ins Sagrotan!“
„Sie denken also ernsthaft, ich würde komplett ihre Scheiße wegmachen?“
„Wieso meine? Und was ist das überhaupt für eine Ausdrucksweise ... ich muss mich doch sehr über Sie wundern!“
„Und ich mich über Sie; wie kommen Sie überhaupt dazu in meine Wohnung einzudringen?“
„Wie - eindringen; Sie haben mich doch gerufen!“
„Ich meine vorher.“
„Vorher?“
„Na, Sie haben mir doch ins Klo gesch... fäkaliert!“
„Ich? Sind Sie noch bei Trost!“
„So kommen wir nicht weiter, Herr Schulze -, also machen Sie schon.“
„Gut - ich rufe jetzt meinen Bruder an und Sie bekommen dann auf Ihre Kosten ein neues Klo geliefert, so der auch will!“
„Das Sie mir dann gleich einbauen.“
„Gewiss.“
„Und ein neues Schloss in die Wohnungstür ...“
„Wieso das?“
„Und ich bekomme ALLE Schlüssel dazu!“
„Von mir nicht!“
„Dann rufen Sie jetzt um Himmels Willen Ihren Bruder an und klären die Sache.“
„Wie Sie wollen!“
„Und dann möchte ich noch wissen, wie ich überhaupt hierher gekommen bin!“
„Auch das noch!“
Und wie ich den Kopf hebe - um mir die Tränen abzuwischen, sehe ich Gaber in Richtung Maron grinsen, der mit einer Kloschüssel auf der Schulter im Türrahmen steht.
„Wohin damit?“
„Stell es neben den Sessel“, höre ich Gaber sagen, „dann hat er es nicht so weit.“
*
Ich bin spät im Jahr aber früh am Tag, als ich das Haus verlasse. Und die Hand tut mir weh. Jeder Knöchel, wenn ich die Hand zur Faust balle. Gaber und Maron wird es nicht wesentlich besser ergehen. Doch mein Mitleid hält sich in Grenzen; auch das für mich. Carpe diem; wer du auch bist.
Mein heutiges Ziel ist das internationale Volksfest im Zoo. Da tanzt die menschliche Meute lustig und ungezwungen zwischen Bär, Tiger und Co. Auch deswegen habe ich mir genau diese Party ausgesucht, - junge Leute beobachten, um die für den heimischen PC abzufilmen, damit ich was warmes für den langen Winter im Hause habe. Also laufe ich ein wenig zwischen den tierischen Darstellern von Menschen, als der Affengott Hanuman sieben seiner Kinder von drei Braunbären in Stücke reißen lässt, als die über seine Glatze lachen.
*
Nein, nicht nur wegen Gaber und Maron habe ich mir von einem unabhängigen wie diskreten Sicherheitsdienst, der mir drei versteckte Volltitanschlösser und doppelt verstärktes, unsichtbar legiertes Iridiumriegelwerk hinter die Wohnungstür baute, jeweils eine hochleistungsfähige, selbst schwenkbare Kamera hinter die der Straße zugewendeten Fenster installieren lassen - die direkt mit meinem PC verbunden sind und jedwede Bewegung aufzeichnen, um die zum Speichern meinem PC zu überspielen.
Selbstverständlich habe ich das System, bezogen auf den widerlichen Maron, auch schon ausprobiert. Und die auf dessen Badezimmer gerichtete Kamera lieferte so gestochen scharfe Bilder, dass ich Farbe und Menge seiner Schamhaare hätte zählen können, wenn ich wollte. Doch ich will nicht! Jedenfalls nicht zur Zeit. Schön auch, dass die Kameraposition vom Wohnzimmer aus komplett die Schule erfasst. In jedes noch so dunkle Loch hinein kann ich beobachten; und was mir dann da an sexueller Perversität von Leiden und Demütigungen gezeigt werden wird, erregt meine Fantasie am Meisten. Die Gutachter sprachen über mich als der ’Ich-synton’. Doch das stört mich wenig, - was wissen die schon wirklich von mir.
*
Die Schulferien sind vorüber. Der Pausenhof füllt sich in regelmäßigen Abständen mit hunderten von Kids jeden Alters und fast jeder Nationalität, wie ich nicht nur am Surren meiner Kamera höre. Allein abends erscheinen nun noch die Handvoll Raster-Boys, um ein paar Körbe zu werfen, chillend einen Joint zu rauchen, nach Bob Marleys Hits Raggea zu tanzen; eigentlich schade, ihre nackten Oberkörper haben was - vor allem, wenn die nach ein paar Spielminuten schweißig glänzen und Diamantentropfen von ihren Haarzöpfen in die Gegend springen, die ich später einsammle, in mein mit Silber und Samt ausgeschlagenes Elfenbeinkästchen lege und nach Hause trage. Ja - ich kann mich nur wiederholen: Qualität hat ihren Preis - und es lohnt sich allemal, nicht nur in sich selber zu investieren.
*
Auch auf dem Kinderspielplatz ist nun wieder Betrieb. Doch da der nicht in meinem Kamerabereich liegt, nehme ich das Glas für meine Beobachtungen und erkenne schon im ersten Ansatz Murphy - der im Halbschatten einer Kastanie steht und sich durch die Hosentasche bespielt. Sehe, wie der lossprintet, als eine der Frauen ihren Kinderwagen unbeobachtet lässt, - sich den Karren schnappt und damit wieselflink wie unbemerkt auf und davon ist. Ehe dann die ältlich wirkende Frau, die mit gebauschtem Blumenmusterrock hinter einem Busch hockt, den Verlust realisierend in den Stand kommt, ist Murphy längst einen halben Kilometer die Straße runter, reißt das Bündel aus dem Kinderwagen, der weiter die Straße abwärts rollt und verschwindet in einem Hauseingang. Und auch hier: einzig (diesem) meinem Zeiss-Qualitätsglas ist es zu verdanken, dass ich die Situation im Fokus behalte und Murphy bis in seine Wohnung verfolgen kann -, die im Übrigen eine wahrlich schäbige Bude ist und auf sein verlottertes Aussehen zugeschnitten scheint. Ich jedenfalls weiß, was ich weiß - und betrachte Murphys Therapie als ebenfalls gescheitert! Bevor ich jedoch die Polizei darüber (anonym, versteht sich) informieren werde, will ich für meine Sammlung (ohne das sich die Wege zwischen Murphy und Molloy direkt kreuzen) einige Bilddokumente von ihm mit Baby im Kreidekreis erstellen.
*
Ich habe Murphy erst wieder im Fokus, als ich durch den Hauflur, in dem er Minuten vorher verschwunden ist den Hinterhof betrete. In einem schnellen Rundumscan mit dem Zeiss stelle ich fest, dass der Kretin im ersten Obergeschoss mit zwei Fenstern normaler Größe zum Hof und einem kleinerem, wohl das vom Lokus, zur Seitenstrasse hin wohnt.
Um nun mit ihm über meine Kamera ’face to face’ in Kontakt zu treten, verschaffe ich mir Zugang in das Treppenhaus seiner Wohnung gegenüber. Das es dort streng und echt unangenehm nach Kohl und Fäkal riecht, stört mich nicht unbedingt. Denn mein Jagdtrieb ist geweckt und die mich nun in Massen durchströmenden Hormone deckeln alle unangenehmen Dinge fürs Erste ab. Als ich dann (endlich - und schon unangenehm schwitzend - denn unter meiner Achselhöhle feuchtet salzige Nässe mein Hemd durch und klebt dessen Stoff an meiner Haut fest) das dritte Obergeschoss erreiche, bringe ich das Zeiss sogleich in halbzirkuläre Position auf die Fenster von Murphys Bude, atme tief durch, halte die weltliche Zeit an, wirbele Sequenzen meiner Seele kunterbunt durcheinander, erzeuge in mir (solchermaßen) eine kindliche Erwartungshaltung auf richtiges Glück - bis die dann eine wirkliche Wahrheit der anderen Art geworden ist - und starte am Zeiss das Signal zu meinem PC. Intim ('comment c’est') bleibe ich dabei, als Murphy das schreiende Tierchen Mensch auf dem Wohnzimmertisch platziert, dessen Körper von der komplett blauen Kleidung und allerlei Windeln entledigt und, als er die Possierlichkeit nackt hat ... ein Rasiermesser blitzt ... durch das er und ich zum Schöpfer göttlicher Kunst werden. Die ich dann, im Vollzug auf seine Person bezogen, solchermaßen eklatant und wahnsinnig daherkommen sehe, dass die wohl seinen Lebensumständen geschuldet sein muss (bilde ich mir - in eigener Hilflosigkeit gefangen - ein). Gleichwohl läuft meine Zeiss unbeirrt im Kameramodus weiter, und im Display erkenne ich die bisher vollzogene Übertragungsleistung zur stationären Festplatte.
Ich muss wohl für einen Moment eingenickt sein, denn erst am Monitor zu Hause sah ich wie sich cirka fünfzehn Stück undefinierbarer Tölen (von der Rasse her) unter der Wohnung Murphys versammelten, die sich wenig später um eine Handvoll Knochen balgten, die Murphy - mit nacktem Oberkörper und voll frisch rotem Bluts überall - aus einer Tüte vom Fenster auf den Hof schüttete. Ich sehe, wie die Köter sich bellend und jaulend um so was wie Gebeine (und auch einzeln dampfende Fleischstücke?) beißen. Wie der Sieger sich schnappt, was er tragen kann, um seine Beute dann unter Knurren mit eingekniffenem Schwanz und heiseren Gewinsel in Windeseile wegzuschleppen.
Direkt nach der Einstellung mit den Hunden zeigt mir der Film eine Sequenz mit Murphy auf, wie der im guten Anzug und Hut auf dem Kopf, dazu einen silbernen Metallkoffer in der Hand, eilig das Haus verlässt. Pressant (als könnte ich ihn in seinem Tun aufhalten) schalte ich auf Kameraeinstellung Straße um; sehe Murphy in ein wartendes Taxi steigen - von dem ich mir aus einem Einfall heraus das Kennzeichen notiere - und davon fahren.
*
Tagelang suche ich in den örtlichen Zeitungen zumindest einen Artikel wegen des verlorenen Babys. Doch nichts. Keine Schlagzeile. Kein Bericht im Fernsehen. Nirgends Zettel irgendwo. Kein ’WANTED’ in fett - außer für verlorene Schlüssel, Tiere und Geldbörsen - wohin ich auch sehe!
Wie bei Martin, wird auch hier nach dem Baby nicht gesucht. Scheinbar vermisst die Zwei niemand. Und ich staune fassungslos, in was für einer Gesellschaft ich mich bewege - in der Kinder verschwinden, aber offensichtlich von niemandem als abgängig gemeldet werden. Ich meine deswegen, dass ich mich eventuell an keinem realen Schauplatz sondern in den Träumen eines Filmregisseurs befinde, der mir zu Therapiezwecken eine andere Wirklichkeit zeigt. Der sein Wissen um jedwede mögliche Kriminalität, Brutalität und Ungerechtigkeit auf mich projiziert. Der mir meine Frage ’Warum kann ich nicht sein wie all die anderen?’ auf seine Art beantwortet. Der zu meinem Psychoanalytiker wird, mich durch meine eigenen Äußerungen und Taten packt, schlägt und ins Gewissen redet. Der mir Hass zeigt, Verachtung. Aber auch Liebe und Geduld. Und das tut er, in dem was ich tue - und beobachte - was andere tun; so ich zu dem von ihm gewollten Schluss kommen soll ’So verhält sich doch kein Mensch!’
Als ich das Kino verlasse, es ist schon dunkel - ich habe den Film zweimal gesehen und heule immer noch über mein Schicksal - stopfe ich das halb Dutzend tränennasser Tempotücher in den Abfallkorb an der Bushaltestelle. Dort dann in Kälte und Regen stehend merke ich erst nach cirka eine halben Stunde, dass der Bus um diese Uhrzeit nicht mehr fährt (verkehrt, sagt man mir auf meine telefonische Beschwerde am nächsten Tag). Und ich weiß nun, es ist Zeit für ein Auto.
Zu einen Stadtflitzer, der nicht viel trinkt, raten mir Franz und Hans von den anonymen Alkoholikern. Und das, mit dem nicht viel trinken, finde ich sehr sympathisch.
„Kannste bei einem Freund von mir kaufen“, sagt Hans, meine positiven Schwingungen in sich aufnehmend, „ ... der gibt dir Prozente - und die teilen wir uns dann ...!“
„Wie heißt denn der gute Mann?“
„Beckett!“
„Ah - ein Jude.“
„Wo du recht hast, hast du recht!“
„Und welche Marken vertreibt der?“
„Der handelt mit allen, - übers Internet, und billig!“
„Also Re-Importe?“
„Genau! Du hast selber Ahnung, was?“
„Nun - ja, übers Internet kann ich schon selber ...“
„Auch klar, wollte ja nur helfen!“
„Ein andermal wieder.“
„Gerne.“
Als Wiedergutmachung für den entgangenen Reibach diskutieren wir dann den Rest des Abends von seinem Vater, denn der war ein schrecklicher Mann und womöglich Schuld an der Sauferei von Hans. Worüber die Kommune allerdings strittig bleibt.
*
Seit eben kann ich Umwelt und Zeitgefühl hinter mir lassen.
Meine Heiligkeit, um in die absolut innerste Tiefe des Daseins zu steigen, funzt aber nicht über LSD, Pilze oder anderes Zeug. Nein, den Deal, um in mein unbewusstes Zentrum zu gelangen, mache ich über den PC. Genauer gesagt hat sich mir der Weg zu einem offenen Menschen zu werden erst vor wenigen Minuten durch eine im Auktionshaus e-Bay ersteigerte Software erschlossen, die man über eine progressive Druckereinstellung (geht aber nur über den Katschfondrucker des Szenegott Lukulla II) einrangiert.
Gut, das hört sich jetzt zwar kompliziert an, ist aber kleinkinderleicht, wie ich aus meiner frischen Erfahrung sagen kann.
Im zweiten Schritt dann, projiziert man sich, nach charmanter Aufforderung durch eine weibliche Stimme, den Softwareinhalt über die Scaneinstellung vom Lukulla II direkt aufs Auge - und erzeugt so eine (zwecks Schulungszweck erst indirekt) Unabhängigkeit von Raum und Zeit. Den fortgeschrittenen Nutzern steht danach in ganzer Bandbreite die generierte Vollkommunikation zum Gott der Mystiker offen. Doch soweit bin ich längst nicht, denn als ich mich nach einigem Nachfragen in mir für die Nutzung entschied, meine Auge in Scanfunktion brachte, am Druckersymbol auf ’Go’ drückte packte mich eine immanente innere Erschütterung die meinen Torso - wie von einem Helikopter gelupft - vom PC hinweg hob und mich Sekunden später - wie plötzlich von einem Seil geschnitten mit dem Ruf: da oben kannst du aber nicht bleiben - auf dem Balkon zwischen den Geranien abwarf.
Dort liegend hatte ich dann eine etwa achtstündige Sitzung mit mir selbst, für die ich nun und in aller persönlichen Offenheit Zeit benötige, um die aufzuarbeiten. Erfüllt habe ich aber sogleich die am Anfang des Symposium erhaltene Forderung des Lukulla II, ihm meine sämtlichen Aufzeichnungen zu überlassen. Und gerade der Bericht über Murphys Babyschlachtung fand sein besonderes Interesse, - auch lobte er mich dafür besonders.
Ich schätze Lukulla II könnte jener Neurowissenschaftler sein, der an der Doppelblind Studie (explizit genannt wird sein Selbstversuch im Journal of Psychopharmacology) mitarbeitet, und nun für den Nobelpreis vorgeschlagen ist.
*
Im Autohausbesitzer, der mich in seiner Eigenschaft als Verkäufer begrüßt, erkenne ich Kafka wieder; wir waren einst Nachbarskinder. Ein einziger Blick in sein Gesicht genügt mir, um zu sehen, dass die Deformation seiner rechten Wange gleich geblieben ist, auch wenn er insgesamt ein wenig voller wirkt. ’Halbbäckchen’ wurde er wegen dieser Missbildung einst von uns, seinen Spielkameraden, gerufen.
’Halbbäckchen’, benannt nach einer geburtsbedingten Entfernung des Jochbeins; wozu man sagt, ihre Möse wäre für seinen großen Kopf zu klein gewesen, so dass der Junge bei der endlos dauernden Geburt fast erstickt wäre, und so fort ...
’Halbbäckchen’ Kafka, der ohne Vater aufgewachsen - der von seiner Mutter Gabriele bis zu seinem Tod in eine inzestuöse Beziehung gezwungen lebte.
Kafka, der Gedichte schrieb und Tschechisch sprach. Tschechisch, um seinem Idol Franz Kafka nahe zu sein. Der nie eine Freundin hatte - aber einen Freund. Mit dem er in der Zeit der Pubertät umherzog, um Liebespaare in Autos zu beobachten. Wobei beide ihrerseits beim Onanieren beobachtet und von der Polizei gestellt wurden - und vom Polizeirevier von den Eltern abzuholen waren.
Jener, einst der Polizei bekannt gewordene Onanist Namens Siegfried Kafka, genannt ’Halbbäckchen’, der dabei war mir ein gebrauchtes Auto zu verkaufen - der knapp drei Monate später seine Mutter töten würde, indem er sie und sich, die mit ihm wie jeden Samstag Nachmittag baden wollte, um ihn wie gewohnt abzuseifen, um sich danach von seinem blitzblanken Pimmel penetrieren zu lassen und so weiter - mit einem bereit liegenden elektrisch betriebenen 40 cm Kunstglied, das er mitten im Akt in die Badewanne fallen ließ, umbrachte.
„Ein Passat“, nölt der lahmarschig, ohne mich anscheinend wieder zu erkennen, noch später meinen Namen zu wissen, „käme doch wohl Ihren Ansprüchen am Nächsten?“
„Meinen Ansprüchen? Ein VW Passat?“
„Genau!“ nimmt er wegen meines augenscheinlichen Interesses Fahrt auf, „ich habe gerade ein sehr gepflegtes Stück hereinbekommen!“
„Baujahr und Farbe?“
„Auf jeden Fall wird der Wagen Sie zufrieden stellen. Und über den Preis können wir natürlich auch reden ...“
„Über den Preis natürlich auch?“
„Selbstverständlich. Der Kunde ist bei uns ...“
„Einen Passat also - wegen der großen Ladefläche, was?“
„Ein sehr schönes Stück ...“
„Um etwas zu transportieren?“
„Einen halben Umzug können Sie damit problemlos bewerkstelligen!“
„Und zur Not darin schlafen?“
„Wenn Sie sich ein klein wenig beschränken ...“
„Na dann!“
Und ich freue mich mit ihm über seine Verkaufsprovision; ist sein äußeres Erscheinungsbild (von den Schuhen über den Anzug bis zur Krawatte) doch eher ärmlich zu nennen; getragen aber sauber ... wie man einst sagte, von der Socke bis zur Bahre ...
„Gut, hier ist die Anzahlung, den Wagen hole ich mir dann morgen. Und grüßen Sie aufs herzlichste ihre Mutter von mir.“
„Meine Mutter?“
„Ihre Mutter, die Gabriele, - oder lebt die nicht mehr?“
„Doch! Noch ja“, höre ich ihn, „noch ... ja!“
*
Am nächsten Tag abgeholt, die Übergabe des Passat erfolgte übrigens durch einen mir unbekannten jungen Verkäufer, der auf seinem Schreibtisch unter anderem ein Bild eines blonden Jungen von cirka acht Jahren stehen hat, ich bin seitdem vor Aufregung keine 500 Kilometer gefahren, lese ich cirka zwölf Wochen später in der Tageszeitung von Gabriele Kafkas und Siegfrieds Tod. Davon, dass sein Autohaus durch eine Explosion zerstört worden ist. Tenor: ’Der regional bekannte Autohändler Siegfried K. hat aus unbekannten, wohl persönlichen Gründen seine Mutter getötet, sich selber umgebracht und durch eine Gasexplosion, die mittels Zeitschalter und Tauchsieder geschaltet wurde, sein Autohaus komplett zerstört. Die Kriminalpolizei ermittelt!’
*
Erst als der Möbelwagen kommt, realisiere ich den Auszug der Nachbarin. Wie die frisch und hübsch, im eleganten Hosenanzug mit dem blonden Achtjährigen an der Hand, in ein wartendes Taxi steigt. Und ich weiß jetzt schon: deren Nähe wird mir fehlen. Doch nicht lange. Denn kaum ist der Möbelwagen weg, steigt ein Typ mit kahl rasiertem Schädel und Zigarre in der Hand von einem Damenfahrrad, an dessen Sattel durch eine Stange ein Wägelchen befestigt ist. Und wie der Kerl sich zum Wägelchen bückt, anscheinend was sucht, sehe ich unter dem aufgeknöpftem Hemd auf behaarter Brust eine Kette wie aus Fahrradspeichen gefertigt baumeln. Und schon weiß ich, woher bei dem der Wind weht und was bei ihm Tag und Nacht passieren wird. Und dazu benötige ich nicht mal das Glas von Zeiss.
Als der Mensch dann die Suche am Wägelchen beendet hat, den Rücken durchdrückt, zieht der an einer Zigarre und bläst Rauch in meine Richtung, als hätte er bemerkt wie ich ihn, immer noch hinter dem Fenster stehend, beobachte. Und richtig: keine Minute später geht die Türklingel.
„Junkie!“ stellt der Typ sich vor, „ ... und du bist?“
„Ich bin hier der Chefbetreuer!“ Und ich weiß gleich, dass er und ich keine Freunde werden können - und wie einsam ich mich ohne den blonden Nachbarsjungen fühlen werde.
„Chefbetreuer, ey, geil. Ich arbeite als Anstreicher in einem Drogenprojekt.“
„Immerhin ...“
„Das will ich sagen ...“, meint der, „ich war schließlich 22 Jahre auf der Rolle.“
„Auf was denn für einer Rolle?“
„Na - Junkie, wie der Name schon sagt.“
„Ach so! - Sagen Sie, haben Sie keine Möbel?“
„Jetzt habe ich nur den Schlafsack dabei. Den Rest liefert die Stiftung - und das alles pikobello, mit Schrank und Tisch und so.“
„Schrank und Tisch - aber kein Bett?“
„Bett kann ich nicht. Ich penn aufm Fußboden.“
„Immer?“
„Seit ich denken kann, Mann ... Ey, wollen wir nicht lieber DU sagen, wo wir doch nebeneinander wohnen?“
„Lieber nicht, dann kommen Sie nachher noch jeden Tag um sich Zucker, Kaffee, Teller, Gabeln und Messer auszuleihen.“
„Da ist was dran,“ lacht er.
Es ist zwar ansonsten ruhig im Haus, dennoch habe ich eine schlechte Nacht. Und wäre es anders, würde ich weinen. Und dann? Dann stehe ich am Fenster und blicke in den aufkommenden Morgen, nehme gedanklich das Tempo aus meinem Leben, bin frei, aber verloren - und mir kommt erstmals der Gedanke von hier wegzuziehen, - wären nicht Schule und Spielplatz in der Nähe.
„Ich glaube, ich kann gar nicht allein wohnen“, sagt Junkie kurz darauf an meinen Türrahmen gelehnt und zündet sich eine Zigarre an.
„Die Botschaft hör ich wohl ...“
„Was?“
*
Meine Libido ist am Tiefpunkt angelangt und so sehe ich mich gezwungen, mehr als nur einen Blick auf den Markt der Eitelkeiten - hinsichtlich des notwendigen Erwerbs von Testosteron - zu werfen. Denn nur Befriedigung von Schlüsselloch- Fantasien hoch in der Luft und weit über den Wolken zu suchen, bringt auf Dauer auch kein Vergnügen. Um zu einem baldigen Ergebnis zu kommen, schlage ich deshalb auch in meinen Aufzeichnungen nach. Und richtig, ich finde die gesuchte Passage unter ’Du musst dein Leben ändern! - Ja, ich werde versuchen, ein neues Leben zu beginnen!’ Und dieser Forscher - ich nenne ihn Gott, der auch unter dem Pseudonym Lukulla II bekannt ist - entwickelte dazu eine einzigartige Methode, bei der er anhand von Hirnströmen Kinderschänder erkennen konnte. Also angeblich Typen wie mich. Lukulla II tat also folgendes: der zeigte mir von nackten Kindern und Erwachsenen Fotos - und zeichnetet, während ich die Fotos ansah, meine Hirnaktivität auf - mit dem Ergebnis, dass bei mir andere Regionen im Gehirn angesprochen werden als bei normalen Menschen. Auch deshalb war der mit 95 % Sicherheit überzeugt, mich als pädophil erkannt zu haben. Doch ich fragte mich, was der ganze Scheiß eigentlich sollte ... und wem das was brachte. Denn ich bin ich und des Pudels Kern ist ein ganz anderer.
Zum Beispiel wurde des Masters Sex nur im SFG- Format erstellt. Und es blieb deswegen auch dem von mir geführten Heuräka- Entertainment nicht erspart, auf die zweitausender Bluesrain aus der Doppelmasterreihe zurückzugreifen. So musste vom HD- D55- Kriterium extra eine eigenes Set im 2- twentyfive Format erstellt werden das dann, um vom restlichen Geld zu retten was zu retten war, im Jahr 2007 als Bookrest in den Handel kam. Zudem wurden - laut Bookrest - von der Firma Master of Cine keine Reinkarnationsarbeiten am Film mehr durchgeführt, so dass der Ton komplett verschlammte. Lächerlich auch, dass das Bild zu hell ausgefallen und überhaupt nicht stimmig rüber kam. Dass die schwarzen Gammastreifen mit den grauen Kontrastwerten nicht überein passten und lange nicht das bieten konnten, was Standard war und Master Future ursprünglich zu bieten hatte. Und dann noch - wegen dem Jugendschutz - die Klebestreifen auf den kleinen rosa Pimmeln; einfach nur zum Kotzen ...
Am Ende hatte ich mich zum Misanthropen gewandelt. Saß auf einer Felsklippe und beobachtete das schäumende Meer, - erschlafft in der Glückseligkeit einer anderen Art.
Ja, mit mir als Hauptperson wird nie mehr ein Kinderporno gedreht, hatte ich mir seinerzeit geschworen. Und jetzt? Testosteron - damit alles wieder auf Anfang kommt? Mal ehrlich: bin ich ein solcher Idiot?
*
Da ich nicht wie andere Menschen zum Geld holen zur Bank gehe, jedenfalls nicht, wenn ich ein größere Summe benötige, sondern in einen Wald der Umgebung von Berlin - ich will jetzt nicht noch deutlicher werden und einen neuen Goldrausch auslösen - sind solche Tage besonders zu planen. Und nicht nur deshalb bin ich immer noch im Zweifel, ob ich damals nicht lieber hätte Diamanten ...? Auch war mir über die Jahre diese ungeheure Angst ständiger Begleiter. Nämlich die, zwischen Therapie, Mahlzeiten und den regelmäßig zu schluckenden Tabletten zu vergessen, wo ich die Beute versteckt habe. Denn so ein Körper wie meiner hat Leberprobleme, HIV, Krebs oder anderen Scheiß und der Geist leidet über die Jahre so schon genug unter Vergesslichkeit. Doch nun, von durch Testosteron geschwängertem Selbstvertrauen, muss ich nur eins tun, mich vergewissern dass mir morgen niemand zum Geldversteck folgt. Und das werde ich, - mich vergewissern!
*
Mit dem Schreiben bin ich auch nicht wesentlich weitergekommen. Ich blättere deswegen in meinen Unterlagen, die ich seinerzeit in der Anstalt auch dem Therapeuten, Doktor Schütz II, dem Bruder von Doktor Schütz I, meinem Gutachter, zu lesen gab. Und mich macht jetzt noch sein erst skeptisches Gesicht, das sich nach längerem Lesen als Verständnis, dann in Bewunderung über meine Wesensänderung, wie er meinte, verwandelte, fröhlich. Dabei las der (verklausuliert) über meine komplette Tat - ja, mit allen Details - und auch, wo ich das Lösegeld versteckt habe - und wo mein Opfer - das bis heute nicht gefunden wurde; obwohl der mich vernehmende leitende Kriminalrat der Mordkommission mir nach dem Leben trachtete ... denn der stand plötzlich mit einem Baseballschläger vor mir und schrie, ich sollte SOFORT sagen wo J. sei, sonst ... Doch ich konnte dazu keinerlei Angaben machen. Ich wusste es nicht!
Wie der später dazu vor Gericht aussagte hatte er mich deshalb gefoltert, weil er Sorge hatte, ob mein (angebliches) Opfer, es handelte sich dabei um J., einen achtjährigen Millionärssohn, der mir aus Zufall über den Weg lief, noch leben würde. Doch was soll’s, ich habe ihm verziehen. Schließlich blieb mir das Geld - und er wurde aus dem Dienst entlassen.
*
Ich betrachte das Geld als mein Eigentum, obwohl ich es gefunden habe - und letztlich dafür (aber nicht deswegen) verurteilt wurde. Dennoch, normalerweise hätte das Gericht mich (lediglich) wegen Fundunterschlagung verurteilen können. Doch die holten das große Besteck raus (Schwurgericht) - und diese fünf Menschen brachten mir die Hölle der Jahre, weil auch meine Revision gegen ihr Urteil verworfen wurde, - meine Gnadengesuche jeden Weihnachten. Und es war ein Menge an Weihnachten ...
Zum Glück, oder war es Vorsehung (?), hatte ich das Geld in zwei Metallkoffern verschlossen vergraben. Obwohl Schlüssel ja albern sind bei Koffern, die einen halben Meter tief in der Erde liegen. Mich hat das aber beruhigt - und so trug ich die Schlüssel die ganzen Jahre in einem Stöpsel im Darm (und mein Darm war ja seit Suse schon frühkindlich einiges gewöhnt, dem machte der Stöpsel nichts ...) so wie weiland Papillon seine Wertsache vor den Schergen versteckt hielt. Papillon - mein Idol. Und genau so einen Schmetterling habe ich mir schon im ersten Jahr meiner Haft auf die Brust tätowieren lassen. Obwohl das Erkennungsdienstlich in Zukunft einen eindeutigen Fingerzeig darstellt, - doch mich hat die Idee von Freiheit begeistert, über die wohl jeder eingesperrte Mensch nachsinnt. Und ob ich jeweils in meinem Leben noch mal erkennungsdienstlich behandelt werde, steht in den Sternen. Und die lassen sich mit Geld vielerorts in der Welt unproblematisch kaufen, weswegen ich erwäge Deutschland irgendwann zu verlassen. Doch wer weiß ...
*
Die Anschrift von Dr. Schütz II finde ich problemlos online im örtlichen Telefonbuch und fahre sogleich hin. Parke meinen Wagen an der nächsten Ecke. Stehe wenig später vor seinem Haus. Drücke unter dem schlichten Namensschild ’Doktor Schütz II, Gutachter’ auf einen Klingelknopf aus Messing - und höre im Haus so was wie einen Hirsch röhren. Auf mein erneutes klingeln röhrt es wiederum, nur näher, - und im gleichen Moment öffnet Dr. Schütz II (persönlich), was ich nicht mehr unbedingt erwarte habe, die Tür. Ihm zur Seite steht im Türrahmen ein kniehoher, Blut sabbernder Bullterrier auf drei Beinen, an dem ich zwei wedelnde Stummelschwänze bemerke; ich sehe so etwas sofort - wie auch das, dass der Dr. Schütz II angetrunken ist und wie nach einem eben erlebtem Erdbeben (leicht) schwankt.
„Was wollen Sie?“ fragt mich der Kerl mehr schlecht als recht an - und auch sein Erschrecken über meinen komplett weißen Ganzkörperanzug hält sich in Grenzen, - was ich seinem bedauerlichen Zustand zuschreibe. Doch bevor ich ihm irgendetwas blödes antworte, ziehe ich Schutzbrille und Stulpenhandschuhe fest, löse das Ausbeinmesser vom Gurt und stoße mit aller Kraft zu. Der Hund fällt ohne einen Ton von sich zu geben um. Dann ist Dr. Schütz II dran.
„Na du Fäkalritter - saust dir die Muffe?“ frage ich.
„Gehen Sie mir aus den Augen, wer immer Sie sind. Und das mit dem Hund - wird ein Nachspiel haben - oder sind Sie etwa der Tierarzt?“
„Wieso Tierarzt?“
„Bobby ist unheilbar krank -, Leberkrebs! Und mein Frau rief deswegen heute Morgen den ... “
„Das tut mir aber leid!“
„Also“, schaltet der auf seinen Zustand bemessen schnell, „da Sie ja augenscheinlich nicht der Tierarzt sind - was kann ich für Sie tun?“
Als ich ’ich will ...’ sage, bemerke ich in einer Sekunde der Hochkonzentration wie Dr. Schütz II mich ansprayt, - direkt in meine Augen. Dass es darin brennt wie Hölle und ich laut schreiend zu Boden gehe.
Mein Dasein hat etwas kalligraphisches, anekdotisches. Ich sehe dunkle Schatten und grelle Farben, Schraffuren, feine Maserungen - wie auf Blättern, und wie sich eine mir unbekannte Zeit in den Raum wölbt. Ich sehe mich aus der Himmelsperspektive. Wie ich krumm da liege - und sich etwas gezacktes, weiches, verschlungenes oder stachelig Kantiges in mir Raum bricht. Dann, dass etwas Spitzes blitzend auf mich einstößt - und wie ich es zurückstoße. Vergebens. Erschöpft doch schmerzfrei gleite ich in ein schwarzes Quadrat - und bin tot. Doch Loch zu sein, wo keine Löcher sind ist nicht mein Verdienst, es ist ein Nachbild der Wirklichkeit. Ein Echoraum. Und damit hat er mich schon wieder, der Doktor Schütz II, - dieser Gutachter seiner selbst.
„Wachen Sie auf, Mann!“ brüllt der mir ins Ohr.
„Ey, wachen Sie endlich auf ...!
Doch ich will nicht. Nicht so! Ich komme erst zurück, wenn da - wo ich bin - zugesperrt wird. Und schon ist’s aus mit der Chronologie. Bin ich wieder in der zirkulären Bewegung der Erinnerung. Habe Kopfschmerzen zu beklagen - und sehe in einem weißen Fach aus Styropor ein dicke Frau sitzen und Bier trinken. In dem da neben einen Typ mit Stirnband um den Schädel mit ’I love Heroin’, der augenscheinlich auf einen Schuss wartet, oder Methadon. Wer weiß das schon. Darüber frustriert gehe ich zum Billard in der Ecke und fetzte das Tuch vom Tisch. Dann wird es dunkel und ich kann das Andy- Warhol- Bild nicht mehr erkennen, - müsste Elvis drauf sein; bin mir aber wegen der hängenden Augenlider nicht sicher.
In Woodstock würde es jetzt vier Uhr nachts sein. Doch für mich wäre das ein Rückschritt. Denn dann würde ich sicherlich noch schlafen und von blonden achtjährigen Jungs träumen, wie manch andere von Opium. Würde schwitzen und zittern - wie im Entzug.
Eine unsichtbare Hand schiebt mich morgens, mittags, nachmittags, abends und nachts zu einem Medikamentschrank. Fünf Pillen muss ich dann jedes Mal nehmen - und Asthmaspray, damit die Geister aufhören in meiner Seele zu wühlen, höre ich Doktor Schütz II flüstern.
Als ich dann irgendwann sein Haus verlassen kann ’Ich bin sehr stolz auf Sie’, begleiten mich seine guten Wünsche. Die halten mich in einem weißen Plastikbecher gefangen, als wäre ich Wasser.
Zu Hause, im Sessel sitzend, komme ich mir trotz der nicht unbequemen Sitzposition vor wie 90 - auch der Zigarettengestank an meinen Klamotten stört mich. Außerdem müsste das Loch in meiner Hose geflickt werden. Dennoch schalte ich den Fernseher aus - und gehe ins Bett, mir sicher, dass mein Leben auch durch regelmäßiges Essen, Trinken, Schlafen und eine geflickte - oder meinetwegen auch neue Hose - nicht mehr zu retten ist.
*
Ich vermisse Teile meiner Aufzeichnungen - und habe meinen Agenten in Verdacht. Frage mich, ob der während meiner Abwesendheit heimlich in meiner Wohnung gewesen sei? Den Schlüssel dazu hat der ja seit meiner Inhaftierung ...
Um Klarheit zu erlangen rufe ich ihn deswegen an.
„Büro Literaturagentur Karl Schmieder.“
„Herrn Schmieder bitte.“
„Herr Schmieder ist auf der Buchmesse!“
„Welcher?“
„Na - auf der in Frankfurt!“
„Frankfurt am Main?“
„Gibt es noch ein anderes?“
„Ja!“
„Aber da ist er nicht!“
„Und wann ist er zurück?“
„Wenn die Messe zu Ende ist.“
„Und wann ist das?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Können Sie nicht ...“
„Nein.“
„Aber Sie wissen schon, wer ich bin?“
„Sie sind der Kinder...“
„Sagen Sie jetzt nichts falsches, sonst komme ich Sie mir holen!“
„Schon recht, Herr ...“
„Sie können mir aber sagen, ob er mein Manuskript dabei hat?“
„Das über den Kindermörder?“
„Welches sonst?“
„Nun, wir haben hier so einiges von Ihnen vorliegen. Zum Beispiel ’Horrors Einsamkeit’, oder ’Werthers Räuber im Schillerpark’.“
Und sogleich fällt mir ein, was ich in der Zeit meiner Isolation so alles geschrieben habe ...
„Also hat er - oder nicht?“
„Den Kindermörder jedenfalls nicht!“
„Warum nicht?“
„Er sagte, Sie schreiben noch daran?“
„Stimmt! Okay - dann geben Sie mir seine neue Handynummer, die habe ich nämlich noch nicht.“
„Die darf ich aber nicht!“
„Hören Sie - wollen Sie mich verarschen? Schmieder ist schließlich mein Agent!“
„Trotzdem!“
„Gut - wenn Sie nicht anders wollen ... mache ich mich eben auf den Weg zu Ihnen!“
Prompt sehe ich die mir seit Jahren bekannte Zicke (die auch im Büro ständig Hut trägt) vor mir. Bei dem Filz handelt sich übrigens um ein graues Westernteil mit überbreiter Krempe, dass sie wohl nicht mal (mehr) zum Duschen abnimmt, weshalb ihr halblanges blondes Haar fettig erscheint.
An einem speckigen Lederband um den mageren Hals hängt als Krönung ein riesiger Bernstein - mit einem Dinosaurierbaby darin, dessen Gesamtkonstrukt ihr den Kopf Richtung Brust zieht. Und diese Titten sind längst auch schon ein lappiges Teil, oder zwei ... Zudem steckt sie jahrein jahraus ihre Füße in Cowboystiefel aus imitierten Schlangenleder, die ein ewiges Weihnachtsgeschenk von Schmieder sind, der ihr Vater ist, mit dem sie, seit sie zehn ist, eine inzestuöse Beziehung unterhält, wie sie mir einst unter Tränen erzählte. Auch sehe ich ihr Gebiss (in strahlendem Weiß). Und wie das auf der Messe damals (nach dem dritten Sekt) beim Sprechen wie von selber klapperte und ich sie deswegen nicht bumsen konnte, obwohl ihr Knabenkörper gepaart mit ihrem Intellekt mich schon reizte. Mona Penny, eine geborene Schmieder ... In deren Büro James Bond unternehmungslustig seinen Hut auf den Kleiderständer wirft, zu mehr aber nie bereit scheint. Ja, ich kenne alle seine Filme. Und manche sah ich mir wegen dieser Szene sogar mehrmals an.
„Ich erwarte Sie, James“, flüstert die Schnalle heiser vor Aufregung. Und mir wird bewusst, wie flink ihre Finger bei der Arbeit sind ... und lege kommentarlos den Hörer auf.
*
Nichts ist Zufall. Auch nicht, dass ich aus dem Fenster blicke und sehe wie Moran seine Tochter durch die Küche jagt. Er nackt. Sie ein geblümtes Handtuch um ihre jugendlich, zarten Hüften. Ein Moran in Rage, dessen erigierter Penis beim Laufen schaukelt wie eine Brücke bei schwerem Sturm. Seine Tochter mit aufgerichteten Brustwarzen, steif wie der Eifelturm - wie ich beobachten kann, als ich endlich das Objektiv justiert habe und filme was das Zeug hält; und auch den nackten Schulze in den Fokus bekomme, der das Logo ’Garber’ auf den Rücken tätowiert hat, dessen Glied schlaff hängt, als ob es schon die weiße Flagge hisst. Doch nicht meins! Mein Ding steht wie eine Eins. Ein angstfreies Gerät in vielen Schlachten erprobt.
Und während Moran weiter hinter seiner Tochter herhechtet, immer rund um den Küchentisch, ihr das Handtuch vom Leib reißt, das sich Schulze/Gaber sogleich um den feisten Bauch wickelt, richte ich für Sekunden die Kamera auf mein Genital ... zum Beweis - sozusagen ... Denn wenn Moran mit dem Geld kommt, will er im Gegenzug auch was von mir sehen. Also filme ich weiter, denn ich will und werde keinem anderen jemals das Feld überlassen. Denn Filmen ist mein Medium, an dem ich mich berauschen kann ohne aufzufallen. Und wenn ich die Filme dann ins Netz stelle, verhindert das meine Verarmung. Auch dass ich verhungere. Ja, - ich habe Pläne, sterbe für soziale Sicherheit, eine schicke Eigentumswohnung in einer Nobelgegend, will reisen. Vor allem aber raus aus dem Loch hier, diesem unrestaurierten Nachlass eines Bombenangriffes islamitischer Terroristen. Will weit weg von zerschlagenen Knochen, den Vergewaltigungen, Morden, dem Blut überall ... träume vom ganz normalen Fressen, Ficken, Saufen und Rauchen - genau wie alle anderen es tun. Denn so was ist und bleibt nämlich ein guter Job - jawohl. Das ist zwar nur eine Abwandlung von Verlaines ’Qu'as tu fait de ta jeunesse?’ - und schon lange her, doch es schwimmt mit der Zeit und ist heute noch so neu wie gestern.
Ich filme, wie der fette Schulze/Gaber Morans Tochter auf den Küchentisch nagelt und an beiden Armen festhält. Wie er sie auf den Mund küsst. Moran zwischen ihre gespreizte Schenkel tritt, mit einem Finger - dann mit der ganzen Hand vorfühlt, um urplötzlich mit einem gewaltigen Stoß in sie einzureiten, als wolle er den Kölner Dom zu Fall bringen. Ich filme, wie das Mädchen daliegt, das sie ein Kind in einer Frau ist. Das sie eine Frau als Kind ist. Das der Mann, der in ihr steckt, ihr Kind ist. Ihr Bruder, ihr Sohn, eine Schwester, deren Mörder. Das ein Jemand auf einem Küchenschemel sitzt und weint, während die Orgie weitergeht.
’Was passiert, wenn ich in dem Augenblick sterbe?’ ist meine Frage, als es mir kommt.
’Könnte ich, würde dir dann endlich so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren’, erwidert Gott.
Doch nichts derartiges passiert, lediglich der Abt und der Schulleiter treten zurück - und Moran klingelt bei mir Sturm„ .. alles drauf, mein Freund? Auch du, beim Spritzen...?“, und gibt mir, als ich nicke wie ein Wackeldackel auf der Hutablage, den Umschlag mit dem Geld.
*
Ich stehe auf der Straße. Hinterher wusste ich nicht mal mehr wohin ich wollte, als durch ein Loch im Himmel Kraniche stürzten. Mindestens einer direkt auf meinen Kopf.
’Das Auto fuhr viel zu schnell’, sollen sich Leute geäußert haben, die den Unfall beobachtet haben. Nur ich kann nichts sagen, weil ich keinen Beweis habe, - das nämlich Gaber am Steuer saß. Ich sehe im Traum seine grinsende Visage vor mir ...
’Zweifelsfrei ein Opel Vectra’, stellt die Polizei anhand der Spuren ’diverse Lacksplitter und rechter Außenspiegel’ fest. Allerdings kann mich das nicht beruhigen. Schon überhaupt nicht deren These ’Wir gehen von einem Mordversuch aus ...’
’Wer sollte mich denn ...?’
’Wir sind nicht dumm, Herr Kindermann, wir wissen um ihr Vorleben!’
’Sexualverkehr in allen Varianten’, steht in meiner Akte - ich weiß. Und von Schlägen. Mit der flachen Hand. Und vom Einführen einer vollen Colaflasche. Oralverkehr im städtischen Schwimmbad mit einem Vierzehnjährigen. Dem systematischen misshandeln und missbrauchen von Schutzbefohlenen. Nur über Schweißausbrüche bis heute steht da nichts. Der Furcht vor Küssen. Den zig Zusammenbrüchen. Zweifeln und Selbsthass. Dem Willkommen in der Idiotie der Psychiatrie, - weil die Seele nicht schweigt. Die meine Seele ist! Und doch, aus dem Krankenzimmer sehe ich direkt auf einen Kinderspielplatz. Ich muss dazu lediglich das Kopfteil vom Bett höher stellen - und das geht vollautomatisch; ich muss nur aus dem Koma raus. Eine meiner leichteren Übungen ... Der Rest schweigt, wie ein schlechtes Buch, das der Wärter vor der Tür liest, den die Polizei zu meinem Schutz dort postiert hat. Und weil die Tür nur angelehnt ist, verstehe ich jedes Wort von dem was er liest und was sich die Leute über mich erzählen. Und beginne mich zu fürchten. Und dann auch wieder nicht.
Denn an irgendetwas glaubt jeder Mensch, auch ich. Zum Beispiel daran das man, wenn man sich tot stellt, überleben kann. Und es hat (biologisch) funktioniert. Also werden von mir wieder Pläne gemacht, und so weit wie nötig Vorschriften eingehalten. Erst noch im Krankenhaus, eingegipst bis zum Hals. Dann zu Hause. Mit Schienen und Drähten fixiert, aber geh- und lernfähig - um zu lernen, dass ich, um endgültig Frieden zu finden, Gaber erledigen muss. Eigentlich ein Kinderspiel. Und mit Kinderspielen kenne ich mich aus, wie kaum jemand.
*
Seit Junkies Stippvisite als Mieter, steht die Wohnung nebenan leer. Und bis auf ein paar Aktivitäten durch Handwerker, störte mich nichts. Außerdem konnte ich in einem günstigen Moment, der Maler vergaß eines Feierabends abzuschließen, komplett die Wohnung verwanzen. Überdies installierte ich drei Minikameras. Eine im Deckenstuck vom Wohnzimmer. Eine im Wandstrahler vom Flur. Die dritte über dem Duschkopf im Bad. Eine Aktion, die keine zwei Stunden dauerte. Länger saß ich dort auf dem Klo. Badete. Onanierte in der Wanne. Las am Küchenfenster Zeitung. Schlief im Wohnzimmer, in eine Ecke gelehnt. Träumte. Fühlte mich wie zu Hause. Zwecks Kamerafunktionstest, habe ich mir am nächsten Tag im Zooladen drei Straßen weiter eine Ratte besorgt.
’Solche Tierchen sind sehr sauber und werden ihrem schlechten Ruf nicht gerecht’, erklärte mir der freundliche Tierhändler. Und was die fressen würden - und wie viele Liebe die benötigten.
’Deshalb sollten Sie zwei nehmen ...’
’Zwei? Hören Sie, ich muss mit meiner Einsamkeit auch alleine klar kommen, guter Mann!’
’Ich gebe Ihnen die zweite kostenlos dazu.’
’Was nichts kostet, ist auch nichts wert!’
’Mein Angebot steht trotzdem ...’
’Kein Bedarf.’
’Übrigens, das Tierchen heißt Egon!’ sagt er mir beim Rausgehen.
Scheiß drauf. Scheiß auf Egon! Sorgen haben die Leute ...
Egon schob ich durch die Briefklappe in die Nachbarwohnung. Was mir allerdings erst gelang, nachdem ich dem Tierchen drei Tage Fasten verordnet hatte, weil sein Bodymaßindex nicht passte. Doch auch schlank und von mir mit Gleitcreme eingeschmiert hinterließ Tier Egon Fellreste an der Briefklappe. Jedenfalls hatte ich aber ab dann was in der Nachbarwohnung zu beobachten - und konnte mich auf den Ernstfall praktisch einschießen. Zum Beispiel die Kameras auf meinen PC und das TV Gerät programmieren.
Was ich dabei unverzeihlicher Weise versäumte, dass mir ein Unbekannter die Reifen vom Passat zerstach. Und auch meine Außenaufzeichnungen gaben dazu wenig her. Einzig, das der vermummte Aktivist eine gewisse körperliche Ähnlichkeit mit Gaber aufwies. Wie auch sein Bewegungen in Aktion. Das Unbeholfene - dieses scheiß Typen. Mann, ich könnte so was von ausrasten. Aber mal im Ernst, die Sache Problembär Gaber drängt sich mir förmlich auf. Und bald kann ich nicht mehr anders.
*
Als ob ich es gewusst habe: Nebenan zieht ein junges Mädchen ein, das ein junger Mann sein könnte. Und keine fünf Minuten später fliegt Ratte Egon aus dem Fenster. Das Mädchen ist um die 1,80. Mager. Fast schon Ana. Hat kurze, blonde Haare. Trägt Piercing in Ohr und Nase. Eine bunte Minitätowierung am Halsansatz. Könnte ein Frosch im Sonnenuntergang sein -, mehr gibt die Kamera dazu nicht her; immerhin. Lange Arme. Flacher Busen. Ebensolcher Bauch. Schmale Hüfte. Unausgeprägter Po. Überlange Beine - knochige Knie. Sehr knochige sogar. Die großen Füße (43?) in Boots (43?). Der gesamte Typ still, irgendwie. Still.
Mit ihr zieht eine Matratze ein. Noch original verpackt. 2,20 x 1,80. Eine überschaubare Anzahl Umzugskisten. 8 Stück. Ein Kasten Mineralwasser. Ein nackter Stachelkaktus. Wirkt alles sehr aufgeräumt. Denn die Umzugskisten bleiben zu. Am Wasser wird genippt. Die Flasche verschraubt und gleich wieder in den Kasten gestellt. Nur der Kaktus kommt ans Fenster. Motto: nur nicht auffallen, nicht zum Feind werden. Und es hat funktioniert. Denn sie sieht nicht nur nicht so aus wie ein Punk aussieht, wie ein Vergeuder, wie die Jugend heute. Sie sieht aus, als ob sie biologisch isst, im Bett Pulswärmer trägt, nicht raucht, wenig trinkt, beim Sex selbst kontrolliert mit sich selber beschäftigt ist.
Später kann ich feststellen, und ich muss zugeben ich bin sichtlich überrascht, dass sie direkt aus einer Einrichtung für Schwerstabhängige kommt - und jeden Morgen ins Gesundheitsamt zur Einnahme von Methadon läuft und dort von Dr. Schütz I betreut wird. Mittags und Abends auch. Dass sie grell weiße Zähne hat, die ein Gebiss sind (das Abends im Wasserglas landet) und das deshalb so zum Wehtun weiß ist. Und dass sie einen auffällig goldenen Ring in der Vorhaut trägt. Und sie das deswegen kann, das mit dem Ring, weil sie zum Teil (auch) ein Mann ist. Ein Zwitter. Ihr Schwanz also eine Klitoris sein könnte. Oder ihre Klitoris ein Schwanz. Und sie ein Mann ist. Oder eine Frau ... Wenn sie will, wie er will, was sie will.
Schon zwei Tage später verfüge ich über eine erkleckliche Anzahl von Fotos, die ich mit dem Programm Sunschein/Bild am PC bearbeite, vor allem den Unterleib in künstlerische Form bringe - die ich erwäge im Forum Intersexualität zwecks Tausch anzubieten.
Was mir seit ihrem Einzug unangenehm auffällt, ist dieses rhythmische Klopfen. Als schlüge jemand ununterbrochen mit einem Hämmerchen gegen ein Metallrohr. Doch zwei Tage später kann ich (mir) das als meinen Herzschlag bestätigen. Unglaublich oder? Und ich hatte schon den perversen Gaber im Gefolge des Kinderschänders Moran in Verdacht.
*
In der Nacht höre ich Sirenen - die Feuerwehr? Und Schreie. Später dann Stimmen. Die schwächer werden. Klappende Türen. Motorengeräusche. Bis endlich Ruhe eintritt. Als ich in der ersten Morgendämmerung nach einem Glas Wasser gehe, aus dem Küchenfenster sehe, glühen Teile der Autos noch, scheint mir. Errate ich Anhand der Umrisse den Jeep Grand Cherokee von Moran, dem Kapitalistenschwein. Gabers antiken Alpha Spider Cabrio.
Und einen Verdächtigen gibt es laut Polizei auch schon. Einen Menschen, in einem blauen Müllsack. Und wer den kennt, fragen die Polizisten sich durchs Haus. Auch mich.
’Einen blauen Müllsack?’, muss ich lachen.
’Ja!’
’Nein, meine sind grau ...’
’Und Grillanzünder? Besitzen Sie Grillanzünder?’
’Auch nicht. Ich grille nie!’
’Sie grillen nie?’
’Wie ich schon sagte: Nie! Doch Gaber grillt. Und Moran. Jeden Samstag Nachmittag - im Tiergarten.’
’Was Sie nicht sagen.’
’Spricht einiges für Versicherungsbetrug, was?’
’Nein, für Mord ... Wir haben Leichenteile im Kofferraum vom Jeep gefunden!’
’Das ist ja schrecklich ... Und, weiß man schon was über deren Identität?’
’Nichts - nein!’
’Schade.’
’Wir kommen in der Sache aber noch Mal auf Sie zu!’
’Bitte, gerne. Jeder Zeit.’
*
A. Alice steht mittlerweile an der Wohnungstür der Nachbarin, nicht Annie Lennox. Und ich sehe sie im Traum mit dem weißen Kaninchen sprechen.
Wie sie durch den Raum mit den vielen Türen irrt, - den Schlüssel suchend. Ein Buch unter dem Arm trägt (Meine Aufzeichnungen! Herr im Himmel!) und immer kleiner wird. Kleiner. Kleiner ... Sehe, wie eine Katze grinsend den Kopf abnimmt, - ein dahergelaufener Igel zum Ball wird, ein Flamingo zum Tennisschläger. Das ich schreiend erwache, als der Hutmacher an meinem Bett rüttelt wie irre. Und, dass Ratte Egon neben mir liegt, sagt ’Ich bin nicht tot ...’ Braune Augen hat. Dunkle Haare. Ein schmales Gesicht. Magersüchtig ist. Und mit mir nach Japan reisen möchte, weil es dort märchenhafte Elfen, Engel, Feen und Libellen aller Art gibt. Glöckchen. Peter Pan. Das eine gewisse Leichtigkeit zu leben die Eingeborenen dort auszeichnet, - die mich auf der Stelle ins Bad zwingt (um mein schlechtes Gewissen ins Klo zu kotzen) bis es rosa Feen regnet. Und mit denen meine Probleme; - diese scheiß Computerspiele. Matrix. Und - dass ich damit sofort aufhören muss. Verdammt!
*
„Das Töten ist die Sucht, die Sie aufgeben müssen ..." höre ich Doktor Schütz I. Doch der Tod ist unwiderruflich da, verspricht viel - und macht manisch. Und nicht nur mich. Der verbreitet sich im Web wie Grippe. Hat inzwischen Millionen von Fans. Denn der Tod ist kein Mensch, sondern Schöpferkraft. Er hat keinen Ort und keine Zeit. Er kennt nur ein Ziel, bevor es soweit ist einem den Rest an Seele herauszuquetschen. Und - ja, ich bin bereit. Und sowieso ist irgendetwas anders geworden. Leichtigkeit und Eleganz, als wäre Frühling. Ein schönes Wort für die Krankheit Leben. Doch ich weiß, es ist wegen Ana Alice. Und Anorexia Nervosa. Der Magersucht. An der sie offensichtlich leidet - und ich gleich mit, weil ich Ana mag (was sie allerdings nicht weiß; auch hat sie mich noch nie gesehen, glaube ich). Unnahbar. Ja, so ist sie. Schlank. Androgyn. Reizvoll. Und ich kann ihr beim Kalorienzählen zusehen. Wenn sie isst - wie ein Vögelchen. Sich den Finger in den Hals steckt. Würgt. Vor der Kloschüssel auf die Knie geht. Ich sehe ihr auch beim Duschen zu. Wie sie vor Schwäche fast umfällt, den Duschvorhang dabei runterreißt, - wie ihr die Beckenknochen hervorstehen. Der Busen lediglich noch aus Haut besteht. Schon die Oberschenkel wie Streichhölzer und Gummipelle daran. Dass ich ab nun ihr Gewissen bin, für sie koche. Nur vom Feinsten, versteht sich. Und es ihr vor die Tür stelle. Klingele und weglaufe - als wäre es ein Jungenstreich. Ist es aber nicht. Ich habe mich, ganz gegen meine früheren Bedürfen, in sie verguckt. In das Versprechen einer hauchzarten Libelle. Die essen als Charakterschwäche ansieht. Und mich sicher auch, wenn sie herausbekommt, dass ich ihr täglicher Essensspender bin. Das sie aber bisher - und fast unbesehen - immer ins Klo geschüttet hat. Doch ich bin darüber nicht sauer. Ich bin sogar so kitschig, bei dem besagten Tierhändler eine Katze zu erstehen - um die ihr zu schenken.
„Wo ist denn die Ratte?“, fragt der.
„Ich habe Sir Egon die Freiheit geschenkt.“
„Sie haben ihn ausgesetzt?“
„Ja - aber in die Freiheit!“
„Wie soll er denn da überleben. Haben Sie das mal bedacht, Sie Unhold?“
„Halten Sie mal die Luft ... Egon lebt bei mir auf dem Hof - und bekommt regelmäßig Fressen und Saufen!“
„Essen und trinken, wollten Sie sicherlich sagen?“
„Wenn Sie es sagen; was ist nun mit der Katze?“
„Eine aus dem oberen Preissegment?“
„ ... wenn ich dann bitten darf.“
„Eine Siam - als Hauskatze?“
„Genau die. Und treu muss sie sein!“
„Katzen sind nur sich selber treu. Wenn Sie was treues brauchen, sollten Sie einen Hund kaufen ...!“
„Meine Güte - packen Sie die Katze doch endlich ein.“
„Mit Korb?“
„Ja - klar; oder denken Sie, ich will die gleich hier essen?“
„Sie scheinen ein ziemlich rabiater Mensch zu sein; ich muss mich doch sehr wundern.“
(...)
„Also, was ist nun?“
„Mit Korb dann!“
*
Am 29. Oktober hat mein Vater Geburtstag. Jedes Jahr. Und deswegen befinde ich mich - seit ich denken kann - in ärztlicher Behandlung.
Bei Doktor Schütz im Flur begegnet mir Ana (nicht zufällig, wie ich gestehe; nein, ich kenne ihren Terminplan und habe meinen heutigen Termin beim Doktor zeitlich danach ausgerichtet). Sie erkennt mich aber nicht. Wie auch? Noch kann ich ihr sagen, dass ich sie mit meiner Kamera täglich bis in ihre schnuckelige Möse hinein verfolge. Dass ich mich an ihrem Hintern auskenne. Ihr Busen zu meinem geworden ist. Ihre Qual mich quält ... Ach was! Nichts davon sage ich. Stattdessen grüße ich sie. Und sie grüßt (wie beiläufig) zurück. Eine Beiläufigkeit, die ich als körperliche Schwäche deute, denn im Geist ist sie mir zugetan. Ich kann es an meinem schneller werdenden Herzschlag spüren.
Den Doktor frage ich nach Ana, während ich meine schwitzigen Finger unauffällig an der Hose abwische.
„Dazu kann ich Ihnen nichts sagen -, das sollten Sie doch wissen!“
„Ich meine doch die Krankheit, nicht Ana persönlich ...“
„Ach so.“
„Nun?“
„Meinen Sie, Sie vertragen die Antwort?“
„Warum nicht?“
„Eigentlich haben Sie doch genug eigenen Probleme.“
„Ich habe keine Probleme. Ich bin lediglich krank - und deswegen bei Ihnen in Behandlung!“
„Schon gut; also: für Anas gelten zehn Gebote - das sollten Sie wissen. Es ist also eine Art von Religion, die sich um das Essen dreht, beziehungsweise um das Abnehmen - um das Ideal eben. Im Essverhalten geht es zum Beispiel darum, alles gründlich durchzukauen. Auch die kleinsten Mengen. 10 Mal mindestens. Und den Tipp zu befolgen je kleiner Teller, desto größer sehen die Rationen darauf aus. Wasser darf nur in portionierten Dreier-, Fünfer- und Zehner- Schlucken getrunken werden. Und Ana hat auch eine eigene Symbolik, die den Insider an Farben und Schmuck erkennen lässt ob jemand hungert, sein Essen erbricht, sich selbst verletzt, depressiv ist oder sich in Therapie befindet ... Doch nun Genug damit, kommen wir zu Ihnen; wie ist es Ihnen zwischenzeitlich ergangen?“
„Ja“, antworte ich noch einigermaßen über Ana erschüttert, „eigentlich ist nicht viel zu berichten, nur: Gaber ist verschwunden und sein Bruder, Moran, hat mich in Verdacht.“
„Sagen Sie, meinen Sie mit Gaber ihren Hausmeister Horst Schulze?“
„Richtig!“
„Und warum hat dessen Bruder Moran Sie in Verdacht?“
„Wegen dem, dass ich Molloy heiße!“
„Molloy, wie der von Beckett?“
„Korrekt.“
„Aber bei Beckett stirbt doch Malone und wird zum Namenlosen, oder irre ich mich?“
„Nein, Sie irren nicht, Doktor, bei Beckett stirbt Malone als Ich; also als Sprachspiel von ’M’ und ’alone’ als allein Ich!“
„Und so wollen Sie sterben, Roman?“
„Jeder stirbt doch im Prozess der Abwanderung ins eigene Ich irgendwie, lieber Herr Doktor Schütz; oder nicht?“
„Zweifellos. Doch nicht jeder stirbt so katastrophal passiv wie Sie, Herr Kindermann.“
Später werde ich wissen, dass die Leiche von Gaber nie gefunden wird.
Später werde ich hören, dass er an Reduktion gestorben sei.
Später werden wir alle an Reduktion sterben, weiß ich, - doch nur innerlich; und für die Restkonstruktion besteht Hoffnung. Man muss nur (im christlichen Sinne) warten können, sagt Godot dazu, lese ich bei Beckett. Also warte ich.
*
Auf dem Treppenabsatz, genau unter der Putte ohne Kopf, finde ich beim Heimkommen einen Mann liegen, der leicht aus einer Wunde an der Stirn blutet und stöhnend da liegt; eine Art Cowboyhut neben sich.
„Kann ich Ihnen helfen, Meister?“ frage ich, obwohl es sonst nicht meine Art ist jemandem, den ich nicht kenne, Hilfe anzubieten. Doch hier spielt die eigene Wohnung eine Rolle, - denn wer will schon gerne über einen halbtoten Mann im Hausflur steigen? Und ob sich meine Mitbewohner um seine Leiche kümmern werden? Eher nicht, denn wie ich weiß, haben die sämtlich mit sich genug zu tun (Alkohol- , Geld- und Frauensorgen). Aber auch als ich meine Frage, ob ich helfen kann, wiederhole, äußert der Typ sich nicht. Nicht mal, als ich ihn letztlich frustriert anschreie.
„Machen Sie, dass Sie wegkommen, Sie versoffenes Schwein!“
Nichts. Keine Reaktion. Also ändere ich mein Vorhaben und trete den Rückweg an. Gehe die paar Meter bis zu einer öffentlichen Telfonzelle und rufe mit vorgehaltenem Taschentuch die Polizei an.
„Wie“, fragt der Beamte am anderen Ende der Strippe, „ein toter Mann im Hausflur?“
„Ja!“ sage ich, „aber kommen Sie schnell, vielleicht lebt er ja noch ...“
Als ich die Telefonzelle verlasse, sehe ich in das grinsende Gesicht des auf mich wartenden Moran.
„Na -, Arschloch, einen Erpresseranruf gemacht? Wegen meinem Bruder? Wie viel willst du denn haben, du Kretin?“ Doch noch ehe ich darauf antworte, das Missverständnis erklären kann, schlägt er mir wuchtig seine Faust in den Magen. Ich klappe nach vorne (Taschenmesser) und würge meine Mittagessen heraus. Als ich mich dann aufrichte, ist Moran weg. Warte nur, nehme ich mir vor, das wird Folgen haben ... während sich eine räudig graue Katze an meinem Kassler mit Grünkohl zu schaffen macht.
Als ich Stunden später nach Hause komme, ich saß in mehreren Kaffeestuben der Umgebend (trinkend und Zeitung lesend) die Zeit ab, sind es noch einige wenige Kreidespuren, die grob den Umriss des Cowboys zeigen, die mir auffallen - mehr nicht.
In der Wohnung führt mich meine immer noch vorhandene innere Aufregung direkt an den PC. Und Tatsache, als ich die Zeit zurückdrehe, sehe ich den Cowboy nackt (aber mit Hut) mit der halbbekleideten Ana auf dem Teppich - und muss sogleich den Ton abdrehen, so schlimm stöhnt der Kerl beim Akt. Immerhin verließ der aber danach (oder später?) auf seinen eigenen Beinen die Wohnung. Stattdessen sehe ich minutenlang mich Ana reiten - heftig drehen und wenden, und dann wieder den Cowboy (nackt mit Hut), wie der in Anas Gesicht samt ... Und das geht endlos weiter, als ob eine Geisterhand PC und Uhrzeiger bedienen würde, biss der Kerl wie tot auf dem Rücken liegt. Sehe mich, der sich an des Cowboys Füßen zu schaffen macht, um den aus der Wohnung zu schleifen. Sehe Ana, mit dessen Hut in der Hand, dahinter. Mir schwant etwas Schlimmes ... Und dann noch diese Kopfschmerzen; überkommt mich eine plötzliche Ohnmacht, die mich so brutal auf die Matratze wirft, als hätte mich jemand mit einem Hammer niedergeschlagen. Und auch das geht endlos weiter so. Ist Matrix- Time als Albtraum, in der mir die Zeit gnadenlos einen Splitter in den Kopf treibt, was mich grenzenlos verrückt macht. Auch kann ich nicht verhindern, dass ’Morpheus’ sich zum Anführer der endlosen Tage Nacht aufschwingt.
*
Seit einiger Zeit spüre ich eine Angst machende Unruhe. Im ganzen Körper ein Gefühl, als trüge ich in meinen Zotten einen hungrigen Bandwurm - der sich permanent hin und her bewegt, um mich leer zu fressen. Dazu im Kopf ein andauerndes Knacken, wie Wasser im Ohr. Um dem entgegen zu steuern, baue ich einen vollautomatischen Personenzähler über meine Wohnungstür an. Ich möchte schließlich wissen, wie viele Personen in meinem Heim ein- und ausgehen, ohne dass ich eventuell davon weiß. Schon eine Woche nach der Installation des Zählers komme ich auf die durchaus sensationelle Zahl von 3.221 Klickungen. Rechne ich davon meine Besuche bei mir ab, verbleiben 3.237 Klickungen. Das macht mich vollkommen meschugge - und ich kann das auch überhaupt nicht nachvollziehen ... Doch bevor ich Doktor Schütz I davon erzähle, installiere ich zur Gewissheit zusätzlich eine Kamera; denn ein Bild ist ein Bild und ein unumstößliches Beweisstück. Und ich brauche (wie wohl jeder Mensch auf Erden) absolute Sicherheit über mich!
Wieder eine Woche später sind die Klicks (ich vermute wegen der Kamera - die Leute tun ja die verrücktesten Dinge um ins Fernsehen zu kommen) sensationell in die Höhe geschnellt: 7567 Stück zeigt der Zähler! Rechne ich meine Besuche dann retour, bleiben 7689 Stück! Doch kein Bild. Nein, - nicht ein einziges Bild zeigt das Aufzeichnungsgerät. Nicht mal mich - und das kann nicht sein ... Also mache ich mich Hilfe suchend gleich zu Doktor Schütz I auf. Doch leider auch dort eine für mich unliebsame Überraschung, denn an der Praxistür steht was von Urlaub mit Datum und, dass er seine Praxis in Zukunft (also ab nach dem Urlaub) mit Doktor Schütz II in Personalunion führen werde - um Kosten zu sparen, und dann nur noch als Doktor Schütz firmirren werde. Kann man so was tun? Aus zwei Personen zu einer Person werden? Einfach so? Ohne Antrag, Genehmigung und amtlichen Bescheid? Ach, ich weiß auch nicht mehr weiter - es ist schon eine verrückte Zeit, in der ich lebe.
Vita
Geboren in Berlin, lebt der Autor in Hitzacker/Elbe. Er schreibt Prosa und Lyrik in einem ihm eigenen Stil, lotet in seinen Arbeiten die Tiefgründe im Menschen aus. Gedruckt sind Teile seiner Arbeiten in Literaturzeitschriften usw. zu finden:
Federwelt 36, Asphaltspuren 0, Lesestoff Leipzig 7, Lit.Cafe 3, Federwelt 42, Asphaltspuren 1, Edition Schreib*kraft 11, Federwelt 61, Edition Schreib*kraft 15, Lerato Verlag - Anthologie ’Groteske Welt’ 2009, Asphaltspuren 8, Epubli - Anthologie ’Faltherzen’ 2011. Die diversen Onlinepublikationen sind unter Michael Köhn oder Michael Koehn zu googlen.
Michael Köhn, Prof.- Wohltmann- Str. 2, D - 29456 Hitzacker; Fon: 05862-987942