Tags: Die Fresse von Adolf Hitler. Berlin. Zwangsheirat. Ehrenmord. Nazi. Deutschland. Rechtsextrem. Islam. Frauen. Türkei. Kurden. Integration. Migration. Migranten. Gewalt. Mord. Intensivstraftäter. Opfer. Täter. Gesellschaft. Parallelgesellschaft. Mafia. NSDAP. Crime. Neukölln. Krimi.



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Exposé - Sonne an Halbmond (Ehrenmord)
Autor: Michael Köhn
Stand: 05. Februar 2012

Exposee: Bei einem Überfall gedemütigt und schwer verletzt, will der Musikstudent Felix eine Aussprache mit dem Täter. Er sucht deswegen nach Hassan, dem Anführer einer Bande - und trifft dabei auf Lana. Felix verliebt sich unsterblich in sie. Zudem hat er auf seiner Suche in öffentlichen Bussen und Bahnen quer durch Berlin einige lebensbedrohliche Situationen zu überstehen. Ist in Gedanken bei seinem Vater, einem Staatsanwalt, der als Leiter der Intensivtäterabteilung der Generalstaatsanwaltschaft gerade eben abgesetzt wurde, weil er im Fernsehen offen zu Intensivtätern mit Migrationshintergrund Stellung bezogen hat. Er denkt an seine Mutter in der Psychiatrie. Erinnert sich an den Großvater, der Richter mit NSDAP Parteibuch war, der nach dem Krieg deswegen in Haft saß.

Wegen seiner körperlichen Behinderung, seinen Gedanken um Schuld und Nichtschuld, die Geschehen um ihm herum - und nicht zuletzt wegen der ’verbotenen’ Liebe zur Schwester von Hassan - Lana - in Rotation, entgleitet ihm mehr und mehr die selbst bestimmte Handlung, wird die Suche nach dem Täter zwangsbestimmt, ist sein Leben ein Desaster.

Lana wird wegen der Beziehung zu Felix Opfer Ihres Bruders, ihrer Familie. ’Ehrenmord’, schreiben die Zeitungen. Felix steht nicht nur deshalb unter Handlungszwang.
Als Felix vom Selbstmord seines Vaters hört und trauert, erfährt er von seiner Mutter, dass sein Vater nicht sein Erzeuger ist sondern sein Großvater -, der sie vergewaltigt hat und sie deshalb unter Depressionen leidet. Trotzdem lässt er sich mit den Verbündeten des Großvaters ein, die ihm versprechen den Schuldigen an Lanas Tod zu finden. Felix wird daraufhin Mitglied in der Rechtsextremen NDPD und macht Karriere.



Sonne an Halbmond
(Ehrenmord)
Romanauszug 
 

’Ich hoffe nur, dass irgend jemand soviel Vernunft hat, mich einfach in den Fluss zu werfen, wenn ich einmal wirklich sterbe. Mir ist alles recht, nur nicht ein gottverfluchter Friedhof.’
“Der Fänger im Roggen“ J. D. Salinger


Er sitzt im Balkanexpress Richtung Kotti auf einer Bank, einem säuischen Stück Ekel von Kunststoff - das mit einem Ausschlag an grellbunten Filzstiftzeichen besudelt ist. Und jedes Mal, wenn der Wagen in einen Bahnhof einfährt, blickt er erwartungsvoll durch das zerkratzte Fensterglas auf den Bahnsteig, sucht nach Hassan. Nach jenem Hassan! Auf seinem Schoß liegt ein grauer Leinenbeutel mit der Aufschrift ’Reichelt’. Im Beutel, in dem er ein Buch, seine Schlüssel, Tabletten und anderes transportiert, befindet sich ein Geschenk für Hassan. Eine 9 mm Pistole Les Bear, Magazin doppelreihig. Ist also deswegen das U-Bahn fahren als gefährlich anzusehen? Nein, denn wenn er nicht sucht, liest er. Seit einigen Tagen zum Beispiel Zweigs Roman über einen Ritualmord in Ungarn. Und während seine Augen im Buch Zeile um Zeile, Satz um Satz nach einer Art von Wahrheit suchen, die ihm helfen soll die Welt zu erkennen, erinnert er seinen persönlichen Anfang von allem.
„Ey, du deutsche Schlampe, ich werd dich ficken, bis dir der Arsch brennt!“
„Und, haben Sie die Typen gesehen? Können Sie die beschreiben?“, befragt ihn später der von der Kripo dazu. „Nein, habe ich nicht, - nur vage. Ich denke, es waren fünf - und den einen, den Anführer, nannten sie Hassan“, kramt er aus seiner Erinnerung. Und durchlebt dabei ein komplettes Downtime.
... als er geschlagen, getreten, bespuckt, angepinkelt, mit Kot beschmutzt worden war. Wo es eng war, scheiße war, wo er lag, vor Angst schwitzte, in Schmerzen stöhnte, um Hilfe schrie. Als sein Körper wie im Frost zitterte und der Boden kalt war wie Beton auf Eis. Doch es war Linoleum, wo er hinkam - nach dem die Überwachungskamera ihn am Boden liegend entdeckt hatte. Und leicht sauberzumachen war es, aber ohne Matratze, weil die Leute da meist volltrunken sind und hinkotzen, oder auf den Boden machen. Die Fenster aus doppelt dickem Sicherheitsglas, das mit Metallgittern verstärkt ist, um Fluchtversuche zu unterbinden. Eine Ausnüchterungszelle, - wo er um sein Leben kämpfte. In der er sich die Hand vor Augen hielt, um zu prüfen, ob er sehen könne -, oder alles Einbildung sei. Und wo er diese unerträglich hohen Töne aus dem Ohrhörer des MP-Dreiers wimmern hörte, der zerstört neben ihm am Boden lag. Er Blut spuckte, oder so was. Einen Zahn ausrotzte. Oder zwei? Seine Beine nicht spürte. Seinen Körper. Und sich ab da in seinem eigenen Gefängnis, genannt Hassan, befand, dem er nicht entkommen konnte. Denn es war diese Revolte von Terror in ihm, die blieb ..., und es gab Menschen, die weg sahen. Es gab auch Stimmen. Aber die blieben unwahrnehmbar. Es gab dann - Tage nach der Tat - in der Presse Entrüstung und Betroffenheit. Wut. Leserbriefe. Zuspruch. Geldspenden. Blumen. Drohanrufe. Nazis.
Doch das alles tat später überhaupt nichts mehr zur Sache, war er sicher. Und weiß es auch jetzt. Denn nach Downtime ist Uptime. Wenigstens halb.
„So -, Sie können also die Täter nicht beschreiben?“
„Nein, - nicht genau, es waren so viele ...“
„Sie sagten fünf!?“
„Es waren alle ...!“, erinnert er noch.

Jetzt sitzt er Typen gegenüber, die tragen Jeans zu offenen Basketballschuhen, schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck R 44 drauf, und sehen mit finsterer Miene zu ihm herüber. Hassan ist nicht dabei. Wie auf Kommando rucken die vier plötzlich an, als wollten sie aufstehen, lachen dann, ziehen die Kapuzen fester. Eine Drohgebärde, denkt er, zur Einschüchterung, wie im Urwald die Gorillas. Hinten im Waggon drehen sich zwei junge Mädchen, die aussehen wie Kinder, in schweinchenrosa Anoraks umeinander und lassen die blau getönten Haare fliegen. Dazu singen sie schrill und in fremder Sprache.

Bahnhof Kottbusser Tor. Der Zug stoppt mit kreischenden Bremsen. Die Typen mit den Basketballschuhen steigen aus. Drei stark geschminkte Frauen lassen sich auf die Sitzbank gegenüber fallen. Die Bank muss noch warm sein, denkt er. Eine der jungen Frauen brüllt ihre Freundin an: „Ey, du stinkst, Alte! Hast du Alkohol getrunken, du Schwein?!“ Die drei lachen. Ein Mann sagt: „Nutten!“ Zwei seiner Kumpel verfolgen das Geschehen gespannt.
„Ey, Alter, ich fick deine Mutter!“, brüllt die Wortführerin den Mann an. Stille im Wagen, alle schauen zu, - alle! Als die Bahn anfährt, sieht er am Ende des Bahnsteigs Hassan, der die Typen mit den Basketballschuhen begrüßt. Scheiße!, zum Aussteigen ist es zu spät.
Der Mann, der Nutten gesagt hat, steht auf und geht auf die Mädchen zu. „Bleib mal locker, Alter!“, kreischt eine. Doch nichts. Der Mann hat einen roten Kopf -, starr sind seine Augen. Er scheint explodieren zu wollen. „Lass sie in Ruhe“, flehen die Freundinnen.
Der Zug rumpelt in den Görlitzer Bahnhof ein. Drei Türen öffnen sich nach dem Halt, obwohl niemand aussteigen will. Je zwei Glatzen pro Tür steigen ein. „Los, die Ausweise!, ihr Penner!“, befiehlt einer, kaum im Wagen. „ ...ey, nun macht schon!“
„Mit mir nicht!“, brüllt eines der Mädchen, „ihr Nazischweine“, und wirft die Haare zurück, - ihre Augen sind aufgerissen.
Sie schubst ihn weg, als einer der Glatzen sich dicht vor ihr aufbaut, einen Baseballschläger in der Hand. „Lass mich ja zufrieden, du Arsch“, sagt sie mit Zittern in der Stimme. Empörung arbeitet in ihrer Miene. „Du blöde Türkenfotze!“ sagt der, „halt das Maul - und zeig deinen Ausweis!“ Niemand der anderen Fahrgäste lacht ob der Beschimpfung ’Türkenfotze’. Die zweite junge Frau reißt die erste zurück. Zwei dunkelhäutige Männer stehen auf. Hier steht die tiefe Beleidigung gegen das Gesetz, eine Frau zu schlagen.
Doch die Glatze schlägt das Mädchen nicht, wendet sich den beiden Männern zu: „Was wollt ihr Kanaken? ...auf die Fresse?“
Einer der beiden dunkelhäutigen lacht gequält: „Jetzt mach mal ruhig, wir wollen nur aussteigen!“
„Der kann deutsch!“, sagt die Glatze zu seinen Kumpeln.
„Hau ihm eine rein, damit er’s verlernt“, rät einer der.
„Ich bin ’Deutscher’ wie ihr“, hält der Mann dagegen.
„Du siehst aber aus wie ein scheiß - scheiß - Nigger!“
„Ich bin hier geboren.“
„Mann, mach die schwarze Sau endlich platt, Ingo!“
Es geht nicht anders, er muss hier raus, greift in den Leinenbeutel, klammert dort die Hand um den Griff der Pistole, den Finger am Abzug. „Wo willst du denn hin, Söhnchen?“ fragt ihn eine Glatze, als er aufstehen will.
„Aussteigen!“
„Ach -, gehörst wohl zu den Niggern da?“
„Nein. Ich wohne hier um die Ecke“, lügt er.
„Zeig mal deinen Ausweis!“
„Hab keinen.“
„Du bist doch ’Deutscher’, Söhnchen?“
„Ja.“
„Und hast keinen Ausweis?“
„Doch. Aber nicht dabei.“
„In diesen schlimmen Zeiten muss jeder seinen Ausweis dabei haben!“
„Hab ich aber nicht. Und nun lass mich aussteigen.“
„Du bleibst - und zeigst jetzt den Ausweis!“
„Gut, wenn es sein muss.“
„Na siehste...“
Er schießt aus dem Sitzen heraus und durch den Beutel hindurch in die Wagendecke. Es kracht, qualmt und splittert, alles schreit. Die Glatzen springen im Dreieck, rotten sich in einer Ecke zusammen. Er steht auf, hält den Leinensack mit der Waffe darin gegen sie - und steigt aus und, er versucht, beim Davonlaufen nicht zu hinken.
„Haltet das blöde Schwein!“ brüllt irgendwer aus der Tür hinter ihm her, „der hat geschossen ...“ Die Leute auf dem Bahnsteig lässt der Ruf mit genervter Miene zurück. Auch das weitere Geschrei aus dem Waggon verliert sich bald in den blau gekachelten Tiefen des U-Bahnhofs. Meter vor der Treppe nach oben zieht er einen Flachmann aus der Jackentasche und trinkt im Gehen daraus. Er steckt die Flasche dann in den Beutel mit der Pistole. Das Loch im Beutel ist unbedeutend. Lediglich ein schwarzer Kreis ist zu sehen und es riecht ein wenig nach verbranntem Stoff, nach Schwefel oder Phosphor.
Er steht auf der Straße. Ein eigentlich ordentlich gekleideter Mann greift in eine Abfalltonne. Kinder johlen. Ein Bus steht abfahrbereit an der Haltestelle. Er steigt ein, ohne zu wissen wohin der fährt. Nur weg von hier, denkt er. Die Tür schließt sich zischend hinter ihm, der Bus ruckt an. Er lässt sich in das Polster fallen. „Nächste Station ...“ Er hört Skalitzer Straße, schaut nach vorne, und sieht in Front das Schild in Spiegelschrift. Er ahnt, bis wohin der Bus fährt: Hermannplatz. Endstation. Ein im Gesicht mit einem Herz tätowierter Bursche in Armeejacke lässt Spuckefäden auf den Boden gleiten. Er trifft im zweiten Versuch seinen Schuh, wischt dessen Spitze am Hosenbein ab. Den anderen ebenso. Dann geht ihm wohl die Spucke aus, denn er beginnt in der Nase zu bohren - bis Blut kommt. Das Mädchen und der Junge ihm schräg gegenüber tragen Ohrstöpsel. Beide zucken mit den Beinen. Die Musik ist im Rhythmus so laut, dass sie bis zu ihm dringt. Suicid, heißt der Titel. Er weiß es, er hat die DVD, kennt den Soundtrack. Und Suizid wäre überhaupt eine Möglichkeit, - bleibt immer ein Thema.
Das Mädchen gibt dem Jungen einen Kuss. Dann singt sie leise. Ein Handy klingelt. Das Mädchen singt gedankenverloren weiter vor sich hin. Der Junge zieht die Ohrstöpsel, und greift nach dem Telefon in ihrer Kapuze. Der Junge lacht ins Handy, sagt dann etwas, das klingt wie: ’Ich treffe jetzt Hassan!’ Eventuell ist es genau der Hassan, den er sucht. Also wird er ihm nachgehen.
„U-Bahnhof Hermannplatz! Alles aussteigen!“

Der Junge und das Mädchen knutschen. Vor dem Kaufhaus C&A drängen Frauen mit Kopftuch - in der Hand große Windelpackungen. Auf ihren Einkaufskörben schaukeln Wein-Tetrapacks. Felix tritt beim Aussteigen auf eine Handyoberschale aus Plastik, dass es laut kracht. Kleine Tüten wechseln an einem Imbiss den Besitzer. Drogen? Mit wichtiger Miene stehen zwei Polizisten in der Gegend. Ein Hund pinkelt unweit an den Fahrradständer mit Schrott auf platten Reifen. Felix behält den Jungen im Auge, der Hassan treffen will. Der kramt in seiner Jackentasche, scheint ratlos, bleibt mit seiner Freundin darauf hin stehen, fragt sie etwas. Sie nickt, und zieht eine Schachtel aus ihrer Tasche. Sie stecken sich eine an, rauchen, küssen sich, blasen graue Ringe aus. Beide lachen, und gehen Arm in Arm zu einer Haltestelle. Ein Bus kommt. Das Mädchen lässt die Zigarette fallen, steigt ein. Der Junge winkt - und geht. Er hinterher. Vor einem Fotofix-Automaten in der Mitte des Platzes bleibt der Junge stehen. Ein Beinpaar sieht man unter dem Vorhang. Von drinnen hört man es kichern. Eine Frauenstimme sagt etwas wie ’total bescheuert, Alter’. Plötzlich ein Lautsprecher: „Achtung, hier spricht die Polizei ...!“ Ein Hund bellt dazwischen. Ein Zweiter mischt sich ein. Eine heisere Stimme befiehlt: Schnauze! Ihr Köter!

„Bist du zu Hause?“, brüllt einer direkt neben ihm ins Handy. Mit wem der wohl spricht? Mit Hassan? Eher wohl nicht. Er folgt dem Jungen, der ein paar Meter Vorsprung hat. Es geht in Richtung eines Imbiss am Ende das Platzes. Ögan, steht an dessen Front. Daneben die Aufschrift Dolce &amp - Gabbana.
Beim Näher kommen sieht er, dass es zwei verschiedene Läden sind. Der Junge betritt den Imbiss. Er selber ist unschlüssig, bleibt vor dem Laden stehen. Bei seinem Blick durch die Fensterscheibe sieht er einen Fleischspieß hängen. Einem vermutlich in Tagen abgehangenem Fetzen, auf den schon die Würmer schielen.
In der Auslage vom Laden vergammeln Salatreste. Grün schimmert daneben das Dressing. Asthmatisch quietscht im Wind eine rostige Fahnenstange mit brüchigem Tuch daran, auf dem ’Heute frische Wurst’ steht. Im Laden ist niemand zu sehen. Und Felix grübelt, wohin der Junge verschwunden sein könnte. Die Ladentür klemmt. Das Holz riecht faulig und die Farbe blättert wie von selber ab. Er drückt die Tür mit Gewalt auf und tritt ein. Rapp hört man aus dem Hintergrund. Dann Tarkan: ’Wo bist du - mein Sonnenlicht’.

„Cool, wa?“, steppt eine etwa siebzehnjährige in Ringelstrümpfen durch die Hintertür.
„Ja, voll cool.“
„Was willst n?“
„Cola.“
„Essen nich?“
„Ne, hab’s am Magen!“
„Hier, - det is jut dajejen, dit hilft“, hält sie ihm in Öl eingelegte Knoblauchzehen entgegen.
„Lass mal lieber.“
Eine cirka 60jährige Frau mit Kopftuch und Kunstpelzjacke über Rock mit gemusterter Hose ohne Bügelfalten schiebt sich durch die Tür.
„Der will nich ma wat essen, Oma“, sagt das Mädchen.
Die Alte antwortet wohl auf türkisch, rülpst, furzt, oder so, und verlässt den Laden durch die Vordertür. Die Tür öffnet sie ohne Anstrengung.
„Isse nich süß?“ fragt das Mädchen.
„Hör mal, ich muss aufs Klo,“ lässt er die Frage unbeantwortet, denkt daran, dass er das Fentanylpflaster auf seiner Pobacke erneuern muss, bevor der Truthahn durchbricht und ihm den Schweiß auf die Stirn treibt.
Das Girl winkt lässig: „Nimm ma da hinten die rechte Tür!“
Als er die Klinke drückt, schreit sie plötzlich: „Ey, du blöder Idiot, die rechte!“
„Ist doch die rechte ...“
„Ich meinte aber die daaa ...!“
„Das ist die linke.“
„Die mein ich aber ...!“
Logik, denkt er, weibliche Logik. Und bekommt im Umdrehen eine Türklinke ins Kreuz.
„Was willst n?“ fragt ein Typ mit eitergelbem Ausschlag im Gesicht und baut sich vor ihm auf.
„Pinkeln“, sagt er.
„Musste da hin“, sagt der, „hier ist Zocken!“
„Zocken?, aha. Sag mal, ist Hassan auch da?“
„Was willst n von dem?“
„Der bekommt noch was von mir!“
„Was n?“
„Er hat mir was geliehen, und das bekommt er zurück.“
„Das wird ihn freuen. Warte, Alter, ich hol ihn ...“
Während des Warten wird er nervös, lässt den Leinensack mit der Pistole darin von einer Hand in die andere wandern, während die Dönerbude zur Vampirhölle mit Spinnweben an den Wänden wird, aus denen Ozzy Ozborn ’fuck the black rain’ schreit, dass seine Haare wirbeln, eine fette Kröte frisst, und dazu teuflische Fratzen schneidet ... Scheiße, muss am Schmerzmittelentzug liegen, denkt er, als ihm einer mit: „Ey, ich bin Hassan, was n los, blödes Arschloch?“, in den Hintern tritt.
„Ich kenne dich nicht!“, antwortet er.
„Ey, du Fotze, duuu wolltest doch was von miiir...“
„Tut mir leid, ich habe dich verwechselt. Kann ja mal vorkommen.“
„Biste Bulle?“
„Nein. Bin ich nicht.“
„Dann verpiss dich, Motherfucker, bevor ich dir die Eier abschneide!“
„Ich muss aber vorher noch mal aufs Klo ...“
„Ey, Lana, hat die Fotze bezahlt?“
„Ne, noch nich, Hassan.“
„Los, mach - und dann verpisst du dich aber!“
Er macht, während ihm bewusst wird, dass die ihm eben noch Angst machende Vampirhölle und Ozzy Ozborn nur aufgeklebte Filmwerbung ist und Hassan eine kakifarbene Armeehose an hat.
„Ja - ja, schon gut.“
Dann, draußen, überlegt er, was er getan hätte, wenn es der richtige Hassan gewesen wäre. Ob er geschossen hätte, und wenn ja - wohin?
Darüber bekommt er Hunger. Er sieht gegenüber Burger King, denkt: genau richtig, rohes Fleisch braucht der Mensch um roh zu sein. Und wenn er es nicht schon ist, dann wird es Zeit.
Im Laden wird Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch und Vietnamesisch gesprochen. Wenig Englisch, etwas Deutsch. Hamburger sagen können alle. Und die sehr blonden Frisuren unter den Kappen hinter der Theke verstehen es. Die sind so schön wie frische Orangen, Bananen und Limonen. Eine Insel aus Reinheit und Obst, Fleisch von glücklichen Rindern - und hellem Licht in einer fremden, dunklen Welt. Und das genau auf der Grenze von Neukölln Berlin zu Berlin Kreuzberg. Dieses Idyll stören nur die beiden kahl geschorenen Jugendlichen mit Bierflasche in der Hand, Kippe im Maul, Hund bei Fuß vor der Tür, und deren Schnorrerei an jeden der vorübergeht geht: „Ey, Alter, haste ma n Euro?“ Und wenn derjenige nichts gibt, ihr empörter Ruf: „Ey, fick dich ins Knie, du blöde Sau ...!“
Eigentlich egal, denkt er, jeder ist hier eine Art Hassan, ob Türke, Deutscher, sonst was. Und ohne etwas bestellt zu haben verlässt er den Laden. Vor der Tür kommt das erwartete: „Ey, Alter, haste ma n Euro?“
„Nein!“, sagt er im vorübergehen. „Ey, fick dich ins Knie, du blöde Sau, - ich hetz den Hund auf dich, du scheiß Krüppel!“ Er dreht sich um, geht die zwei oder drei Schritte zurück, und schießt zwei Mal. Einer der beiden schreit ’Ey’. Der Hund jault. Der andere Typ sagt nichts. Von weitem hört man einen Presslufthammer knattern. Eine Straßenbahn quietscht in der Kurve.
Quietschgeräusche nerven ihn. Hundejaulen nicht so. Menschen immer, egal was sie lassen oder tun. Doch das war nicht immer so.
Die grelle Sonne hinter seinem erblindeten Auge ist erloschen. Das Kreischen in den Ohren verstummt. Sein Atem geht flach, fast geräuschlos, sein Herz schlägt regelmäßig. Auch sein Magen hat sich beruhigt, krampft nicht mehr. Und genau das ist es, was er erreichen will: Frieden - und Ruhe in sich, die Mitte finden und die auch sein. Nicht Rache, wie später in der Zeitung als Motiv geschrieben steht und der Staatsanwalt aus der Anklageschrift vorlesen wird: ’Wer ein Dum - Dum Geschoss verwendet, will auch töten ...!’, und diesen Scheiß somit auch öffentlich macht. Nun, es ist zwar richtig, er hat die Geschossspitzen der Wirkung wegen eingekerbt, - was sollte auch sonst der ganze Aufriss?

Er geht weiter, und seine Schritte sind abgestimmt und ruhig wie immer, wenn er versucht nicht zu hinken. An der nächsten Haltstelle steigt er in den Bus Richtung Kottbusser Tor, denn er will dort am Kotti, und in den Kneipen drum herum, nach Hassan suchen - und den auch finden, bevor der nächste Anfall ihn voll in die Scheiße setzt.
Er sitzt ganz hinten im Bus, in der Mitte, wo man die Beine in den Gang ausstrecken kann und beobachtet den blonden Jungen, so um die fünfzehn, der am Mittelausgang mit dem Gesicht zu ihm sitzt, - und er weiß, was kommt, als drei als Gangsta-Rapper verkleidete Typen einsteigen. „Mach Platz, du Schweinekartoffel!“ brüllt einer von denen schon von der Tür her den Jungen an.
„Was denkst du, wer du bist, du schwule Sau?“, pöbelt ein anderer.
Der Junge sagt nichts, blickt auf den Boden.
„Ey, du hast Schiss vor uns, wa?!“
„Lasst mich zufrieden und macht euch vom Acker -, ich habe keine Angst vor Typen wie euch ...“
„Dann wehr dich, sonst ist Jackpot, du scheiß deutsche Kartoffel!“
’Ja, du bist ein Opfer! Kein Player, kein Rapper, kein Mann ...’, wimmert es laut aus dem Ohrhörer“, als der Junge, wohl weil er nicht reagiert, eine Schelle fängt.
„Ey, mach ihn platt, Serkan -, hat er wenigstens gelernt, dass er hier nicht rumlaufen soll.“
... und er muss raus, im gleichen Moment, weg von hier und zwar schnell, egal was aus dem blonden Jungen wird.
Und es scheint, so denkt er nicht alleine, denn der Bus leert sich an der nächsten Haltestelle, als hätte jemand Buttersäure verspritzt.
Doch dann steht er wie angewachsen, steigt nicht aus, denn genau in diesem Moment begegnet ihm die Liebe in Form des Mädchens mit den Ringelstrümpfen, die mit Tarkan auf dem Ohr ’Wo bist du - mein Sonnenlicht’ in den Bus rappt.

„Ey, du, voll cool, dass wir uns wieder treffen, wa?“
„Ja, das ist es“, sagt er in den Himmel voller Gewalt, zwischen Gangsta/Rapp und Tarkans Sonnenlicht.
„Wo willst n hin?“
„Zum Kotti.“
„Und wat da?“
„Ich suche Hassan.“
„Voll cool, ey, - mein Bruder heißt so ...“
„Und der im Laden?“
„War mein Onkel!“
„Ach so ... Und warum alle Hassan?“
„Wir sind ausm Libanon, weißte. Von Nasrallah, Hisbollah, weißte?!“
„Nee, weiß ich nich ...“
Und dann: „Ey, ihr Schwanzlutscher, gebt mal Ruhe!“ zu den Rappern hin, die den blonden Jungen peinigen, „sonst ...“
„Is schon juti, Lana! ... und grüß deinen Onkel ... Salam aleikum“
„OK, mach ich, Serkan! Aleikum Salam.“
„Siehste, geht doch!“ ist Lana stolz, und versucht ihm durch die Brille hindurch voll ins Herz zu schauen, - so kommt es ihm vor.
Kottbusser Tor, quäkt es aus dem Lautsprecher.
„Ey, komm, aussteigen, wir sind da! Sag mal, wie heißt du eigentlich?“
„Felix. Felix Rausch.“
„Ah ... Felix, - du bist also doppelt glücklich?“
„Mal sehen.“
„Nein, nicht glücklich? Suchst du deshalb nach Hassan?“
„Nein, ich suche nach meiner Freiheit ...“
„Was meinst n damit?“
„Kennst du den Film ’Grizzly Man’, von dem Typen der zum Bär werden wollte, um mit den Bären zu leben?“
„Ne, kenn ich nicht!“
„Ist auch besser so, - denn die Bären haben den Mann getötet und aufgefressen.“
„Das ist aber schlimm.“
„Ach, es ist die Natur der Dinge, - das Überleben - über alles.“
„Ja, wenn man Hunger hat ...“ Er will ihre Antwort kapieren, die sich als intelligent kolportieren. Doch es fehlt ihm der Sinn, also scheitert er - und fragt sich sogleich warum. Denn es ist alles eins, oder scheint so, scheint, dass das Suchen nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit ihm Nerven, Sehnen, Herz, Hirn und die blutende Seele frei legt. Und seine Gefühle für sie. Lana. Und wenn er könnte, er würde sich ihren Namen auf den Unterarm tätowieren lassen, oder gleich direkt ins Herz. Es ist also so - verliebt sein, Liebe - oder was? Wenn ja: woher kommt die - entspringt die seinem zerstörten Körper, der explosiven Wucht seiner Rachegedanken, der längst abgewickelten Welt um sich herum: Liebe statt Hass? Frieden anstelle von Krieg? Leben als Ersatz für den Tod, Herzenswärme im Miteinander - das sowieso?
Nein - nein, es gibt kein Nachhausekommen in die Normalität für ihn. Nicht jetzt. Und wohl nie mehr.
„Ich mag dich“, sagt sie in seine apokalyptische Resteverwertung und setzt nach: „... irgendwie ...“, und füllt damit eines der vielen kleinen schwarzen Löcher in seiner Seele, scheint es.
„Und mein Aussehen“, ist er zögerlich, „meine Behinderungen? Mein Auge?“
„Stören mich nicht wirklich!“, sagt sie.
„Nicht wirklich?“
„Nein - nicht wirklich; echt - irgendwie bist du ein toller Typ, finde ich, und dass genau so, wie du jetzt aussiehst.“
„Wie meinst du ..?“
„Na - ja, mit der Kappe, der Brille - und deinen Klamotten - und so. Und dann bist du so schön groß ...“, lacht sie.
Und Felix lacht befreit mit.
„Super!“
„Gehst du noch n paar Schritte mit?“
„Wohin?“
Sie zeigt die Richtung: „Will zum Laden, hab Schicht.“
„Du arbeitest?“
„Was sonst. Jeder muss doch!“
„Stimmt.“
Und er geht mit ihr Richtung U-Bahn und Kotti. Geht ihretwegen mit - und um Hassan zu sehen.
Doch nichts davon sagt er ihr.
Schon gar nicht von Hassan.

„Ich bin nicht beschnitten!“ erklärt er plötzlich und wie aus eine Laune heraus, die ihm selber unheimlich ist.
„Wie? - nicht beschnitten?“
„Na, meine Mutter ist Jüdin, ich also Halbjude, weißt du.“
„Neee, weiß ich nicht; ist auch nicht mein Ding, weißt du“, äfft sie ihm nach.
„Ich meine ja nur so ...“
„Dann mein mal weiter. Ich muss jetzt da rein!“
Und sie deutet auf die Pizzeria gegenüber.
„Ich denke, du arbeitest in einem Imbiss?“
„Wir haben viele Läden ...“
„Ach so.“
„Also, tschüss dann, man sieht sich.“

„Ja“, sagt er und fühlt sich verloren, als sie über die Straße rennt - und ohne sich umzudrehen in der Pizzeria verschwindet, an deren Front Hassan steht; und es ist wohl vergessen worden dort das Licht auszuschalten, denn der Name blinkt in rot. Daneben ein Stern - in Gold.

Er steht erst nur da und überquert dann langsam die Straße, - er ist neugierig auf sie. Und auf Hassan. Geht also gedankenverloren über die Straße, hinkt, denkt an Hassan, an Arnold Zweig, an Lana, wobei sein Herz brennt, und bemerkt das heranrasende Taxi nicht, das quietschend bremst und wie irre hupt. „Ey - penn nicht ein, du scheiß Krüppel“, pöbelt dessen Fahrer und hupt immer noch wie wahnsinnig. Als Lana darauf aus der Tür des Hassan tritt, wohl von dem Lärm und den kreischenden Bremsen des Taxi aufgeschreckt, fragt er sich lediglich, in was für einer Position er sei: Kamel, Löwe, Kind? Und wo sie stünde? Und dann ist ihm schlecht, - übel, vom Magen her, und er muss sich irgendwo festhalten. Muss würgen - und so weiter.

„Was is n?“
„Mir ist so - so kodderich.“
„Brauchst n Schnaps?“
„Wäre nicht schlecht ...“
„Warte hier“, sagt sie und führt ihn zu einer Bank in der Nähe, „ich hol dir was!“
Als er dort mehr liegt als sitzt, kommt einer der Pennbrüder, die immer und überall rumhängen: „Hast ma Zaster ...?“ und macht die Geste des Reibens mit Daumen und Zeigefinger.
„Nein -, ich hab nix.“
„Und da, im Beutel?“
„Nur alte Klamotten!“
„Bist n Schwätzer“, sagt der Alte, und rotzt auf den Boden, „kommt vom Suff, Drogen, ich seh es dir an!“, und leckt sich über die Lippen, wie einst an Weihnachten vor Gans mit Rotkohl und Klößen.
„Ich habe Schmerzen, werde sterben!“
„Idiot! Du hast noch einige Jahre vor dir.“
Ich heiße Felix, will er sagen, steht auf, will weg, stürzt, segelt an den Armen des Penners vorbei, der ihn halten will, der über ihn fällt, sich mit ihm wälzt und ein Handtuch über ihn breitet, scheint es.
Ist so ein grobes Teil aus Leinen, gepunktet, eine Hand mit Altersflecken und aufgeworfenen Adern über der Haut. Einem Geruch wie Essig darüber ...

Es ist das Schmerzpflaster, denkt er. Das macht müde, irgendwie.
Dann ein Scheinwerfer. Stimmen. Ein Hof mit Mauern, in dem er sich atmen hört, ohne seinen Atem wirklich wahr zu nehmen. Nur Pfeifen. Eine Melodie: ein schöner Tag ..., direkt aus der Fernsehwerbung. Und er wollte erneut hoch, aufstehen. Gehen.
„Bleiben Sie mal hübsch liegen!“ Wie das wohl geht - hübsch... Und als er fragt, weiß keiner was Genaues. Nur das Licht vom Mond. Das ist matt, und mehr weiß als gelb, fast wie im Winter. Ist ein ihm unbekannter Mensch - und der wackelt mit dem Kopf, rollt mit den Augen, dass ihm schon wieder schwindlig ist.
„Bleiben Sie ruhig, wir haben alles im Griff!“
„Wo bin ich?“
„Im Krankenhaus am Urban.“
„Verstehe“, obwohl er nichts verstand. 


Felix mag die Wohnung. Vater hat die nach der Trennung von Mutter ausgesucht. Die liegt Nahe Viktoriapark. Kreuzbergstraße, Ecke Großbeeren. Und man kann aus dem Südfenster der Wohnung weit über den Kreuzberg blicken. Das geht bei seiner Mutter nicht. Wie auch, in Dahlem gibt es keinen Kreuzberg. Mit Glück sieht man dort Rehe im Vorgarten. Mit weniger Glück graben Wildschweine den Ziergarten um, - und bis zum U-Bahnhof sind es 15 Minuten zu Fuß.

Von der Wohnung in der Großbeerenstraße sind es bis zur U-Bahn 5 Minuten. Man muss nicht mal schnell gehen - und ist also auch nicht so viel weiter weg von Rehen und Wildschweinen. Doch jetzt ist er Soldat, der aus dem Krieg heimgekehrt und sich nicht mehr zurecht findet, als er vom Krankenhaus aus die Großbeerenstraße unter die Füße nimmt, um nach Hause zu gelangen. Er ist wie einer der Männer, die das Grauen nicht nur gesehen, sondern erlebt haben. Ja, er hat. Und das nicht nur hervorgerufen durch die Tabletten, die sie ihm im Krankenhaus gaben, und die er weiterhin nehmen soll. Nein, es ist sein ureigenstes Trauma, die Figuren vor ihren abgewirtschafteten Häusern zu sehen, denn er hat erleben müssen zu welcher Bestialität sie fähig sind. Und die hier brauchen sich keine Bombengürtel umzuschnallen um laufende Tötungsmaschinen zu sein. Die wollen auch nicht in den Himmel, zu den Dutzenden Jungfrauen, die wollen hier - leben -, hier - und das nach ihren Vorstellungen -, und dabei sehen sie so unschuldig aus, wie damals die Jungs in seiner Schule.

„Du hast Eier, Mann, einfach hier lang zu gehen ...“
Da erst merkte er den Verlust seiner Pistole so richtig. Ist raus, aus der Behütung vom Krankenhaus. Befindet sich in der verfallenden Welt, die so kaputt ist wie er selbst. Läuft zwischen nackten Hauswänden, die herumstehen als Reste einer Zivilisation. Gestank. Haufenweise Müll. Zwischen Matratzen und alten Autoreifen, als eine Erinnerung an bessere Zeiten von Familie, Geborgenheit, Heimat und Fortschritt und so weiter. Und hofft, dass die Realität ihn in Ruhe lässt - mit ihrer explosiven Wucht weiterer Zerstörung.
Wenige Meter weiter pinkelt ein muskelbepackter schwarzhaariger Macker gegen eine Hauswand, dass es platscht und schwappt und weiß schäumend in den Gully der Strasse läuft.
„Wat kieksten so?“, einer mit versoffener Bassstimme, und schleppt einen Bierkasten mit sich rum, gibt den Schwafelphilosophen: „Dat Leben is wie n Kinderhemde, kurz und beschissen!“
Doch das gelingt nicht. Nicht bei Felix. Es ist nur ein Indiz, dass hier Menschen mit Stärken wie Schwächen leben, die einander reizen und piesacken. Mehr nicht. Und es wird auch nicht schlechter, als ein Fernseher dicht neben ihm auf das Pflaster kracht - und sich hinter dem nächstbesten Fenster offensichtlich ein Sexabenteuer abspielt. „Ja, nimm mich!“, hör man eine Frau, „nimm mich fester, mach. Fick schon, du dumme Sau ...!“, und dann ein Blumentopf gesegelt kommt, als er schon weiter geht. Geranien.

„Dit kommt jut, wa?“, sagt der mit dem Bierkasten, und weint, „dit is nämlich meine Olle ...“ Und fängt zu toben an: „Ick sollte ruff jehn - und se umlegen. Alle beede!, - menste nich och, ey?“
Und das ist es, was ihn wegtreibt und gleichzeitig anzieht, diese voll latente Aggressivität. Diese prall lebensgierigen Leute. Diese Verpestung durch Kohl und alten Samen, die aus jeder Ritze der maroden Häuser strömt. Der Mief von Knoblauch und Fürzen im Geklapper von Dominosteinen und Gebetsketten in langen Heimkehrergeschichten. Die langen Bärte und kurzen Gedanken. Diese Scherenschnitte von betenden Männern mit Hintern in die Höhe - einer Art Todesengel ohne Hintergrund, aber mit Zukunft. Die Schwarzweißfotos unbekannten Daseins und detonierter Bomben. Und es fehlt ihm nicht die Angst, das Unmittelbare, der Schrecken über das Unerklärliche.
Nein, es fehlt nichts, und er wundert sich auch nicht mehr, - er ist neugierig wie gleichgültig. Falls man so unentschieden entschieden an solch einem Ort überhaupt sein kann, denn nirgendwo sonst ist es so kalt, ernst und grausam wie hier. Und das will was heißen.

Wenige Schritte weiter ist es ein ältere Frau, so meint er, die mit dünner Stimme um Hilfe ruft - und er daraufhin den heruntergekommenen wie stinkigen Hauseingang betritt, in dem die dann tatsächlich liegt, und er sie höflich fragt: „Kann ich Ihnen was helfen?“ Die zu ihm sagt: „Den Arsch wischen, Junge, dass kannst du mir ...“
Und da ist es dann wieder, da ergreift ihn diese elende Hoffnungslosigkeit, das unbeschreibbare Gefühl hilflos zu sein, machtlos und gleichzeitig demütig zu werden, zu sein - so etwas erfahren zu können, zu müssen, und nicht von irgendwem aus zweiter Hand mitgeteilt zu bekommen, dass es so etwas wie das hier wirklich gab. Dieses Leben, solch ein Sein. Denn es ist die Ohnmachten am eigenen Körper, die wächst wie Krebs mit Metastasen, diese Tode am lebendigen Körper, das ’wahnsinnig werden’ bei vollem Bewusstsein, wenn man liegt und stirbt - an einem warmen Tag im Sommer, da einem das warme Blut wie Pisse den Oberschenkel herunter rinnt. Dieses Verrecken im Dreck - und er dann, nicht nur um der Lust willen, hinein in diese wirkliche Endgültigkeit gleitet. In die Frage: mein Gott, wo bist du? Hast du meine Trauer gesehen? Kannst du meine Schmerzen erahnen? Diese Welle Leid fühlen? Nein, kann der nicht, hat er nicht, und hat so auch keine andere Wahl als diese - nimmt den Knüppel, der mehr eine Latte ist - ein ausgedientes Stück Holz -, nimmt etwas, das in diesem abgewichsten Hausflur liegt und schlägt das Teil der alten Frau auf den Schädel. Schlägt einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Volle Pulle schlägt er. Schlägt, schlägt und schlägt. Volles Rohr. Er schlägt diese Frau stellvertretend für alle Götter und Menschen -, er schlägt sie tot. Und es sind Hallen, die sich ihm dabei eröffnen. Kirchen. Moscheen. Kathedralen. Ein pompöser U-Bahneingang. Ein Dom. Konzertsäle, aus denen Musik erklingt. Mozart. Bach. Händel. Grieg. Gluck. Schubert. Chopin. Was er will. Es sind Ställe, Warteräume, blutige Dächer. Ein Schlachtraum. Schostakowitsch. Strawinsky. Dann Verdi. Es ist Winter, Sommer, wieder Winter. Frühling, Herbst. Nur Verdi. Dann nichts. Es ist ein schwingender Knüppel. Ein Stab. Musik. Ein sausender Hieb nach dem anderen. Stille. Ein Taktstock. Ein grunzen, blöken und schnüffeln. Es ist Blut. Liter von Blut. Tod. Schnarchen. Schlafen. Es ist, dass sich die Frau dreht, ihm die Zunge zeigt, ihn mit Augen wie Sonnen anblickt, während er schlägt. Es ist ein offener Mund aus dem Note um Note entweicht. Ist Tag und Nacht. Halb wie voll der Mond. Sonne. Requiem. Regen. Und eben noch hört er sie röcheln. Dann nicht mehr. Dann ist es dunkel, tief schwarz, wie tausend Meter unter dem Ozean. Ist Wasser - und jemand lässt quietschende Rollläden herunter. Es ist aus - der Tag vorbei. Fakt. Er ist gefickt. Ein Fake - und am Ende der Verarschung.

Ja, es gibt schöne Häuser hier. Große Mietshäuser mit Wohnungen die einen Dienstbotenaufgang haben. Mit Hinterhöfen durch Toreinfahrten, auf denen Putten wachen, oder Adler, weiß er, - sind so richtig großzügig geschnittene Bauwerke, wenn die bloß nicht so verfallen wären -, während seine Schuhe über den Beton knirschen, ihm alte und weniger alte Menschen begegnen, die er irgendwann wieder trifft. Alle. Und die leben, man kann es an deren warmen Ausdünstungen merken, an ihren Atemwolken, wie bei einem Wal - der eine Fontäne ausbläst.

Zu Hause angekommen ordnet er zu erst im Flur das schwarze Tuch über dem Spiegel neu -, es war verrutscht. Zieht sich dann aus, packt die verschmutzten Sachen in eine Plastiktüte, duscht, zieht sich etwas frisches an, nimmt die Pistole vom Tisch - und trägt den Abfall aus der Wohnung, nimmt ihn mit, als er die verlässt.
Er hat es eilig, denn im Abfall befindet sich das Eben. Der Gestank von Urin. Seine Schwäche. Die Vergangenheit. Seine Schuld. Auch die der Mutter. Wie schon so oft. Und er ist sich sicher: für heute ist Feierabend mit der ganzen Sauerei. Nur die Blasen an den Händen, die zerbissene Zunge und all das andere wird ihm eventuell morgen erinnern, auch weh tun, sollte er das Schmerzpflaster vergessen. Nein - nein, er vergisst es nicht. Warum sollte er? Er träumt den Traum ein berühmter Dirigent zu werden einfach weiter. Als er in der U-Bahn sitzt, liest er den Zettel des Vaters, der unter der Pistole lag: ’Mein lieber Sohn, ich fühle mich besser, wenn du sie hast’, schreibt der, ’pass bitte gut auf dich auf ...’ Ich fühle mich mit der Kanone auch besser, denkt er, als der Zug aus dem Bahnhof rumpelt - und das Hinken beim Laufen ist durch die neu verordneten und reichlich genommenen Tabletten auch so gut wie weg -, Vater. Doch nicht nur dass, denn in sein Ohr fetzt die neue Soundmaschine Bushidos ’Alles Gute kommt von unten’. Und genau das stärkt sein Wohlbefinden - und lässt ihn grinsen. Früher dagegen konnte ihn so etwas nur gelegentlich erreichen, da war fast nur Verzweifelung; es geschah ihm also im Wesen etwas Neues in Zeiten von Stahlgewittern Untoter, nämlich Schweineschach hinter dem Abort des Circus Maximus in Berlin Neukölln- Kreuzberg. Doch jetzt will er da nicht hin, obwohl er eben noch wollte. Also steigt er aus, wechselt den Bahnsteig, und nimmt den Gegenzug, da er nun beabsichtigt zum Haus seiner Mutter zu fahren, auch da er weiß, dass die nicht zu hause ist und er sich dort nicht irgendwelcher Zwänge unterziehen muss. Nein, er kann dort laut Musik hören, so laut er will - und dirigieren, und darauf freut er sich. Er freut sich ungerührt weiter, als ihm gegenüber einem Mann das Gesicht zertreten wird, der zwei Mädchen um die 12-14 Jahren vor einem Rudel Skins beschützen will. Es ist ihm egal, als nach kurzem Wortgefecht ein Südländer einem der Skins ein Messer in den Rücken rammt und von denen daraufhin am nächsten Bahnhof aus dem Zug gezogen wird und die Glatzen, mitten auf dem Bahnsteig, sein Gesicht mit Tritten ihrer Doc Martens in die Unkenntlichkeit zerschießen. Er wechselt lediglich in einen andern Wagon als unter einem Dutzend Steinwürfen, von einer Böschung herunter Nähe Onkel Toms Hütte, die Fensterscheibe zerplatzt, unter der er sitzt. Nein, ihn stört nichts weiter als die Glassplitter auf seinen Klamotten, die ihm eine ältere Frau hilft abzusammeln, wie ihm früher einmal Mutter Hunderte Kopfläuse absammelte, die er von einer Schulreise ins Bergische mitgebracht hatte. Nein, nicht mal das Jucken durch Läuse würde ihn jetzt und heute nerven. Eigentlich nichts. Nicht mal Mutter. Doch die war sowieso nicht da. Und das war gut so. Auch weil er zum Grab im Garten des elterlichen Hauses will - und dass alleine - wo sein Hund ’America’ unter der zweihundertjährige Tanne liegt. „Wie war sein Name?“, erinnert er sich an die für ihn damals dämlichste Frage der Welt.

Damals haben sie ihn gerade aus dem U-Bahnschacht geborgen - und neben ihm am Boden liegt in eine Decke gewickelt: ’America’, sein Hund. Als er dessen Zudecke hebt, qualmt dessen Körper noch. Riecht er verbranntes Fleisch, sieht glimmendes Fell, ahnt das Benzin, mit dem Hassan das Tier übergossen und dann angezündet hat. Ja, er hat den verbrannten Hundekopf vor sich, aus dem die Zähne wie ein Pferdegebiss hervorragen. Und er redet liebvoll mit seinem Hund, wie mit einem weltabgewandten Bruder, als ob der noch lebte und nicht verloren war, nicht wirr wie er, der in einer Art gestreiftem Bademantel neben dem Hund liegt, als wäre er wahnsinnig, als wäre er in einer Verrücktenanstalt total verrückt und der Hund eine festgewachsene Statue, die er nicht wegbekommt, als er an ihr zerrt, denn gut ein Dutzend Hände halten ihn davon ab, als wäre der Leichnam vom Hund eine Bombe, eine Sprengstoffmischung und alle die sind schaudernd und zitternd vor unterdrückter Erregung. Und es klingt wie ’tot’ und ’längst gestorben’ von ’überfahren worden’ ist die Rede, von ’verbrannt, der arme Hund’ und Erleichterung über das Versagen einer Zeitbombe, mit der sie auf ihn einprügeln, dabei war es doch nur ein Hund, - sein Hund!, das es ihn vor Angst und Trauer nur so schüttelte, und dann die Spritze ... „Das bin doch ich da ...!“, schreit er dagegen an. Und dann bringen sie ihn fort, tragen sein ’Ich’ in die Psychiatrie, verwahren ihn sicher wie einen atomverstrahlten Brocken tief im Salz eines Gorleben. Und er weiß noch nichts vom Endspiel aller Endspiele, über das Elfmeterschießen mit Gott, Tod und Teufel, usw., bei dem er im Tor steht.

Felix ist mit seinem Kopf in Vorstellungen von unerhörter Musik, und er erzählt Lana davon, - von Verwüstungen und menschlichen Verödungen, der Rettung der Welt, des Universums - und dergleichen, während der Wagen die Königin- Louise- Straße Richtung U-Bahnhof Dahlem dahinbraust - und in seinem Schlepp ein BMW mit getönten Scheiben, getuntem Motor, spurverbreitert, röhrender Auspuffanlage dicht auffährt. Es ist so eng zwischen den beiden Autos, dass der BMW fast die Stoßstange des Ghia berührt.
„Was will der von uns?“, ist Felix ratlos.
„Wer?“
„Na - der BMW hinter uns ...“
„Meine Güte!“, schreit Lana bei einem Blick nach hinten erschreckt, „dass ist Hassan -, sein Auto, gib Gas, ... Felix! ... mach schon ...!“
Doch der befindet sich ’real’ in einer Traumwelt. Ist inmitten von Burgen und Städten. Mit Helden, Armeen, Bösewichten und grauenhaft aussehenden Kreaturen. In der Prärie, einer Farm im Wald. Umgarnt von Zauberern, Feen, Zwergen, Greifen und Drachen, - Fabelwesen - und anderen phantastischen Gestalten. Und befindet sich schließlich auf einem Berg - in einer Burg.
Dort ist er Held einer verwegenen Truppe, einer Einheit, geführt vom Ritter des Guten, einem Schwertkämpfer. Krönt sich selber zum König - und heiratet Prinzessin Lana.
„Achtung, Felix, pass auf!“, hört er.
Dann kreischt Metall. Zuckt ein Blitz. Es stinkt nach Whiskey, Schnaps, Wodka, Wein und Bier. Oder so ähnlich. Das sind die lange gesuchten Vorräte meiner Mutter, weiß Felix urplötzlich, als er von ganz oben nach ganz unten stürzt. Sind Dutzende Flaschen Schnaps, gebunkert im Kofferraum des Ghia - und sie bestreitet heute noch süchtig zu trinken.
Der Durst von Felix bleibt trotz des Wissens ungelöscht, wie die Sehnsucht nach einer ihn erlösenden Erfüllung, dem Verlangen nach Lana, - die schmerzende Sorge um sie. Die wie ein Kloß in seinem Hals steckt - und aus schierem Blut besteht. Ihn husten lässt, dass es ihm rot aus den Ohren läuft. Und das alles am Ende der Welt in Berlin-Zehlendorf, U-Bahnhof Dahlem. Mein Gott! Auch schade um das Auto, den Karmann, der auf dem Dach liegt und völlig ramponiert ist, scheint es. Aus dem Lana auf allen vieren krabbelt und zum U-Bahnhof rennt, wie Felix, kopfüber im Wagen eingeklemmt, verschwommen sieht. Und einen Mann sieht er, einen in der Art von Hassan, der Lana hinterher läuft und irgendetwas ruft. ’Ich hab dich gleich -, bleib stehen -, du blöde Fotze -’, könnte es sein ... Dann schießt jemand zwei Mal. Und Felix platzt darüber fast das Trommelfell, so nahe ist der Knall.
... für dich schiebe ich die Wolken weiter, sonst siehst du den Sternenhimmel nicht ...

Er hat sich in den Nachklang der Schüsse wie in einen Mantel eingehüllt. Kann mit der Pistole in der Hand die ihn bedrohende Welt außen vor lassen. Andererseits fehlt ihm der Mut, um sich als Schütze zu erkennen zu geben. Auch reicht ihm die augenblickliche Ruhe, eine Zeit, in dem ein anderes Leben davon rinnt, während er als Wasserläufer seiner Jugend daliegt und vom dunklen Wald träumt, statt vom Tod in einer Zelle.
... weil mit dir der Morgen wieder kommt ...

Es ist das fatale Dilemma zwischen bleiben und gehen. Die wachsende Spannung zwischen sich und der Welt, als er längst in der Kreuzberger Wohnung in seinem Bett liegt, die Unterwäsche von Lana über seinem Gesicht zu liegen hat, ihren Geruch einatmet, dadurch beruhigt überlegt, ob es richtig war und ausreichend den Kabelbaum des Karmann aus der Verankerung zu reißen, die Autoschlüssel mitzunehmen -, um das Fahrzeug anderntags bei der Polizei als gestohlen zu melden. Ja, eigentlich ist er stolz auf sich, auf seine Umsicht - und darauf rational gehandelt zu haben, was ihm in letzter Zeit immer schwerer fällt. Und er will sich die Beispiele dazu nicht aufrufen, denn auch dadurch entsteht Auslöschung und Selbstaufgabe, ist er sicher, - während er verzweifelt versucht, Lana auf dem Handy zu erreichen.
... ich spür' Dich in meinen Träumen ...

Dann rattert urplötzlich sein Handy los, gerade als er in Gedanken da ist, wo man das Meer riecht. ’Komm an die Brücke!’ teilt ihm Lana ohne Gruß und Kuss mit. Brücke? Das ist hinter dem U-Bahnhof Schlesisches Tor ein neugotischer Bau, die Oberbaumbrücke, ein Symbol der Teilung der Stadt, von der man nun wieder einen satten Blick in die Zukunft haben kann. Lana und er sind dort ab und an auf einen der Brückentürme gestiegen, die diese Brücke so charakteristisch machen, um einen besseren Blick auf Kreuzberg, die Spree - und sich innig selber zu haben. Dann ist es wieder das alte Spiel - und alles wie gehabt, als er durch unterirdische U-Bahnhöfe, über Rolltreppen und durch Gänge auf dem Weg zur Brücke irrt. Sich suchend zwischen Betrunkenen drängelt. Über Erbrochenes und zerquetschte Bierdosen steigt. Sich zwischen Werbeplakate zwängt. An Wänden mit daran gelehnten Fahrrädern vorbei. Vor den nach ihm schnappenden Hunden flüchtet. Klapperigen Menschen an Würstchenbuden ausweicht, die sich undefinierbares Zeug zwischen die Lippen schieben. Es treibt ihn seine Neugier zu irgendwelchen Flittchen hin. Eine davon mit tätowiertem Halbmond und Stern auf der Brust -, die er anstarrt, - sich wie in Trance vergisst, nicht mehr weiß, was er soll und wohin. Sich in einem Raum befindet, in den etwas Licht durch ein mit Efeu bewachsenes Deckenfenster fällt, und auf der Orgel Händel Kirchenmusik spielt. Nun, er selber besitzt einzig die Nr.1 von Zadok: the Priest, aus das Best Choral Album von Various und Various als EMI Classi Audio CD von 1999.
Und es schmerzt, als auf schäumendem Wasser der Spree mächtige Eichenstämme donnernd vorbeiziehen. Als eine jungfräuliche Sonne zur Kantate ’Jesus bleibt mein Freund’ als Fackel leuchtet. Dann erfreut ihn das oft gehörte Largo mit Ombra mai fu - Di Vegetabile - Care ed amaile - Soave piu ..., als ihn wie Nadeln in das Licht ein Mann anpöbelt.

„Ey, Mann, - bist du Felix?“ Noch während er überlegt, „ja“ sagt, hört er die Drohung, mehr einen Befehl: „Du wirst Lana nie wieder sehen, verstanden?“, und wohl dadurch passiert es, dass schnell wie der Wind Grabeskälte in ihm vorherrscht und aus einem Schlund, der wohl tief in ihm verborgen ist, Rotz und Wasser herbeirast, so dass er vom Unglück übermannt zu schluchzen und weinen beginnt.
’Danielle de Niese solltest du mal hören’, will er, um sich und die Lage zu entspannen, sagen, ’die hat eine Stimme, da geht einem glatt die Sonne auf!’ Doch es kommt anders - und er spürt den Schlag nicht mal. Als er nach der Ohmacht wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins kommt, hat sich trotz Händel und Danielle de Niese die Dunkelheit nicht einen Deut aufgehellt. Auch der eben noch gehörte Chor bleibt komplett weg, - wie abgeschaltet. Lediglich in dem Haus gegenüber brennt matt gelb eine Lampe, wie er sieht. Und was ist eigentlich gemeint mit: ’Lana nie wieder sehen?!’, grübelt er, während er die Beule an seinem Kopf massiert.
... schattiges Dach! Ruh ich hier still entzückt, was mir das Herz bedrückt, versinkt gemach ..

Er quält sich zum Bahnhof. Als er an eine Pfeiler gelehnt einen Moment ausruht, die Augen schließt, uriniert jemand auf seine Schuhe, schüttet ihm Currysoße übers Hemd, reißt ihn am Ohr und stößt seinen Kopf an die Wand. Mehr aus einem Reflex heraus schlägt Felix zurück. Mit blutender Nase lässt der Typ von ihm ab, verlässt den Bahnhof - und lächelt. Hinter ihm erscheint ein Schriftzug: Du würdest keinen Abend auf diese Art beginnen. Warum also ihn so beenden?

Mit größter Selbstverständlichkeit bepissen sich ihm gegenüber im hohen Bogen drei Punker, schmieren sich gegenseitig Kotze in die Haare. Schock und Ekel in der Werbung als nationale Erziehungsstrategie? Felix blickt auf das Plakat daneben. Werbung von Benetton. Es zeigt die nackte, auf 31 Kilogramm abgemagerte Französin Isabelle Caro. Dicht dabei wirbt man mit übergroßen Todesanzeigen, um Autoraser zu bremsen. All das entgegen den Sehnsüchten des geifernden Publikums?
Ihm ist schlecht, wie früher nach einer Runde Komasaufen. Er fühlt sich, als wäre er ausgesucht zum Leben in Leiden. Zum reinen Leben in reinem Leid - in stickiger Luft zum Atmen. Warum bloß? Warum schickt ihn das Schicksal nicht wo anders hin, an die See zum Beispiel. An eine unwegsame Stelle der Erde, wo es keine Menschen gibt, und wenn, dann welche die kaum sprechen und eine andere Sicht auf die Dinge im Blick haben. Warum nicht dort hin, wo seine Seele nur Musik sein kann? Nein, scheiße, er muss hier bleiben, und sich von einer fremden Macht auf Entzug setzen lasen. Quatsch, er muss Lana finden, sonst bleibt ihm die Seele wie ein Kloß im Halse stecken. Und das hat er schon in den stummen Jahren seiner Kindheit mehr als einmal hinter sich gebracht, als er nur durch die Musik dem Kessel der Einsamkeiten entkam. Diesem vom Großvater aufgebauten Horrorreich der Lüge, die der ihm mit den Rohrstock einbläute. Und er hat bis heute nicht vergessen wie es ist, in einer rohen Welt zu leben. In einer verlorenen Kindheit. Die in der Ahnung eines nicht mehr wieder zu gewinnenden Glücks ihm für viele Jahre sämtliche Freude auslöschte. Ihm eine Art Verhärtung erschuf, die er später im Schimmer halbseidener Freunde aufzuweichen versuchte. Im homosexuellen Milieu. Dann in den Armen von Sascha, einem Freund aus der Musikschule. Immer Frieden im Dunkel seiner Verbitterung erhoffend. Doch es war alles ein Fehler, weiß er jetzt.
... wie mein Reim auf Schmerz ...

Trotzdem will er zu Sascha - ihn nach einem Rat zu fragen. Und bedingungslos ehrlich will er zu ihm sein. Nicht mehr so la la wie damals.
... mein Name an der Tür ...

Er drückt den Klingelknopf und hört im Lärmen und Tosen des eigenen Ungeheuers im Kopf das traurige Summen seiner Seele, das ein persönliches Dokument eines Risses ist, denn Sascha hat ihn einst sehr geliebt - und er hat ihn verlassen, weil er es nicht aushielt - geliebt zu werden. Und Gott, der sie eventuell hätte retten können, war nicht zu hause, als Sascha sich aus dem Fenster der Verzweiflung in die Neugier des Todes stürzte.
… di provenza il mar, il suol …

Gut, Sascha hat überlebt, aber um welchen Preis.
Der Preis schaut dir aus dem Spiegel ins Bild, hat ihm Sascha im Krankenhaus geantwortet, als sie sich zum letzen male sahen.
Aus dem Spiegel in die Augen, nicht ins Bild, wollte Felix verbessern, hatte es aber dann wegen der Umstände gelassen. Doch jetzt wird er ihm gleich in der endgültigen Auflösung von Genus und Sexus in eben diese Augen sehen -, in dieses Bild, seinen Spiegel - und sich in allem wieder finden ... und er ist sich sicher, es ist auf jeden Fall eine ernste Angelegenheit aus dem Geröll und der Unerbittlichkeit eines Kummers inklusive Schuld namens Sascha herauszukommen.
... soll die Empfindung Liebe sein? ...

„Wer ist da?“ Hört er durch die Tür.
„Felix!“
„Der Felix?“
„Ja!“
„Warte, ich muss mir erst was überziehen ...“
Und dann öffnet sich nach einer kleinen Ewigkeit die Tür und er steht da: Sascha, wie auf der Ballettbühne. Knappe Hose, enges Hemd. Alles ist zu sehen, nichts vom Stoff wirklich verborgen, jeder Traum kann geträumt werden. Der ganze Mann eine einzige Partitur, denkt Felix.
„Sascha!, da bist du ja ...!“ Und Sascha ist eine Alpensinfonie, ist Zarathustra, Don Juan, Eulenspiegel, Tod und Verklärung und so weiter. Ist Star in einem Ballett von Strauss. Herrscht als trotzig schöner Mann über seine eigene Welt, die nie von gestern war, die das heute ist. Fast perfekt inszeniert, - lediglich der Stock, auf den er sich stützt, macht ihn zu einer Pantomime eines Krieges, der sein anderes Leben ist und im näher herantreten Hautauschläge zeigt. Beulen und Eiter. Seine Krankheit. Diese idiotische Seuche. Das Aufbäumen im Vorabend des Lebens in ein Heute, dass schon ein Gestern ist. Eine magere Hand, ein Arm und die Frage:
„Möchtest du nicht hereinkommen?“
„Ja, klar!“, sagt Felix, „gerne -, sehr gerne Sascha.“
Und dann ist Zeit für Gustav Mahler. Dirigent. Operndirektor. Jude. Musik. Das Lied von der Erde. Und in Trunkenheit von Vergessen halten Sascha und Felix sich in den Armen. Suchen stumm nach Fragen, erhalten stimmlos Antworten.
... und nur eine einzige Wolke zieht am Abendhimmel hin ...

„Dich hat es ja auch ganz schön erwischt -, was, Felix?“
„Ein Unfall!“, antwortet der. Doch dann bricht es heraus und er kotzt, als hätte er Unmengen getrunken. Schaufelt ungeheure Wörter aus der Halle des Verdrängens in das Jetzt. Trennt die Welt bei Sascha von der rauen Wirklichkeit und den uniformen Gedanken und Sehnsüchten auf Erfolg, dem er von seiner Herkunft her unabwendbar angehört, und den er als Zwang auch nicht vergessen kann und vielleicht auch nicht will, auch wenn er andererseits all das wegen Lana verlassen möchte, und ihm darüber die vorbestimmte Zukunft abhanden kommt. Was er aber nicht weiß - und auch nicht wissen kann.
„ ... und das Auge?“
„Ist Glas!““
„Und sie liebt dich trotzdem?“
„Ja, Lana ist ein ganz besonderer Mensch!“
„Dann solltest du alles daran setzen, sie zu finden.“
Durch diesen Rat von Sascha ist nur noch der Himmel eine Grenze für Felix.
… dream a little dream of me …

„Sag mal, wie geht es eigentlich deiner Mutter?“
„Die ist zur Kur!“
„Immer noch das alte Problem?“ und Sascha macht die Kippweg zum Mund.
„Leider, immer noch das gleiche Problem.“
„Grüße sie von mir,“ sagt Sascha, „du weißt, wie sehr ich sie verehre; Sie ist und bleibt immer eine der großen Stimmen der Gegenwart ...“
„Ich werde ihr es sehr gerne ausrichten, versprochen!“
„OK, man sieht sich, oder?“, fragt Sascha.
„Auch versprochen!“, antwortet Felix.
Dann, als sie sich zum Abschied in den Armen halten, weiß Felix Sascha als Freund zurück, und das nicht nur, weil sie als Paar eine Vergangenheit besitzen, nein, weil sie als Freunde eine Zukunft haben. Eine bessere, als die normierten Gedanken damals, als sie in den Monaten der Lügen von Sex besessen waren und nur den meinten, aber Liebe sagten. Und fast auf den Punkt fällt ihm ein, wo er Lana suchen muss: nämlich in Spanien!
’In Andalusien haben wir ein Haus, ein herrliches Refugium. Da kann man fantastisch ausruhen ...!’, hört er sie schwärmen.
Mit diesem Gedanken, dem Plan, sie zu suchen, fährt er zum Vater, ins Krankenhaus, und trifft auf einen Blick, der leer ist, der leer bleibt, und der verzweifelt ist, als er sagt, dass er für einige Zeit weg muss.
„Und dein Studium, Junge?“
„Es sind doch noch Semesterferien, Vater.“
„Und danach?“
„Ich weiß noch nicht. Eventuell mache ich eine Pause, gehe in Privatunterricht; ich muss mich sowieso erst wieder einspielen ...“
„Aber du gibst es doch nicht ganz auf, Felix?“
„Niemals, Vater, niemals. Großes Ehrenwort!“
„Schön, das hilft mir, das beruhigt mich ...“
„Es wird schon, Papa, versprochen.“
Was man alles versprechen muss, denkt er, dabei würde man sich manchmal wünschen, dass es einem Sprache und Worte verschlägt, bis man aus dem eigenen Kummer und der unwirklichen Wirklichkeit wieder heraus ist.
„Was hat es denn heute zu essen geben?“, will er ablenken.
„Wikingerrisotto!“, antwortet der Vater.
„Um Gottes willen, was ist das denn?“
„Das ist eine nicht genau zu definierende Masse aus Fischresten und Reis“, lacht der.
„Ach - schön, du kannst ja wieder lachen ...“
„ ... nur weil du da bist!“
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten, Papa.“
„Sag schon ...“
„Ich brauche von der Familie von Hassan, du weißt schon?, die Anschrift in Spanien; die haben in Andalusien ein Haus. Kannst du das managen?“
„Meine guten Kontakte zur Staatsanwaltschaft werden es ermöglichen ... Geh nach hause, und warte dort auf meinen Anruf.“
„Herzlichen Dank, Papa!“
„Wenn es weiter nichts ist. Und denke daran: ich habe dich lieb ...!“
„Ich weiß. Und ich werde daran denken.“
„Noch eine Bitte: tu nichts Unüberlegtes.“
„Versprochen!“
Vorwärts treiben ihn die Schallwellen von Fröhlichkeit. Schütten durch harmonische Klänge Dopamin aus. Lassen in seinen limbischen Regionen unentwegt Glückshormone sprießen. Und so spielt er Bachs Matthäus-Passion auf der Orgel, wegen des so genannten Chilloutfaktors, den er sich im Kleinhirn zu Rhythmus, Tempo und Klangfarbe registriert. Dann ist er zurück, daheim, in diesem seltsam verbauten Bezirk mit den abertausend Satellitenschüsseln. Ist vorbei an Menschen, die so grau wirken, als hätte man alle Farbe der Welt aus ihnen gewischt. Wo andererseits unter grell bunten Leuchtreklametafeln die Porsche und Mercedes der Kneipen- und Drogenbosse neben Toyotas und Kias mittelständischer Anwohner parken. Wo er, als sich beim herannähern an sein Zuhause die Vorhänge der Parterrewohnung bewegen, beobachtet fühlt, - doch ohne jeglichen Argwohn das Haus betritt. Seine Gelassenheit auf die ihn beobachtenden ist noch relativ neu für ihn, denn vor wenigen Wochen hat er deshalb skeptisch in sich hineingehorcht, ob er tatsächlich glücklich, verliebt oder eben gesund wäre, und was die Leute in ihm sehen würden. Nun ist es so, dass er das andauernde beobachtet werden als positiv empfundene Spannung hinnimmt. Doch plötzlich hat er das dritte Auge. Der eben noch selbstvergessene und beschwerdefreie Zustand ist einer seltsamen Erregung gewichen. Und genau die zerstört, was er sucht, indem er es findet -, und schon liegt er im Hausflur an der Erde, ein Messer am Hals, ehe er Piep sagen kann. „Wenn du schreist, schneide ich dir die Kehle durch!“
... es ist - als er geschlagen, getreten, bespuckt, angepinkelt, mit Kot beschmutz, vor Angst schwitzt, in Schmerzen stöhnt, sein Körper wie im Frost zittert und der Boden kalt wie Eis - wie immer ...

„Halt seine Arme fest!“ Dann spürt er in der rechten Armbeuge einen Einstich. Daraufhin wird ihm überall heiß, - und wie auf Befehl beginnt ein Leben in Aufruhr von Seele und Körper. Seine inneren Organe rebellieren, und sein unmittelbares psychisches Bestreben nach Normalität führt dazu, dass sein Dasein nicht mehr ist, was es eben noch war. Doch bisher sind nur zwei, drei - oder auch zehn Minuten vergangen? „Du kannst ihn jetzt loslassen!“ Hört er. Vernimmt dann Schritte, die sich von ihm entfernen. Und Lachen; da liegt er noch mit bleischweren Gliedmaßen im Hausflur auf den Fliesen. Akustisch herrscht totale Stille, und er könnte tot sein. Doch nur Momente später ist, als sei ein ganzheitliches Urlaubsprogramm für Körper, Geist und Seele in ihm geschaltet, - er kann sich bewegen, mühelos aufstehen. Fühlt sich fast wie Angelotti in Giacomo Puccinis Tosca. Einerseits. Andererseits kämpft er gegen die Korruption in seiner Seele an, - die in seinem Geist. Zwischendurch klingelt ein Handy mit Tangomelodie. Doch er verweigert das Gespräch, will in die Wohnung - den Musentempel als perfekte Oase, um sich dort auszuruhen und seine geschundene Physis zu pflegen. Ein Schwindelerregendes Gerüst ist das Treppenhaus, dass er empor steigt. Ist eine Kuppel, die sich leuchtend wölbt. Ein Deckenlicht, das ihn grell blendet. Furios auch die Stille in dieser Höhe, die ihm sämtliche Eigen- und Aussengräusche wegfiltert.
... warum bloß, trägt er eine löcherige Lederschürze, den gelben Schutzhelm und diese mit Nieten besetzten Handschuhe?, die klumpigen Filzstiefel? Es kommt ihm vor, als sei er derzeit die einsamste Baustelle der Welt. Denn es stimmt, muss er sich eingestehen, er weiß nur wenig vom gelebten Lieben und Leiden, von Furcht und Wut - und was einem Menschen so alles passieren kann, und so weiter; er weiß mehr vom Singen in der Oper davon und darüber. Und das ist für jetzt zu wenig. Doch es wird. Denn das Wissen kommt mit der eigenen Erfahrung, ist dann unsterblich, und bleibt es auch, wenn man will. Und er will, unbedingt. Nichts mehr als das: er lechzt förmlich danach, und nach Satisfaktion! Das aus seinem Mund laufende Blut putzt er am Hemdzipfel ab. Dann ist er in der Wohnung, die Welt ist zum Stillstand gelangt, er wirft sich aufs Bett und hört Charlie Parker. ... Improvisationen, Sie wissen schon, und wenn Sie genau genug zuhören, dann können Sie die Melodie entdecken, die sich innerhalb der Akkorde weiterbewegt ..., sagt Charlie. Wie eine Schneise, diese Worte, die ein Musiker in die Natur schlägt. Eine Lichtung in einem verwunschenen Wald. Menschen wie Töne. Töne wie Schaufensterpuppen. Zombies. Und er, in seiner Bedeutungslosigkeit, - hoffnungslos. ... in jeder beliebigen Folge von Akkordstrukturen wird sie mehr oder weniger gehört oder gefühlt ...

Felix ist voll auf Droge. Er steht auf, legt das Ohr auf den Fußboden - und tritt in eine fremde Welt ein, in das Leben außerhalb der Spiegel - und erlebt Momente im Zwischenreich von Idylle und Horror, dem Übergang von Diesseits zum Jenseits. Sieht sich in einem Bild von Edward Hopper als eine Mischung aus Mutter Teresa und Norman Bates. Ist ein aufgebrochener Acker, auf den er seine Angst, die Wut und sein Blut spucken kann. Dann gibt es nichts mehr um ihn herum. Kein Stuhl, kein Tisch, nur den Nebel in seinem Kopf. Diese erschreckende Leere, unterbrochen von Bildern aus der Vergangenheit, aus denen er nicht schafft, zu entfliehen. Dann wieder liegt die Trauer um den Verlust von Normalität hinter ihm. Er sagt nichts mehr, denkt nicht - und vermeidet so weitere Eskalationen und den Schmutz der Alltäglichkeit. Als er im Gestank seiner Exkremente wach wird, befindet er sich in einer Zelle. Polizeigewahrsam. Neben ihm grölt eine Clique Sadisten Fußballlieder. Die Schergen haben ihm den Gürtel weggenommen, die Schnürsenkel, die Schuhe. Die Hose muss er beim Aufstehen mit der Hand festhalten. Fahrscheinkontrolle, Ausweis vorzeigen, hört er. Er lächelt, geht Richtung Tafel und schreibt seinen Namen darauf. Hat Hunger, pflückt eine Banane aus der Staude, die aus dem Fernseher ragt. Sie ist grün. Er versucht, von der Farbe Abstand zu halten. Von deren Geruch. Denn das Problem ist die Gefahr. Ansonsten hat sich im Laufe der Zeit nicht viel verändert. Und Gegenwehr ist sowieso zwecklos.
... es waren tatsächlich die leichter zu transportierenden Acetatschneider und Magnetbänder auf Papierbasis für Parker-Aufnahmen, statt, wie von Dean Benedettis behauptet, die Verwendung von Stahlbandmaschinen, wurde von Miles Davies kritisiert ...

„Was machst du denn hier -, Papa, bist du entlassen?“
„Du hast dich zwei Tage nicht gemeldet, also musste ich nach dir sehen ...; nein, entlassen bin ich nicht.“
„Weißt du, ich muss wohl übermedikamentiert haben“, sagt Felix
„Den Eindruck habe ich auch. Du solltest vorsichtiger sein ...“
„Ja, mache ich. Hast du die Anschrift in Spanien?“
„Auch deswegen bin ich hier, ich wollte sie dir persönlich bringen - bevor ich weg muss.“
„Wieso weg muss?“
„Ich muss wegen einer Rehabilitationsmaßname in das Herzzentrum nach Rüdersdorf.“
„Für wie lange?“
„Vorgesehen sind sechs Wochen.“
„Das ist nicht wenig ... Wenn ich kann, werde ich dich besuchen kommen!“
„Ich werde mich sehr über deinen Besuch freuen, meine Junge.“
„Wann geht es denn los?“
„Jetzt gleich. Ich packe nur ein paar Sachen zusammen. Und du, geht es nach Spanien?“
„Ich habe hier erst noch etwas zu erledigen. Wenn ich fahre, sende ich dir eine SM.“
„Mach das. Und pass auf dich auf.“
„ ... und du auf dich!“
„Ach, fast hätte ich es vergessen: hast du was von Mutter gehört?“
„Ja, sie rief neulich an. Es geht ihr gut, soll ich ausrichten - und grüßen.“
„Danke. Grüße sie auch ...“

Der Raum wird größer, als er aufsteht, nachdem sein Vater die Wohnung mit einem Abschiedswort verlassen hat. Auch riecht es nach Ausdünstung und Veränderung. Und er hat irre Schmerzen, als er sich wie auf Stelzen gehend bewegt. Er schreit deswegen. Spuckt, flucht und verwünscht sich. Ahnt, dass er von Hassan angefixt wurde, so unter Stoff gesetzt, dass ihm die Adern der Arme fingerdick hervor treten, und er eigentlich die Notrufnummer anrufen müsste.
Auf den wenigen Metern zur Dusche ist es wie durch Feuer zu gehen. Sogar die Luft scheint brandheiß am Körper anzukleben. Und Ballett ist lange was anderes, denn er muss bei jedem Schritt an die Grenze zum Schmerz und darüber hinaus. Aber das alte Leben muss runter, weiß er. Jetzt und sofort. Egal wie! Also los.
... Banquo: Die Erd' hat Blasen, wie das Wasser hat, so waren diese - wohin schwanden Sie?
Macbeth: In Luft, und was uns Körper schien, zerschmolz wie Hauch im Wind. Oh, wären Sie noch da! ...

Er ist geduscht, rasiert, und zwischen Macbeth und dem Tosen des Alltags ist Tango. Das ewige Lied der unsterblichen Liebe. Aber nicht deshalb weiß er, was zu tun ist. Nimmt die Pistole, steckt sie hinten in den Hosenbund und verlässt die Wohnung. Über die blitzblank polierte Messingtafel seines Nachbarn gegenüber mit der Inschrift ’Routine und Improvisation sind Todfeinde’ kann er lachen. Genau das braucht er gerade noch, denn es ist immer noch Unruhe in ihm. Reste von einem Rausch, als führe ein Bus durch ihn hindurch. Ein Radfahrer streift ihn. „Pass doch auf, du dumme Sau!“
Er geht schneller, folgt dem Pfad, einer Schleifspur, torkelnd von Geschwindigkeit, dem Saft aufgequirlten Graffitis entgegen, dem miefigen Sog von U-Bahnen, die sich rund, prall, fett, gelb in ihn bohren. Mit ihrem Scheinwerferlicht durchlöchern. Grenzen ziehen.

„Sie sollten meiner Verordnung schon Folge leisten ...“
„Danke, Herr Doktor“, sagt er, die Untersuchung beendend, „aber hier bleiben kann ich nicht!“
„Auf ihre Verantwortung!“, erwidert der Arzt und verlässt kopfschüttelnd den Untersuchungsraum.
Rot, denkt Felix -, sterbende sehen diese Farbe zuletzt. Er selber schwebt zwischen Wachen und Schlafen. Dem unbestimmten Bereich zwischen Wollen und Können. Auch hört er dieses Brummen wieder, und ihm scheint, dass es ständig stärker wird. Denn es erfüllt nun den Raum. Die Wände, die Decke. Fenster und Tür. Und immer die gleiche Frage nach dem Wieso.
... statt dessen also verlangte der Schaffner von Castorp, er solle ihm sagen, in welche Zone er zu fahren gedenke. Das war eine so unerwartete, eine so dumme und unverschämte Forderung, dass der junge Mann mit erhobener Stimme verkündete, er sei nicht von hier und es werde wohl genügen, den Namen der Haltestelle zu nennen, zu der er wolle ...

Er steht zum Glück im ersten Wagen, Baureihe A3L71, der U-Bahnlinie 7, Fahrtrichtung Rudow, direkt hinter der Fahrertür. Er klopft gegen die Tür. Der Fahrer öffnet, und Felix hält ihm unmittelbar die Pistole an den Kopf. „Fahr schneller!“, befiehlt er.
„Sind Sie sich da sicher?“, fragte der Schaffner und verkaufte seine Fahrkarten an die nächsten Passagiere, als sei nichts geschehen, gab das Restgeld heraus und lochte die kleinen rechteckigen Kärtchen den Wünschen entsprechend. Die stinkig, sauerstoffarme Hitze erdrückt ihn fast. Alles glänzt und flirrt in einem plötzlichen Blitz, den er sich nicht erklären kann. Schweißperlen laufen die Fensterscheiben herab. Und die Blendung der Scheibe entzieht seinem Umfeld jegliche Farbe. Aus den Plastiksitzen mit den tätowierten Mustern züngeln Flammen. Rauch erfüllt den gesamten Wagon. Die Existenz eines Feuers macht womöglich auf eine Gefahr aufmerksam, denkt er, und bleibt in seiner Aufgeregtheit dennoch ruhig. „Fahr schneller!“
„Mach ich doch ...!“
Dann ist jemand mit einem Feuerlöscher da, sprüht massenhaft Pulver in die Flammen und schreit: „Feuer, Feuer , - alles sofort raus!“
Vom anderen Ende des Wagens kommt ein Typ gelaufen und wirft seine Kippe in das halb erloschene Feuer. Danach sein Feuerzeug. Ein Päckchen Zigaretten. Dann pisst er drauf.
„Wollt mir sowieso das Rauchen abgewöhnen!“
Der Zug steht. Das Feuer ist aus. Der Typ hat die durchweichte Zigarettenschachtel in der Hand, sucht im Schrott nach seinem Feuerzeug. Felix blickt ihm beim hinausgehen auf die Stirn, hinter der ein Friedhof statt Lebenssinn liegt. Er geht auf die Treppe Richtung Ausgang zu. Zwei Schritte nur, dann beginnt sich sein Körper vom Boden zu lösen, als hätte er Hermesflügel. Und genau in diesem Zustand der Schwerelosigkeit fliegt er wie ein Blatt im Herbst davon. Befindet sich über Feldern, über Hügeln, hoch und weit weg von den Gefahren der Stadt. Im Hochgefühl ruft er etwas wie ’Freiheit für alle’. Doch es gibt keine Antwort, nicht mal von dem Raucher, der ihm heimlich gefolgt ist. „Haste ma n Euro, Alter?“
„Verpiss dich!”, ist seine Antwort.
„Mach mal entspannt, ey ...“ Dann stürzt der Typ mit einem Urknall ab, und das Universum verschwindet getarnt als schwarzes Loch im U-Bahnschacht. Und auch wenn sie ihn jetzt freilassen würden, mit einer Million zum Schweigen verpflichtet, dieses saukomische Bild wird er nie im Leben vergessen und nicht aufhören, davon zu erzählen.
… and even my bad days ain't that bad. Yeah, I'm a lucky man. I'm a lucky lucky man …

Er läuft über den Hermannplatz, will dahin, wo er Hassan vermutet. Sieht Lana vor sich, mit einer Art von afghanischer Mütze auf dem Kopf, Perlen bestickt. Er läuft ihr hinterher, erreicht sie, fasst sie bei der Schulter - und dreht sie um, blickt in ein Gesicht mit einem Vollbart, der bis zur Brust reicht. „Entschuldigung!“, kann er noch sagen, dann treibt es ihn weiter. Ein Stück Papier im Wind der Hoffnung. Und er hinkt nicht. Sein Bein lahmt nicht mehr einfach nur so.
… where the children of tomorrow dream away.
In the wind of change …

Er folgt sich, seiner Erinnerung, wie er vor wenigen Tagen dem Jungen folgte, der ein paar Meter Vorsprung hatte. Es geht in Richtung vom Imbiss, am Ende das Platzes. Ögan, steht noch immer an dessen Front. Wie neulich bleibt er unschlüssig vor dem Laden stehen. Direkt unter der Fahnenstange mit Tuch ’Heute frische Wurst’. Sein Blick durch die Fensterscheibe bleibt wieder am Fleischspieß hängen. Dem grässlichen Anblick des Fetzen Braten, auf den die Würmer nun nicht mehr schielen, sondern sich durchgekaut haben und auf der Theke spazieren, sich recken und strecken, als wären sie Topmodels und Mode vorführen. Daneben vergammelte Salatreste. Grüner als grün das Dressing. Und im Laden ist niemand zu sehen, genau wie damals. Felix grübelt, was zu tun ist. „He, Fotze, willst du zu mir?“
… the future's in the air. I can feel it everywhere. Blowing with the wind of change ...

„Zu Lana - und Hassan.”
„Zu wem nun, Fotze. Musst dich schon entscheiden!“
„Bist du Hassan?“
„Wer sonst?“
„Dann kannst du mir ja sicher sagen wo Lana ist?“
„Dir? Fotze? Warum dir?“
„Ich bin ihr Freund!“
„Ach - du bist das ...“
„Nun sag schon - ist sie hier, oder in Spanien?“
„Ey, nicht hier, Fotze, komm erst mal rein, wird gleich regnen ...“
Felix hat keine Angst, schließlich weiß er um die Pistole im Hosenbund. Und doch ... Auch ist es so, wer von Außen her ins Zentrum will, braucht viel Charakter, um die harte Schicht von Selbstschutz zu durchstoßen. Und er ist ja nicht blöd, er weiß, dass er eventuell durch die Hölle gehen muss. Und das Ende könnte dann ein Zusammenbruch, eine Depression und schlimmer noch - unendliche Wut im Schrecken bis hin zur Mordlust sein.
„Geh vor, Fotze ...!“, sagt er entschlossen.
... I follow the Moskva. Down to Gorky Park. Listening to the wind of change …

Drinnen hört er wieder dieses Brummen -, und auch scheint ihm, dass die tiefen Schwingungen rasant zunehmen, fett werden wie die Regenwolken über dem Platz eben noch. Es erzittert schon der ganze Raum. Die Wände, die Decke. Fenster und Türen. Musikalisch gesprochen: hier wäre ein unmittelbares Stopp angebracht! Ein kassieren des Wettbewerbs - und neues Nachdenken. Vielleicht etwas mehr Holz und die Erhärtung mancher schallschluckender Stoffe könnten längere Nachhallzeiten ergäben, würden eventuell das Brummen verhindern. Könnte aber auch sein, dass das Brummen von den Hunderten Würmern, scheinen Fliegenlarven zu sein, die auf einem Tierkadaver auf dem Fußboden übereinander krabbeln, kommt. Und dieser Gestank . Ey, worum geht es eigentlich im Leben?, überlegt er. Um fressen und gefressen werden? Um die ’da oben’ und uns ’da unten’? Um das, dass man Zeit darauf verwendet den eigenen Kadaver abzukochen? Geht es darum? Und was soll solch ein Gedanke überhaupt?
„Die Fotzen haben mir den Hund vergiftet!“, sagt Hassan, „die werden noch von mir hören!“
„Wer?“
„Die da draußen - alle!“ und Hassan beschreibt mit seiner Rechten einen Kreis, der die gesamte Welt einschließen kann, und Adolf Hitler, dessen Konterfei als Trash an der verkohlten Wand hängt. Und genau das ist die Erklärung: Hören und Sehen. Partner sein für Auge und Ohr. Den Durchblick mit Löffel dran. Nicht diese verkackte Trashscheiße auf den Bergen des Wahnsinns der Stadt Pantheon.
… that is not dead which can eternal lie, and with strange aeons even death may die …’’ the call of cthulhu’’ - Lovecraft

Am Anfang war der Urknall, aus dem die Götter entstanden. Das Chaos in der Nacht ist die Mutter des Tages. Des Schlafes Bruders der Tod. Ein ihm vorausgehendes Alter und hinüberleiten ist die Missgunst des Streites der Rache des Verhängnisses des Verderbens der Mühsal, - aber auch der Freundschaft und Zuneigung, die die Kinder der Nacht mit der Finsternis gezeugt haben.
„Was willst n nu?“
„Hast du es an den Ohren? Ich will zu Lana!“
„Die ist aufm Bello.“
„Wo?“
„Auf’m Klo - Mann ..., da hinten.“ Und Hassan zeigt vage mit dem Daumen über den Rücken in die Luft. Doch Lana ist nirgends zu finden. Felix brüllt nach Hassan, flucht, betritt den Verkaufsraum, sieht die Polizisten, das zuckende Blaulicht vor der Tür und hört die Frage wer er sei - und ob er die tote Frau kenne.
... nur Steine leben lang, sie kennen keine Zeit, keinen Zwang. Das bisschen Wasser das sie kleiner macht ist, ist wie ein Streichholz in der Nacht ...

„Ich sehe nur Maden,“ beantwortet er die Frage, während sein Herz lautlos zu Boden fällt, seine Lunge in Anstrengung schweigend keucht, und er elende Mühe hat Atem zu holen, heißes Drängen in seinem Schädel summt, als hätte er einen aufgeheizten Wasserkocher da sitzen. Dann erschüttert eine Explosion seinen Körper und seine Augen verharren auf ewig in Kalk und Spinnweben. „Nun sehen Sie schon endlich mal hin, Mann!“, forderte der Polizist ihn energisch auf, „ ... kennen Sie diese Person?“
„Es ist der Hund von Hassan,“ antwortet er in die verbrannte Wand hinein, in die Fresse von Adolf Hitler, und erkennt die 60 jährige Frau mit Kopftuch und Kunstpelzjacke über Rock als Lanas Oma - hört deren damalige Frage. „Isse nich süß?“
… Nessun dorma! Tu pure, o Principessa, nella tua fredda stanza guardi le stelle che tremano d'amore e di speranza ... und mein Kuss löst das Schweigen.
Doch die Alte ist und war nicht süß. Die rülpst und furzt auch niemals wieder - verlässt den Laden mit der klemmenden Holztür ohne Anstrengung in einer Zinkwanne, von zwei Männern in schwarzen Anzügen getragen. „Und nun mal zu Ihnen, junger Mann!“, sagt der Polizist.


Stand 07. 02. 2012 – Michael Köhn